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Hungry Heart(s)

Juli 19, 2013
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19. Juli 1988. Berlin Weißensee. Radrennbahn.

Bruce Springsteen in Ost-Berlin.

Plötzlich wussten es alle. Ich glaube nicht, dass ich es in der Zeitung gelesen, im Radio gehört habe. Ich wusste es einfach, wie alle anderen auch.

Wirklich wahr. Kein Gerücht wie all die Mauerkonzerte, die Fahrten nach Polen zu angeblichen Stones- Konzerten. Bruce Springsteen in Berlin (Ost). Wirklich wahr.

20 Mark der DDR kostete die Karte. Eine zu bekommen, war der schwierigste Teil. Ich glaube, eine Freundin, die damals Sport studierte, besorgte sie. Irgendwie.

Vier Frauen, ein Trabant, auf dem Weg nach Berlin. In dem Moment, da wir uns in die Pappe quetschten, stieg bei mir das Adrenalin bis unter die Haarspitzen. Bruce Springsteen in Berlin. Unfassbar. Hippelig peitschten wir das kleine Auto mit 102kmh über die überraschend volle Autobahn.  In den Wartburgs, Mossis, Trabbis vor hinter und neben uns ausnahmslos Jungvolk. Fahrt ihr auch zu Bruce? schrie ich sie an.

Wir stellten das Auto bei Freunden der Freundin in Berlin ab, nahmen unsere Karten in Empfang und pilgerten nach Weißensee.

Später hieß es, da seien 250000 Menschen gewesen. 25 Jahre später spricht man von  160000. Die Wahrheit wird irgendwo dazwischen liegen. Denn unzählige Leute kamen ohne Karte nach Berlin und die Ordner, heillos überfordert, öffneten irgendwann die Tore und gaben die Kontrollen auf.

Ich kann mich nicht an das Einlassprozedere erinnern. Ich sah eine Bühne so groß, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Gaaanz weit vorne.  Wir verplemperten keine Zeit damit, darüber zu staunen. Oder die vielen Menschen. Wir begannen sofort, nach vorn zu laufen. Erst zu laufen, dann zu drängeln. Bis es kein Vorwärtskommen mehr gab. Eingequetscht standen wir da ein paar Stunden.

Als das Konzert endlich begann, hatten wir uns längst verloren. Denn  nicht wir bestimmten, wo und wie wir uns bewegten. Die Masse bestimmte es. Bewegte sie sich nach links, wurden wir mit geschoben. Bewegte sie sich nach rechts, nach vorn, riss es uns mit. Nur nach hinten ließen wir uns nicht schieben. Nach vorn. Nach vorn.

Manchmal, während des Konzerts, hatten meine Füße keinen Bodenkontakt mehr. Wenn die Masse sich bewegte, hob es mich einfach aus und mit.

Ich erinnere mich, dass ich das Gefühl hatte, da sei kein Sauerstoff. Es stank nicht mal. Es war einfach nichts da. Manchmal kam von rechts ein Lufthauch, dann hob ich meinen Kopf soweit das eben möglich war und versuchte Sauerstoff zu erhaschen. Wie eine Ertrinkende.

Ich war eingekeilt zwischen schwitzenden Menschen. Vor mir klemmte ein Typ, der verpasst hatte, seine Jeansjacke auszuziehen. Die war klitschnass und ich landete immer wieder mit meiner Nase oder Stirn an diesem nassen Etwas. Meistens aber legte ich einfach meine Arme auf seinen Rücken. Weil es so eng war, kriegte ich die einfach nicht mehr runter. Und weil man schlecht 4 Stunden mit erhobenen Armen dastehen kann, legte ich sie auf dem Typen vor mir ab.

Und über unsere Köpfe wurden ständig halb ohnmächtige Leute gereicht.

Anfang Juli sah ich eine Doku über dieses Konzert und einen Mitschnitt. Mich wunderten die Gesichtsausdrücke der Zuschauer im ersten Drittel des Konzerts.  Verzweiflung, ungläubiges Staunen sah ich da. Wir konnten wohl alle nicht glauben, was da geschah und waren sicher, dass so etwas nie wieder in unserem Leben passieren würde. Ungläubiges Staunen über dieses Konzert. Verzweiflung, weil es so etwas nie wieder geben würde. Dabei waren wir doch glücklich. Glückselig.

Aber wenn man verzweifelt versucht, keine Sekunde zu versäumen, nichts, was da gerade passiert, zu verpassen, kann man wohl nicht glückselig gucken.  Ich vermute, wenn man ausgehungerten Menschen Brot hinschmeißt, werden sie ähnlich schauen. Statt sich des Glücks, sich satt essen zu können, zu erfreuen, versuchen sie verzweifelt so viele wie mögliche Krumen zu erhaschen, wissend, dass der Hunger bald wiederkehren wird und nicht sicher, ob das vorübergehende Sättigungsgefühl sie den zukünftigen Hunger nicht schmerzlicher spüren lassen  oder die Erinnerung an diesen einen Glücksmoment ihn erträglicher machen wird.

