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Pazifik (15.07.2013)

August 10, 2013

Es ist Montag und unsere Gastgeber müssen arbeiten. Adam arbeitet in der acting union und Eva, die noch studiert, absolviert ein Praktikum.

So haben wir und die Katze das Haus an diesem Morgen für uns allein, wärmen die restlichen pancakes von gestern noch mal auf und machen uns auf den Weg zum Wilshire Blv., hopsen in einen Bus, der uns direkt nach Santa Monica bringt. Es ist, wie schon gestern, unheimlich warm und genau das richtige Wetter, um den Tag am Meer zu verbringen. Wir schleppen sogar Badesachen mit.

Am, zugegeben sehr breiten Sandstrand stehen wir erst mal an einem Vergnügungspark. Direkt am Wasser! Also ehrlich. Achterbahn und so anderes Zeugs, mit dem ich nie mitfahren würde, befördern kreischende Menschen durch die Luft. Da laufen wir lieber erst mal ein bisschen oben lang und, ja, ich würde jetzt auch gern mal eine rauchen, finde eine Bank mit netter Aussischt auf das Spektakel und ein Schild „Nichtraucherzone“. Grmpf.

Als wir endlich am Vergnügungspark vorbei sind, versperrt uns ein Freeway den Weg zum Strand, aber irgendwie finden wir dann doch einen Weg hinunter.

Es ist Montag Vormittag und ziemlich leer, so menschenmäßig.

Adam und Eva meinten, das hier sei mehr so der Familienstrand und wenn wir wöllten, könnten wir mit Bus sowieso nach Venice Beach fahren und da, ja, da würden wir dann sehr merkwürdige Leute treffen.

Wir beschließen, zu laufen. Am Strand lang. Der Sand aber ist so heiß, dass das barfuß kaum möglich ist, es sei denn, direkt am Wasser. Das ist spannend. Erstens wissen wir so sehr schnell, dass das Wasser zum Baden doch etwas zu kalt ist, zweitens nehme ich dann doch irgendwann ein Vollbad, weil so eine fiese Welle viel zu schnell und zu hoch ist. Nur, im Badeanzug wäre das vielleicht angenehmer gewesen, aber der bleibt so ziemlich als einziges trocken. Dafür hats die Kamera erwischt. Und ums Rauchen muss ich mir vorläufig auch keine Gedanken machen.

wpid-IMG_20130715_141850.jpgWir sehen Surfern zu und Menschen, die merkwürdige Sportarten betreiben. Überhaupt sind hier alle sehr sportlich, durchtrainierte junge Menschen joggen, radelnd, schwingen sich tarzanmäßig an Ringen durch die Luft. Da traue ich mich, auch wenn hier nichts von Nichtraucherzone steht, gar nicht, meinen Tabak rauszuholen.

Venice Beach ist gar nicht so weit entfernt und was uns schon auf dem Weg zum Bus aufgefallen ist, verdichtet sich hier: Obdachlose. Unglaublich viele Obdachlose! Die Cousine meint, gelesen zu haben, dass die aus dem Osten ihre Obdachlosen in den Westen schicken, weil es hier wärmer ist. Adam betsätigt das später am Abend. Es gibt in L.A. wohl auch Programme zur Resozilisierung. Aber Herrgott, das ist ein ganzes Heer von Obdachlosen.

Und in Vence Beach fallen viele gar nicht als solche auf, weil sie in buntbemalten Autos leben, die entlang der Flaniermeile geparkt stehen. Die Bewohner sitzen davor und verkaufen aus Müll hergestellten Schmuck, Bilder, Spielzeug und Krimskrams. Auf der anderen Seite der Flaniermeile Lädchen. Büdchen, Restaurants. Wir hocken uns in eins, probieren die Amerikanische Küche und schauen dem Treiben zu. Hier sind sehr viel mehr Menschen unterwegs. Laufend, joggend, radfahrend oder auf diesen Segways daherkommend. Eine Mischung aus Touristen, Familien und ziemlich abgedrehten Leuten.

Die Gebäude sind flach, manche etwas runtergekommen, manche sehr kitschig, viele weisen Spuren ihrer jüdischen Vergangenheit auf. Wir laufen, bis es uns zu eng wird und drehen wieder um.

Am frühen Abend folgen wir Adams Empfehlung und gehen in Santa Monica zu Chez Jays. Der Schwertfisch dort ist aber so was von oberlecker! Und da auch der Burger in Venice Beach frisch und sehr schmackhaft war, habe ich bis jetzt nichts an der amerikanischen Küche auszusetzen. Allerdings werden wir bis zum Schluss fast jede Fastfoodbude meiden, außer Starbucks.

Bei Chez Jay sollen wir unbedingt die Bloody Mary probieren. Dämlicherweise bestellen wir uns gleich jeder eine und das! Das.geht.gar.nicht! Viel zu tomatisch. Viel zu scharf. So sehr wie uns auch mühen, das Zeug kriegen wir nicht runter.

