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Texas Panhandle (Montag, 22.07.2013)

August 26, 2013

Amarillo in Texas erreichen wir mit nur einer geringfügigen Verspätung von einer halben Stunde gegen 5:00 Uhr morgens. Doch weil David, unser Gastgeber noch bis 8:00 Uhr in der Klinik Dienst hat, müssen wir warten.

Wir hauen uns auf die Bänke und holen etwas Schlaf nach.

Ich weiß genau, was ich in Amarillo sehen und tun will: Den großen Rindermarkt will ich sehen und ein riesiges texanisches Steak essen.

David ist Mexikaner. Das habe ich auf seinem Couchsurfing- Profil irgendwie übersehen. In OP-Klamotten steht er kurz nach 8 vor uns, verfrachtet uns samt Rucksäcken in sein Auto und erklärt uns auf dem Weg zu seinem Haus, dass dieses Big Texan Steak House Touristennepp ist.

Sein Haus…

Wir haben genug Zeit, es zu betrachten, denn als wir ankommen, sollen wir erst Mal draußen stehen bleiben.

Wie soll ich es beschreiben?OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Es ist aus Holz. Leichtbauweise, würde ich sagen. Es liegt ziemlich viel Müll rum. Wir haben ein bisschen Angst davor, wie es drinnen aussieht. Da holt er uns rein.

Das Erste, das mir auffällt, ist Davids Neffe oder Cousin, der den Raum fegt. Es ist weniger Dreck, mehr so Müll. Ich sehe noch, wie er alles Richtung Couch schiebt, da werde ich abgelenkt.

Gleich neben mir, links neben der Eingangstür, im Wohnzimmer (man steht gleich DSCN1466im Wohnzimmer, wenn man das Haus betritt), hängen drei Maschinenpistolen. Verwirrt drehe ich mich um. Und stehe ich einer Wand gegenüber, ich würde mal sagen, das ist eine Wand of Honor oder so.  Fotos von Soldaten im Irak (?), Orden, Porträts unseres Gastgebers.

Links die Waffen, rechts der fegende Mitbewohner, vor mir diese Wand. Den Rucksack vergesse ich abzusetzen. David tritt neben mich und entschuldigt sich. Die Wand hätte seine Mutter gemacht. Sie sei so stolz auf ihn gewesen. Warst Du beim Militär?, frage ich blöd. Ja, zwei Mal Afghanistan, zwei Mal Irak.

Ich drehe mich hilfesuchend nach der Cousine um. Die steht immer noch da wie angewurzelt und starrt auf die Waffen. David erklärt sie uns. Keine Ahnung. Eine DSCN1465-001ist eine Kalaschnikow. Die müsstet Ihr kennen, sagt er, als er die erste von der Wand und das Magazin heraus nimmt, prüft, ob eine Patrone im Lauf ist und uns dann zum Trockenzielen in die Hand drückt. So stehen wir da, Rucksack auf dem Rücken, und zielen in einem 2-Zimmer-Häuschen. Als er uns erklären will, wie das geht mit dem Visier, erkläre ich erschöpft: Ich weiß. Wir haben Schießen in der Schule gelernt.

David zeigt uns das Schlafzimmer. Es ist ganz offensichtlich seins. Und das Bett  ist ganz offensichtlich nicht frisch bezogen. Er schiebt mit dem Fuß noch etwas darunter, stellt den Ventilator an und fragt, ob es ok  sei, bis Mittag zu schlafen. Er hätte Nachtschicht gehabt und wir seien sicher auch müde.

Jetzt bin ich froh, dass wir Schlafsäcke mit haben. Wir breiten sie einfach über dem Bett aus. Als ich duschen gehen will, bietet mir David seine Badelatschen an und entschuldigt sich für den Schmutz. Ich versuche zu beteuern, dass alles ok sei, aber ein guter Schauspieler war ich noch nie.

Die Cousine nimmt alles etwas gelassener. In Peru hätte sie in ähnlichen Unterkünften logiert.

Das Zimmer hat kein Fenster. Trotz Ventilators ist es viel zu warm. Aber wir sind zu erschöpft, lange darüber nachzudenken und schlafen so tief und fest, dass David uns gegen 1 wecken muss.

