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Sunny and Seventy (Dienstag, 23.07.2013)

August 28, 2013

Texas Panhandle, der Texas-Pfannenstiel, liegt im Norden und gilt als eine der konservativsten Gegenden der USA.

So gesehen, passt David ganz hervorragend hierher, wenn er betont, dass Texas eine freie Republik war, uns stolz zeigt, dass die Texanische Flagge auf gleicher Höhe wie die Amerikanische weht (ABER NICHT HÖHER!!!), in anderen Staaten hinge die Staatsflagge immer tiefer als die Stars and Stripes. Texas Panhandle, das vor fast 100 Jahren versuchte, ein Gesetz über die Gründung eines Staates Jefferson in den Kongress zu bringen.

Ich glaube, hier ist es ein bisschen wie in Bayern. Ganz wunderbare Menschen, gastfreundlich, humorvoll, gesellig… solange man nicht über Politik spricht.

Jack, der Freund, der im plötzlich ganz nahen Texas geboren und aufgewachsen ist, kommt genau aus dieser Ecke des Landes. Jack, der schon lange in Deutschland lebt, redet gern über Politik.., wenn es nicht gerade um das militärische Engagement der USA in fremden Ländern geht. Über seine eigene Beteiligung spricht er in Europa eh nur mit Leuten, die er lange und gut kennt.

Ich erzähle David von einem anderen Freund. Der war auch in Afghanistan. Als Leutnant der Sowjetarmee. Er entkam der Hölle, wie er es nannte, erst, als er schwer verwundet wurde. So schwer, dass er nach Hause geschickt wurde. Nicht entlassen, als Reservist. Als in Tschernobyl ein Reaktor explodierte, erinnerte man sich an ihn. Seinem kurzen Einsatz folgte eine langer schwerer Kampf gegen den Krebs, den er nach  Jahren besiegt zu haben schien, nach der Jahrtausendwende aber doch verlor.

Ja, grübelt David, damals rüsteten wir die Feinde der Russen auf, nur damit wir uns später mit unseren eigenen Waffen von ihnen abballern lassen konnten.

David bringt uns sehr zeitig zur Bus Station. 5:50 Uhr soll die Reise beginnen. Uns steht eine lange, eine 14stündige Fahrt bevor.

Der Bus, der aus Phoenix kommt, ist relativ voll. Zwei Plätze nebeneinander bekommen die Cousine und ich da nicht. Stattdessen sitze ich neben Sunok aus Texas. Ich bin ziemlich müde und würde gern Schlaf nachholen, aber meine Nachbarin legt sofort los. Statt, wie es uns, seit wir Los Angeles verlassen haben, ständig passiert, wegen meines komischen Englischs zu vermuten, dass ich Kanadierin sei und bei Verneinung auf Australierin zu tippen, fragt sie gleich, woher ich komme. Und dann! Seid Ihr Deutschen wirklich so sauber?

Mir bleibt die Spucke weg. Was zur Hölle antwortet man denn darauf? Sunok sieht mich erwartungsvoll an. Ich denke an Davids Haus. Das ist jetzt kein Maßstab. Die Hotels? Unsere Gastgeber in L.A.? Die Party?

Äh, räuspere ich mich, und versuche mich aus der Affaire zu ziehen. Wir sind schon ordentlich. Erzähle ihr von meiner Großmutter, meiner Mutter, mir, meinen Töchtern. Das sich die Zeiten über die Generationen schon geändert haben, versuche ich zu relativieren, bekräftige aber dann doch: Ja, im Großen und Ganzen sind wir schon sehr ordentlich.

Rote Erde bis zum Horizont fliegt am Busfenster vorbei. Auch in Elk City, erste Pinkel- und Raucherpause, schon in Oklahoma gelegen, ist alles irgendwie rot. Erdfarben. Doch je näher wir Oklahoma City kommen, desto grüner wird es wieder.

Dort teilt sich die vorübergehende Fahrgemeinschaft wieder auf. Und nach dem Essen haben wir jetzt so viel Platz im Bus, dass die Cousine und ich jeder eine Sitzbank für sich haben.

Der Driver, Joel, fährt seit 14 Jahren Greyhoundbusse. Er war schon überall in den USA, kennt jede Stadt, jeden Busstop. Bis Tulsa, die ganzen zwei Stunden, erzählt er. Was es da zu essen gibt, wie groß die Station dort ist und wo es nur Haltepunkte gibt. Dass die Fahrer oft tagelang von zu Hause weg sind, wie Piloten.

