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Steinfarben (Donnerstag, 18.07.2013)

August 14, 2013

Überall in den Hotels nur eine Decke.

Als ich unsere Unterkünfte ausgesucht habe, habe ich darauf geachtet, dass sie vom Bus aus gut zu erreichen sind und dass es Frühstück gibt. Nun gut, hier in Sedona, wo eh kein Bus hinfährt, waren andere Dinge ausschlaggebend, aber mit der Cousine in einem Queensize- oder Kingsize- Bett zu schlafen, stellte für uns beide nun kein Problem dar. Dass es da auch nur eine Decke gibt für zwei Personen, daran, gebe ich zu, habe ich nicht gedacht. Aber, zum Glück, die Cousine gibt sich mit der Tagesdecke zufrieden, ich kriege dieses lakenartige Etwas. So geht’s.

Das Frühstück hier ist, nun ja, Joghurt und Muffins. Kaffee  natürlich und Tee, Milch und Saft. Aber ich brauche jetzt Fleisch. Oder Wurst. Irgendwas. Ich habe Sodbrennen, da hilft nur was Tierisches dagegen. Wir müssen nach Uptown, dort gibt es Tourismus, dort gibt es Restaurants.

Die Cousine hat gestern das Buch von Dick Curtis gekauft. Zur Belohnung hat er dafür jeder von uns ein Autogramm gegeben. Und heute fährt er uns in die Stadt. Die Cousine darf vorne sitzen, schließlich verdanken wir ihrem Engagement den Lift. Ich hocke hinten zwischen Verstärkern, Lautsprechern, einem Mischpult. Denn Dick, so erzählt er, tritt immer noch auf. Einmal Entertainer, immer Entertainer.

Er setzt uns genau am Tourismuszentrum ab und erklärt uns, wo der Bus, der uns zurück nach West- Sedona bringen soll, fährt.

Es ist schon wieder viel zu warm.

Hier in Uptown fällt noch viel mehr auf, dass wir uns inmitten der Red Rocks befinden, denn zum Häuserbau wurde hier, wen wundert’s, das in der Umgebung gefundene Material benutzt. (West- Sedona ist jünger als Uptown, da sieht es eher so aus, als sei nur noch die Aussenwandfarbe eingefärbt).

Von der gemütlich beschaulichen Atmosphäre des Vortages ist hier nichts mehr zu spüren. Uptown macht auf alte Cowboystadt (die esoterischen Läden sind allerdings auch hier so wenig  zu übersehen wie es keine Apotheke gibt), Touristen schieben sich vorbei an und durch Shops und Restaurants.

Die ersten Siedler kamen erst vor knapp 140 Jahren hierher. Vorher hatten die ansässigen Apachen und Yavapei allerdings schon Stress mit spanischen Goldsuchern. Sedona selber wurde erst 1902 gegründet und erhielt 1988 das Stadtrecht. Als 1946 der Surrealist und Dadaist Max Ernst hierher zog, war das der Startschuss für einen bis heute nicht nachlassenden Zuzug von Künstlern. Und da die Berge der Umgebung angeblich spirituelle Kraft besitzen, folgten in den 1960er Jahren Esoteriker und Lebenskünstler aller Art. Heute ist Sedona ein Zentrum der New Age Bewegung, wie sie in den 1980er Jahren entstand. Die Stadt bietet neben der traumhaften Umgebung auch ein dichtes Kunst- und Kulturprogramm und natürlich jede Menge Wellnesskram für Körper, Geist und Seele. Dazu kommt, dass der Ort auch der ideale Ausgangspunkt für Ausflüge zu touristischen Highlights wie dem Grand Canyon, dem Oak Creek Canyon, dem Navajo Indianerreservat oder der Geisterstadt Jerome ist. Das machte den Ort in den letzten Jahren auch für Immobilienmakler interessant und ließ die Preise explodieren. So macht es mich richtig froh, wenn ich in West Sedona noch so eine alte, von Hippies oder deren Nachfahren bewohnte „Hütte“ finde. Uptown selber präsentiert sich als alte Westernstadt, wobei sich in den alten Saloons und Wohnhäusern entlang der Hauptstraße ausschließlich Shops, Galerien und Restaurants eingenistet haben.