Es stellt sich heraus, dass er über ein unglaubliches Allgemeinwissen verfügt und ein ganz hervorragender Gastgeber ist. Während er uns im Auto durch die Gegend fährt und so viele Dinge zeigt, dass es mit heute noch vorkommt, als seien wir länger da gewesen als diesen einen Tag, erfahren wir alles über die Entstehung Texas‘, die freie Republik Texas, den Bürgerkrieg, den Stolz der Texaner. Jefferson. Die Bedeutung der Flaggen und der Art, sie zu hissen.

Es ist David wichtig, uns sein neues Haus zu zeigen, das, das er sich gekauft hat, aber erst im September beziehen kann. Es ist ein Steinhaus in einer besseren Gegend, mit Garten und Vorgarten. Dafür hat er in den letzten Jahren gespart. Nach dem Irak und Afghanistan hat die Armee ihm eine Ausbildung bezahlt. Seit einem Jahr arbeitet er im Hospital. Er zeigt uns das Camp der Mexikanischen Wanderarbeiter. Seine Großeltern kamen als solche her. Nachdem die Deutschen und Italienischen Kriegsgefangenen in ihre Heimatländer zurückgekehrt waren, fehlten den Farmern die billigen Arbeitskräfte. Die Arbeiter aus Mexiko brachte man praktischerweise gleich in den Baracken unter, die die  P.O.W.‘s vorher bewohnt hatten.

David zeigt uns das erste Haus, das sein Großvater gebaut hat.

Ich verstehe plötzlich, für ihn war die Armee eine Chance. Hätte auch schief gehen und mit einer Kugel im Kopf enden können. Er hatte aber Glück und seine Kinder werden nicht wie er mit vier Geschwistern und Eltern in einem Haus mit zwei Räumen aufwachsen müssen. Er ist stolz auf das, was er erreicht hat.

Was machst Du mit dem alten Haus?, will die Cousine wissen.

Das habe ich verkauft.

Verkauft?

Ja, für 25000 Dollar. An Mexikaner.

Währenddessen bin ich fasziniert von den riesigen Feld-Bewässerungsanlagen. Wir fahren durch Herford, beef capital und Heimat des Herford-Rindes. Riesige feed yards überall. Als hätte er sich auf meinen Besuch vorbereitet, beantwortet mir David so ziemlich jede Frage. Zwar hat er mit Landwirtschaft nichts mehr am Hut, hat sich aber ganz offensichtlich belesen. Ich frage die Cousine besorgt, ob es ok ist, wenn ich hier so alles sehen muss, was mit farming und ranching zu tun hat. Aber sie beruhigt mich. Ist ja genug Technik da, da kann sie gucken.

Dann fahren wir zum Palo Duro, dem zweitgrößten Canyon der USA. So ein riesiges Ding ist tatsächlich schwer zu fotografieren. Außerdem machen wir heute ganz amerikanisches sightseeing. Motorisiert. Zwar hält David hier und da mal an, aber im Großen und Ganzen sehen wir uns alles aus dem fahrenden Auto an.

Am Abend sitzen wir in einem Mexikanischen Restaurant und essen wirklich lecker. Wie das Zeug heißt, habe ich vergessen. Wir haben uns ganz auf Davids Empfehlung verlassen und ihn auswählen lassen. Er erzählt weiter von Texas, Mexikanern und Deutschland. Einmal war er da. Als er verwundet war, lag er irgendwo im Lazarett. Und bevor er wieder in die Wüste geflogen ist, war er zwei Tage  in Stuttgart.  David liebt Deutschland und wenn er im Dezember mit seinem Vater her kommt, will er ihm unbedingt Stuttgart zeigen. Oha, Dezember! Rufen die Cousine und ich unisono. Da ist es aber kalt!

Ja gut, pflichtet David bei, das ist gut. Ich liebe die Kälte. Ich liebe Regen.

Vielleicht, hat die Cousine irgendwann im Laufe des Urlaubes zu mir gesagt, vielleicht hilft diese Reise uns, etwas besser zu verstehen, warum die Amerikaner so ticken wie sie ticken.

Vielleicht.

Auf den Besuch der beiden jedenfalls freuen wir uns.

Fotos: (Wie immer: Drauf klicken= groß klicken)

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13 Kommentare leave one →
  1. August 27, 2013 8:04 am

    Ist es nicht umwerfend, wie man Menschen kennenlernen kann. Deine Beschreibungen sind das Beste, was ich in letzten Jahren über einen US-Amerika Trip gelesen habe!

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    • August 27, 2013 8:50 pm

      Oh *rotwerd*, was für ein Kompliment!

