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Agonie (20.07.2013)

August 20, 2013

Wo hat es Dir am besten gefallen, fragte mich jemand drei Tage nachdem ich aus Amiland zurück war.

Ich war verblüfft ob der Frage und überrascht, dachte angestrengt nach und konnte keine Antwort finden. Überall wars schön. Überall wars anders. Und zählte auf, was ich da erlebt und dort getan habe. Nein, hakte der Frager nach, ich meine: welche Stadt, welcher Ort hat Dir am besten gefallen? Und wieder grübelte ich angestrengt und fand die Antwort nicht.

Heute, zwei Wochen später, weiß ich: es ist Grants. In New Mexico. Grants, das 9000-Seelennest im Nirgendwo der Prärie New Mexicos. An der Route 66 gelegen zwar, aber doch im Nirgendwo.

Die Stadt erfüllt in jeder Beziehung meine hochgesteckten Erwartungen. Motel an Motel reihen sich links und rechts der Motherroad, doch nur jedes 3. ist noch offen. Die anderen sind verlassen. Was brauchbar ist, wurde abgebaut, die leer geräumten Ruinen warten darauf, im Sand zu versinken. Der Wind treibt trockenes Prärie-Gras durch die verödeten Anlagen.

Grants, 1880 von drei Kanadiern an der Pacific Railroad gegründet, besteht im Grunde nur aus einer Straße, nennt sich auch Main Road Town. Es gibt „downtown“ noch eine Highstreet und noch eine 3., noch kürzere Straße. Die Querstraßen, die diese verbinden, nennen sich ganz amitypisch 1st street oder 4th street.

War die Eisenbahn überhaupt erst der Grund, sich hier, umgeben von Indianerreservaten und Prärie niederzulassen, profitierte der Ort später von der Route 66. Die Einwohner lebten von den Durchreisenden, das ist nicht zu übersehen. Verblichene Werbeschilder zeugen von den alten Zeiten.

Und gleich hinter den Motels liegen die Gleise. 200 Waggons zählen wir bei den vorbeifahrenden Güterzügen. 200 Waggons! Auf einer Brücke stehend schauen wir den Zügen nach und können die Loks am Horizont nicht mehr erkennen, da donnern immer noch Waggons unter uns hindurch.

Später wurde Uran entdeckt, das größte Vorkommen in den USA, und zwischen 1955 und 1980 abgebaut. So schnell, wie die Stadt boomte, war es vorbei und die Schließungen der Minen stürzte Grants in eine tiefe Depression.

Es gibt ein Minenmuseum, das wir sogar besuchen. Die Cousine hat beruflich mit dem Kram zu tun und interessiert sich sehr. Ich schaue mir lieber die alten Fotos aus der Gründerzeit an.  Es gibt auch eine Foundation, die Geld sammelt, um den ehemaligen Minenarbeitern zu helfen, ihre Wohnhäuser zu behalten.

Seit die Interstate gebaut wurde, verliert die Route 66 an Bedeutung. Nur noch Fans kommen hierher, Durchreisende rasen 2,5 Meilen entfernt ihren Zielen entgegen. Eine Zufahrtstraße führt zur neuen Verkehrsader, man hat dort ein paar neue Hotels gebaut, einen großen Wallmart,  Restaurants, ein paar Burgerketten haben Filialen da, während in der Stadt selbst viele Läden geschlossen sind.

Denn der  ursprüngliche Ort  liegt im Sterben, das ist nicht zu übersehen. Trotz neu angelegtem Park und dem Versuch, den Tourismus wieder anzukurbeln. Die Bike Rally ist wohl Teil dieses Tourismus-Konzepts. Einmal im Jahr tobt hier das Leben, ein Wochenende lang. Dann versinkt die Stadt wieder in Agonie.