Wir folgen dem Trend und erwerben ein Ticket für eine einstündige Rundfahrt hoch zur Holy Cross Chapel. Nachdem wir bezahlt haben, sehen wir, wir hätten auch mit dem Jeep und etwas individueller, sicher auch teurer, aber doch irgendwie verlockender… Da kommt der Bus, wir sichern uns zwei strategisch gute Plätze und los geht’s. Mit dem Fotografieren wird’s dann aber doch nichts. Erstens steht die Sonne immer auf der falschen Seite und zweitens rast der Fahrer irgendwie zu schnell durch die Gegend. (Müssen die Fahrer von Rundfahrtbussen eigentlich gar keine Befähigung nachweisen? Sollte nicht eine sein, dass sie wissen, dass die Passagiere sich den vorgestellten Kram auch ansehen, evtl. sogar fotografieren wollen?). So schnell wie er fährt, so schnell rasselt er die Sehenswürdigkeiten runter. Das sind eigentlich immer Shops, Malls, die zahlreichen Kunstgalerien (es soll über 80 geben, dazu haben sich mehr als 500 Maler und Künstler hier niedergelassen) und  natürlich die Felsen. 20 min dauert die Fahrt zur Holy Cross Chapel, 20 min dürfen wir uns dort umsehen und 20 min dauert die Rückfahrt.

Die Katholische Kapelle wurde 1956 mitten in die roten Tafelberge der Umgebung gebaut. Und zwar an so einen Vortexpunkt. Und das sind Punkte, an denen sich angeblich physische und elektromagentische Energien vereinigen, die man nutzt, um seine persönlichen mit den planetaren Kräften zu harmonisieren. Oder so. Fragen Sie gegebenenfalls den Esoteriker Ihres Vertrauens, Ich kenne mich da nicht so aus. Jedenfalls ließ eine Schriftstellerin, deren Name mir wieder entfallen ist, 1981 verlauten, hier das Herz-Chakra des Planeten gefunden zu haben und die Dinge nahmen, nachdem der Ort  vorher von Künstlern und später von Hippies entdeckt wurde, ihren Lauf.

59230_10201059851410281_982662596_nZurück im Zentrum gehen wir, wenn schon Cowboystadt, dann auch in den Saloon essen. Ich genehmige mir einen Classic Cowboy Burger und einen Cowboy Cocktail. So richtig frisch zubereitet sind Burger ja sehr lecker und die Bohnen! Echt, die sehen aus wie in einem Western, werden auch in einer Pfanne gereicht, so als kämen sie geradewegs vom Lagerfeuer und sind oberlecker!

Was ein bisschen Scheiße ist, ist, dass die Servierer einem das Geschirr wegziehen sobald man fertig mit Essen ist. Die Rechnung landet dann auch sofort auf dem Tisch. Zwar wird ständig Wasser nachgegossen, aber so richtig gemütlich ist das nicht. Was ist denn, wenn ich z.B. noch einen Cocktail will? Oder ein Dessert? In L.A. ist mir das gar nicht so aufgefallen. In Santa Monica saßen wir ja auf so einem Freisitz, da kann ich verstehen, dass die Rechnung schnell kommt bei all den Laufgästen und bei Chez Jay kam die Rechnung erst, als wir sie angefordert haben. Hier aber scheint alles darauf aus zu sein, die Gäste schnell satt zu machen und wieder hinauszubefördern, auf das Platz für neue Gäste wird. Zeit ist Geld. Gemütlichkeit geht anders.

Dann tun wir das einzige, was man hier tun kann. Wir shoppen. Interessant ist, dass man die Farbe des roten Sandsteins, im Grunde nichts anderes als Eisenablagerungen, hier auch nutzt, um Textilien zu färben. Red Dirt nennt sich das und in zahllosen Geschäften werden Klamotten und Accessoires angeboten. Wir gucken uns auch irgendwo einen Film über den Herstellungsprozess an. Ich entscheide mich ziemlich schnell für ein T-Shirt für das eine und eine Tasche für das andere Kind. Alle schön mit indianischen Motiven verziert. Die Cousine aber sucht ein bestimmtes T-Shirt mit V-Ausschnitt in ihrer Größe. Da müssen wir etwas hartnäckiger bleiben. Dann latschen wir noch 2km bis zum Postamt, weil es zwar schöne Ansichtskarten, aber keine Briefmarken gibt und am Ende finden wir tatsächlich ein Café mit Freisitz, wo wir gemütlich sitzen und Karten schreiben und das Abziehen dieser fiesen finsteren Wolken abwarten können.

Dann laufen wir los, kommen trotzdem in den Regen, stellen uns unter und studieren die inzwischen erworbene Karte. Zum Glück ist das wirklich nur ein Schauer und wir machen uns auf in die Welt der roten Steine.