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      • August 28, 2013 10:55 pm

        Ich möchte mich ausdrücklich den Worten des Herrn Ärmel anschließen. Deine Abenteuer in Rumänien ließen mich ähnliches erwarten, deswegen habe ich mich schon lange darauf gefreut, ähnlich Unvoreingenommenes mal über die US of A zu lesen, und ich bin wieder schwer begeistert. Deine Neugier auf Menschen in allen Ecken der Welt haut mich jedes mal wieder um, man kann so wunderbar mitreisen und mitempfinden, als hätte man David und die anderen alle selber kennengelernt.
        Geh mal zum Jauch und räum genug Kohle ab für Deine persönliche Wunschweltreise *g*

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  2. August 27, 2013 10:08 am

    Ganz große Klasse! Man ist mittendrin, wenn man deine hervorragenden und lebhaften Berichte liest, und die Fotos sieht…
    In den Krieg ziehen, um sich wirtschaftlich zu sanieren, eine Ausbildung machen zu können, und ein neues Haus zu kaufen – ich hoffe so sehr, daß das bei uns nicht auch eines Tages Schule machen wird…

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    • August 27, 2013 2:01 pm

      ..eine Hoffnung, die ich aus Raten zu Grabe trage 😦

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    • August 27, 2013 7:57 pm

      der freund unseres sohnes ist als bundeswehr-ich weiß-nicht-was, aber nicht als soldat, in verschiedenen krisen- und kriegsgebieten gewesen, um seine horrenden schulden bezahlen zu können! auch er lebt…

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  3. August 27, 2013 3:15 pm

    So ein toller Bericht!
    Ja, sie sind eigen, die Amis. Aber mit der Zeit lernt man, wie sie ticken.

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  4. August 27, 2013 5:27 pm

    Oh, die Bewaffnung hätte mir auch Sorgenfalten auf die Stirn getrieben.
    Schmutzecken hingegen kennen wir von diversen Jugendherbergegübernachtungen diesseits und jenseits der Grenze. Aber dein Couchsurfing nötigt mir Respekt ab…
    Gern auch mal auf unsere, wenn Du magst 😉
    Deine Bewässerungssystemfotos machen mir gerade das Herz ganz weit. Un dsie erinnern mich mitunter an die Landwirtschaft im Oderbruch 😉

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    • August 27, 2013 8:52 pm

      Nuja, Jugendherbergen, das kenne ich ja auch.
      Die Bewässerungssysteme, Klasse ne? Was man auf den Fotos ja nicht sieht, mich aber total umgehaun hat, ist die Größe da in Texas. Gigantisch, sage ich nur

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  5. August 27, 2013 8:00 pm

    so manche unterkünfte hier bei uns erwecken bei mir auch großes unwohlsein.
    der bericht ist wieder toll, und das schönste foto ist für mich die gelbe düne mit dem bäumchen oben drauf! wieso hast du schießen in der schule gelernt? bestimmt ´ne echte wessifrage…

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    • August 27, 2013 8:09 pm

      Wir hatten ab Anfang der Achtziger in der 9. und 10. Klasse ein Fach namens Zivilverteidigung.
      Da gehörte das Knarrenprogramm zur Standardbeschulung 🙄

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  6. August 28, 2013 11:05 pm

    Über die Rekrutierungsmethoden der US Army, speziell der Marines, gab es mal einen längeren TV Bericht. Die gehen ganz gezielt in die Armenviertel und quatschen die Leute voll, da kriegen sie das Kanonenfutter, wer verzweifelt genug ist unterschreibt. Manche machen auch nur ein Kreuz, weil sie weder lesen noch schreiben können, die meisten wissen überhaupt nicht worauf sie sich einlassen.

    Für manche ein Weg in eine bessere Existenz, für manche ein Sarg, der Rest landet da wo er vorher schon war, nur noch kaputter.

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    • August 29, 2013 6:11 pm

      Ja, man vergisst es eben nur immer, wenn man denkt, „Wie blöd sind die eigentlich, dass die da hingehen?“. Ich hoffe durch David werde ich immer daran denken und nicht der Dummheit der Leute die Schuld geben, sondern denen, die die die Situation derer ausnutzen . Weiß man ja eigentlich, auch wie Leute manipuliert werden. Man vergisst es eben bloß gern.
      Und auch Dir ein Dankeschön für dieses besondere Kompliment weiter oben 😀

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