Bilder aus der Stadt (drauf klicken= groß gucken)

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8 Kommentare leave one →
  1. August 20, 2013 9:47 am

    Eine Geisterstadt, wie sie im Buche steht… Und du bringst mit deinem Text und deinen Bildern die Verlassenheit, die Ödnis, den Verfall hautnah ‚rüber…

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    • August 21, 2013 10:51 pm

      Na hoi? Da ist mein eigener Kommentar wohl im Spamordner gelandet? Viel rüber bringen musst ich da nicht. Grants ist ein einziges Fotomotiv

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  2. August 20, 2013 11:38 am

    *schmunzel*
    Es gibt also einen Nichtraucherraum und Käfer zu kaufen. Der Ort ist wirklich aus einer anderen Welt 🙂
    Sehr schöne Bilderchen und eine interessante Geschichte, danke fürs teilen.

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  3. August 20, 2013 12:33 pm

    Yeah – auf dem ersten Foto fährt ne kleine rote Buggelwutz( hat aber andere Schuhe an) 🙂
    Überhaupt präsentierst du sehr stimmungsvolle Fotos.
    In so einem Kaff könnte ich ein paar Jahre leben, anderes Land allerdings zwingend vorausgesetzt. Oder noch besser: dort ein verlassenes Motel abbauen und zwischen Eberswalde und Angermünde wieder aufbauen undne Alters-WG gründen.
    Was deine Geschichten in meinem Kopf so alles lostreten….

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    • August 20, 2013 5:48 pm

      Was Deine Ideen erst in meinem Kopf auslösen. Dabei dachte ich wirklich, als ich die Bilder sortierte, wie Schade es doch sei um die alten Motels und dass es doch sicher schön sei, da mal ein paar Jahre den Besitzer zu machen. Allerdings, der Verdienst würde kaum zum Überleben reichen. Schwachsinn also.
      Abtragen, umsetzen, das klingt ja dagegen richtig spannend. Allerdings habe ich schon mal in der Gegend gelebt, die Dir vorschwebt, und die taugt mir nun auch gerade mal zum Urlaub machen. Alters WG allerdings…

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  4. August 20, 2013 7:25 pm

    Woaaa ein Käfer Cabrio zum Verkauf! Das wär ja was für mich, auch wenn das Verdeck so renovierungsbedürftig aussieht wie das ganze Kaff. Da bin ich mit Streetview ja gewesen bevor Du zu der Reise aufgebrochen bist und habe mich gefragt: Was zum Teufel wollen die beiden da? Da ist ja NIX. Fehlen nur noch die Tumbleweeds, gab es die in der Gegend nicht?
    Aber wenn man vor Ort ist hat so eine (halbe) Geisterstadt an der Route 66 sicher ihren Reiz. Das Kino muss aber noch geöffnet haben, World War Z ist ja ziemlich aktuell.

    Dein Reisebericht ist äußerst inspirierend, habe grad ne Sammlung alter Railroadsongs aufgelegt, von 1925 bis 1930, passt gut zu Deinen Bildern.
    Fehlt nur ein alter Cowboy, der mit knorriger Stimme sagt „hey look at them crazy german gals countin‘ wagons“ 😀

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    • August 20, 2013 7:46 pm

      Tumbleweeds, so wie wir sie aus Filmen kennen, haben wir in Texas viele gesehen. Allerdings saßen wir da im Auto auf dem Highway und konnten nicht fotografieren.
      Aber im Grunde sind tumbleweeds ja nichts anderes als durch die Gegend fliegendes Gestrüpp bzw sehr holziges Gras und so was siehst Du ansatzweise auf einem der Bilder vom Desert Sun Motel. Ist eben nur kein Ball. Die, die Bälle, gabs wie gesagt erst in Texas. Und was das Kino betrifft…, die Leute haben ja Zeit, nicht? Wenn die Biker wieder weg sind.
      Den kleinen Käfer hätte ich auch gern mitgenommen, aber ich glaube, da war noch mehr kaputt als das Dach

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