Es ist unglaublich heiß, so dass wir uns irgendwann entscheiden, doch lieber im Wald zu bleiben, wo man zumindest im Schatten kurz rasten kann. Viel zu warm ist es natürlich auch hier.

Als wir irgendwo rasten, bellen ganz in der Nähe Coyoten. Was zur Hölle macht man denn, wenn man diesen Viechern begegnet? Also wir wissen es nicht, ich grusle mich ein bisschen und wir laufen mal wieder weiter. Zurück in die Zivilisation.

Am Abend leihen wir uns „Support your gunfighter“ aus, einen Film, in dem Dick mitspielt. Wir müssen ziemlich lange warten, bis sein Auftritt kommt. Aber was soll‘s, James Garner ist Klasse und guten Rotwein, stellen wir fest, haben die hier in Arizona auch.

Wie immer: Auf die Fotos klicken hilft beim groß gucken

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11 Kommentare leave one →
  1. August 15, 2013 11:18 am

    Ich bin schon geradezu süchtig nach deinen Reisetagebuch-Posts!!! 😀

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  2. August 15, 2013 12:35 pm

    Wo bitte nochmal kann man ganz viele Sterne für jeden einzelnen deiner Reiseberichte vergeben? 🙂

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    • August 17, 2013 8:30 am

      Falls das eine ernst gemeinte Frage war, den USA-Bericht verlinke ich dort erst, wenn er fertig gebloggt ist. Dann sammle ich immer wieder gern Sterne 😀 Bei rastlo.com. Oder direkt über meine homepage inch.beep.de 😉

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      • August 17, 2013 11:36 am

        Das war insofern nur halb ernst gemeint, als ich ja eigentlich weiss, wo ich die Sterne vergeben kann. 😉 Ansonsten aber voll und ganz! 🙂

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  3. August 15, 2013 6:53 pm

    schön schön schön!!! die heilige kreuzkirche hätte ich mir, in felsen gebaut, aber ganz anders vorgestellt, irgenwie rustikal. die bronze(?)figuren sind allesamt wunderschön, die kakteen bewundere ich auch hier immer wieder, und der burger sieht zum reinbeißen lecker aus!

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    • August 17, 2013 8:31 am

      Ja, in den Staaten ist eben alles nicht wirklich alt. Und die Kirche sogar richtig jung. Ich hätte auch etwas, nun ja, hm, anderes erwartet

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  4. August 15, 2013 8:51 pm

    Das nervt aber auch in Europa total, dass die Busfahrer immer meinen man will nur an den Zielpunkt und zurück, der Rest wäre uninteressant. Das mit den schnellen Rechnungen da drüben kenne ich eigentlich nur aus Fastfood Restaurants, und irgendwie sind gefühlt 95% da drüben Fastfood. Nur, dass es halt tatsächlich sehr viel leckerer ist, als das Zeugs was wir von den großen Ketten kennen.

    Und auf Latigo (Support your local..) hätte ich jetzt richtig Bock, der war ziemlich lustig afair und ich mag James Garner. Den habe ich unter Garantie auch auf einer meiner 1000 VHS Cassetten, aber leider kein Abspielgerät mehr dafür.

    SO, jetzt hab ich es geschafft alles nachzulesen, DANKE für die grandiosen Eindrücke.

    Wann gehts weiter? *lechz*

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    • August 17, 2013 8:33 am

      Ja, das ist in Europa nicht anders. Ich hatte ja letztens erst das Vergnügen in Barcelona. Und danke für den Hinweis, wie der Film auf Deutsch heißt. Ich habe schon mal geguckt, ich werde mir den auf jeden Fall auf DVD kaufen.
      Und jetzt ist Wochenende. Ich genehmige mir ein schönes und wünsche dasselbe 😀

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  5. August 16, 2013 7:45 pm

    Hihihi, Sedona. Da sind wir auch durch und gebleiben ist ein Brückenfoto.
    http://tonari.wordpress.com/2009/11/20/der-weg-ist-das-ziel/
    Köstlich, diese unterschiedlichen Sichtweisen.
    (Du schreibst sooooo toll. Ich reise gerne mit Dir.)

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    • August 17, 2013 8:34 am

      Feix, ich hatte gestern viel Spaß beim Lesen. Wenn ich mal mehr Zeit habe, muss ich den gesamten Urlaub durchlesen

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  6. August 18, 2013 12:10 pm

    KLasse Bericht und klasse Fotos. Besonders die beiden Sheriffs sind der Knaller

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