Fahren wir lieber zurück und trinken uns mit Adam durch sein Weinreservoir. Eva kann keinen Alkohol trinken, weil ihr irgend so ein Enzym fehlt. Sie erzählt uns von Ihren Reisen, mit dem Greyhound durch die Staaten, mit dem Zug durch Europa, wie sie in Deutschland war und wie sie Adam kennen lernte. Sie erzählt auch von Taiwan und davon, dass ihre Heimat in den letzten Jahren immer mehr Provinzen an China verloren hat, dieses Riesenreich ohne Zeitzonen, wo überall die Uhren so zu ticken haben wie in Peking. Sie erzählt von ihrer Angst, dass Taiwan sich irgendwann auflösen wird. Nicht mehr als 20 Jahre gibt sie diesem Prozess noch. Politik am anderen Eden der Welt. Politik, von der wir in Europa keine Ahnung haben. Politik, die unseren Medien vermutlich nur eine Randnotiz wert wäre und wir auch gar nicht wahrnehmen würde. Wen interessiert schon ein kleines Land im Osten. Die Politiker eh nicht. Die kriechen China sicher noch ein paar Jahre in den breiten Hintern.

Zu den Fotos: Leider sind einige Dateien zerstört und nicht wieder herstellbar. (Ich hoffe inbrünstig, es betrifft nur die von LA). Deshalb kann ich Ihnen die merkwürdigen Menschen und Tarzane nicht zeigen.  Für den Rest gilt: Drauf klicken=groß gucken

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11 Kommentare leave one →
  1. August 10, 2013 10:24 am

    Bei deinen Reportagen ist man immer mittendrin statt nur dabei… Schade um die Bilder von den merkwürdigen Menschen und Tarzanen – aber es hätte schlimmer kommen können. 😉
    Mein Freund und ich sind vor vier Jahren, als wir gemeinsam eine zweiwöchige Floridatour machten, auch recht angenehm überrascht von der amerikanischen Küche gewesen.

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    • August 11, 2013 9:46 am

      Letztendlich hilft nur Reisen, Klischees zumindest gerade zu rücken, also abzubauen oder auch zu bestätigen. Ich bin froh, dass sich das Klischee beim Essen nicht bestätigt hat. Denn davor, also vor der angeblich schlechten Küche, hatte ich ehrlich Angst

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  2. August 10, 2013 12:00 pm

    Bezüglich der Obdachlosen habe ich ähnliche Beobachtungen in Santa Barbara gemacht. Dort allerdings waren sie mit Einkaufswagen und Rollenkoffern unterwegs.
    Es macht Spaß, Dir auf Deinen Pfaden durchs Amiland zu folgen. Freue mich immer aufs Neue, wenn der Feedrader aufblitzt. Da ich weiß, wie viel Mühe solch Reisereportagen machen, möchte ich Dir jetzt mal ausdrücklich Danke sagen.

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    • August 11, 2013 9:42 am

      Ja, so waren in L.A. auch die meisten unterwegs. Mit Einkaufwagen voller Beutel und Krimskrams oder Rollkoffern. Die waren schnell als Obdachlose unterwegs. Aber die in Venice Beach, die in ihren Autos wohnten, hätte ich als solche nicht erkannt. Das das auch Obdachlose sind bzw waren, habe ich erst von Adam erfahren

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  3. August 10, 2013 5:35 pm

    bei jedem bericht erfahre ich sooo viel neues und interessantes! z.b. daß in china die uhren alle nach der pekinger zeit gehen müssen, und taiwan – das ist doch ein land, aus dem viele elektronische geräte ausgeführt werden. du beschreibst alles so schön, das ich mich mittendrin fühle, danke!

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    • August 11, 2013 9:44 am

      Das ist das große Plus an Couchsurfing. Man wohnt bei Einheimischen oder eben auch Zugezogegen und lernt so viel mehr, als in jedem Reiseführer steht

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      • August 15, 2013 7:42 pm

        Ein großes Plus, was man Deinen Reiseberichten auch anmerkt. Hätten wir damals mehr Insiderinformationen gehabt, oder einen Einheimischen der uns die Stadt zeigt, dann hätten wir L.A. vielleicht nicht ganz so schnell abgehakt.
        Die Scharen an Obdachlosen waren allerdings damals schon auffällig und einen Pelikan am Strand hatten wir leider auch nicht..

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  4. Christine Rottmüller permalink
    Oktober 1, 2013 8:48 pm

    Ein ganz hervorragender Bericht. Vor allem, weil Du mit der Art der Reise aus dem allgemeinen Schema fällst. Nur so kann man auch wirklich Land und Leute kennenlernen, mit allen Facetten. Echt toll gemacht, auch die Fotos

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