Joel war in seinem früheren Leben Navigator bei der Navy, kennt jeden westeuropäischen Hafen. Nur die Häfen. Im nächsten Jahr will er mit seiner Frau „rüber“ und ihr alles zeigen. Die Häfen. Als wir ihm unsere Pläne fürs nächste Jahr unterbreiten, nun endlich Russland, sagt er, da darf er nicht hin. Weil er beim Militär war. Und ich hätte gedacht, der Kalte Krieg ist Geschichte.

Draußen ändert sich die Landschaft. Wald. Und Maisfelder. So viele Maisfelder. Das ist fast ein bisschen langweilig. Aber die spannendste Landschaft haben wir eh nicht sehen können, als wir von Grants nach Amarillo nachts fahren mussten, denn da ging es durch die Berge, und das, so hatte David bedauert, sei wirklich Schade, dass wir die verpasst hätten. Hier ist seit Stunden alles flach. Ebene, so weit das Auge reicht.

In Tulsa ist Fahrerwechsel. Es ist ganz furchtbar warm und als ich ein schattiges Plätzchen für die obligatorische Zigarette suche, lerne ich Gary kennen. Er stammt aus Rolla, unsererem heutigen Tagesziel und gibt mir viele Tipps, was ich da, in den Ozark Mountains, tun soll. Eine Weinverkostung empfiehlt er mir und den Besuch einer Pferderanch. Wir reden über Landwirtschaft, über den schlechten Markt. Letzterer treibe vor allem hier viele Farmer gerade wieder in den Ruin. Gary, geschieden, 3 Kinder, Klempner, hatte irgendwo einen Unfall mit seinem Truck und ist auf dem Weg nach Hause.

Er lehrt mich auf die Frage „Wie geht’s?“ zu antworten und es ist fast ein bisschen Schade, dass sich in Rolla unsere Wege trennen.

Aber dort warten schon unsere Gastgeber auf uns, packen uns ins Auto und fahren mit uns wieder raus aus der Stadt.

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10 Kommentare leave one →
  1. August 28, 2013 8:12 pm

    Ich habe das leider auch schon so einigemale feststellen müssen, daß die Amerikaner ziemlich pingelig reagieren, wenn man ihr militärisches Engagement anspricht, und mir da auch schon so einige Schieferchen eingezogen. 😉

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    • August 28, 2013 9:56 pm

      Nuja, ich glaube aber, das liegt bei denen, die uns Europäer ein bißchen kennen, schon daran, dass wir sie deswegen immer kritisieren und sie darauf keinen Bock haben. Also bei Jack ist es so. Er weiß ziemlich genau, was „wir“ von dem ganzen Mist halten und er sieht das eben anders und findet es mühsam, darüber zu diskutieren, zumal es unmöglich scheint, den Standpunkt des anderen zu verstehen

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  2. August 28, 2013 9:10 pm

    Oja – habt ihr die Ozark Mountain Drae Devils gesehen? schnellschnell weiter erzählen 😉
    Und wie antwortet man auf die Frage: Wie gehts?

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  3. August 28, 2013 9:40 pm

    Ich frage mich gerade, ob wir auf unseren Zugfahrten zwischen NY und DC und dann New Orleans auch so ins Gespräch kommen werden.

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  4. August 28, 2013 11:23 pm

    Hihi, den Eindruck hatte ich auch immer, das Texas das amerikanische Bayern ist, wobei ich glaube dass es in einigen Staaten noch schlimmer ist, also politisch natürlich nur.
    Und die Ozark Mountains, hach. Musste ich wie der Ärmel natürlich sofort an die Daredevils denken, eine der besten Livebands die ich jemals sehen durfte.

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  5. August 29, 2013 6:03 pm

    Also ich kenne diese Daredevils natürlich nicht! Musste erst mal guggeln, was Ihr eigentlich von mir wollt 😀

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  6. August 30, 2013 9:58 pm

    Das tolle an Euerer Reiseart ist, dass Ihr doch viel mit den locals zusammen kommt und viele tiefere Einblicke in deren Leben und Alltag erhaltet. War das nicht sehr anstrengend, soviele Stunden im Bus zu verbringen? GLG

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