In der Doku hieß es, alle hätten auf Born in the USA (Ein Rückblick auf das Konzert in der Sendung Damals wars) gewartet. Kann sein, dass das alle taten. Ich flippte aus bei Hungry Heart. Ich tänzele heute noch selbstvergessen durch die Bude, wenn der Titel läuft. Und natürlich bei The River. Und My hometown.

Ich bin eigentlich nicht wirklich ein Bruce Springsteen-Fan. Ich höre nicht weg, nein, aber als Fan würde ich mich nicht bezeichnen. Und doch gehört dieses Konzert zu denen, die ich nie vergesse. Es ist mit Sicherheit das Emotionalste. (Obwohl ich zwei Jahre später erwachsene Männer bei den Stones weinen sah und ich bei Bowie dem Typen vor mir das Konzert versaute, weil ich jeden Titel mit grölte.) Wo ich mich an Gerüche, oder nicht vorhandene, erinnern kann, an einzelne Gesichter, Momente. Und die Platte „Born in the USA“ steht seit 25 Jahren unverrückbar im Regal.

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Jugo-Import

Und als ich die Doku sah, ertappte ich mich dabei, die Tränen zu unterdrücken. Später bei der Aufzeichnung des Konzertes gelingt mir das nicht mehr. Das passiert mir sonst nur, wenn ich Bilder vom Mauerfall sehe.

Bruce Springsteen in Berlin (Ost). 160000 Menschen, oder auch 250000, die in der Schule als erste Fremdsprache Russisch gelernt hatten. Vielleicht jeder Vierte hatte als Wahlfach Englisch, einmal die Woche eine Doppelstunde. Dort kriegte man keine alltagstauglichen Sachen gelernt. Und Bruce Springsteen sang zwar hie und da auch ansatzweise vom Klassenkampf, aber mehr doch von der Liebe und so Kram. Und doch sangen die Leute mit. Wahrscheinlich in einem Phantasie-Englisch, ohne zu wissen, was sie da sangen. Ich auch.

Das Konzert dauerte 4 Stunden. Danach walzten wir uns inmitten dieser Menschenmasse zurück zu den Freunden.

Schreiende Menschen. Ich bin mir sicher, jetzt sahen alle glücklich aus. Kollektiver Rausch. Adrenalin bis unter die Haarspitzen.

Wie high quetschen wir uns in die Pappe. Der 19. Juli 1988 war ein Dienstag. Wir mussten am Mittwoch wieder  zur Arbeit. Die anderen 159996 auch.

Wir stauen uns aus Berlin (Ost) raus. Vor uns ein Motorradfahrer. Jedesmal, wenn sich der Tross wieder in Bewegung setzt, verpasst er um eine Zehntelsekunde den Start. Jedesmal, wenn der Tross zum Stehen kommt, fährt er auf das Fahrzeug vor ihm, ein mit 5 Personen besetzter Wartburg, auf.  Die stört es nicht. Die sind auch im Rausch. Bruce Springsteen in Berlin (Ost)!

BRUCE. SPINGSTEEN. In. Berlin. OST. LIVE.

Was zählen da ein paar Schrammen im sonst so heiß geliebten Wartburg.

Auf der Autobahn bessert sich die Situation nicht. Der Motorradfahrer ist weg. Andere und Autos stauen sich Richtung Michendorf. Kilometer, bevor wir die Raststätte erreichen, steht alles. Wir müssen da tanken. Die anderen auch. Mit einem Trabbi kann man nicht mehr als 400 km fahren. Und andere kommen von weiter her als wir. Chemnitz, dass damals noch Karl-Marx-Stadt hieß, Plauen, Zwickau, Dresden, Magdeburg. Alle mussten über dieselbe Autobahn. Alle brauchten Sprit in Michendorf.

Die Leute stiegen aus den Karren, sangen das Konzert nach, tanzten, irgendwo dudelte ein Kassettenrecorder.

Bruce Springsteen in Berlin (Ost)

Ausnahmezustand in der Republik.

Polizei.

Hier führte auch die Transitstrecke zwischen Berlin (West) und „dem Westen“ lang. Die Brummis brauchten Platz. Nichts sollte den Transitverkehr stören.

Doch die Genossen Volkspolizisten sind gelassen. Niemand will die Party stören. Kein Schatten soll auf diese Nacht fallen. Fahrt rechts ran, lasst den Wessies die linke Spur zum Durchfahren. Tanzt nur auf der rechten Spur.

Stunden später sind wir an der Tanke. Der Tankwart am Rande des Nervenzusammenbruchs. Das hätte man mir doch sagen müssen, murmelt er immer und immer wider. Hatte aber keiner. Und weil sonst ja eigentlich nur wenige Pappen und Wartburgs und so hier lang kamen, jedenfalls viel weniger als in jener Nacht, war der Sprit schnell alle. Und eh dann Tankwagen herangeschafft waren… 1988 in der DDR.  Planwirtschaft. So ein innerhalb drei Wochen organisiertes Konzert passte da nicht rein.

Die Weiterfahrt wird zum Kamikazetripp. Die Leute machen seltsame Dinge, wechseln unvermittelt die Spur, halten plötzlich an. Ich sehe ganz deutlich, wie ein Trabbi, der plötzlich von der linken auf die rechte Fahrspur wechselt, scharf bremst, rechts ran fährt und im Vorbeifahren sehe ich den Kopf des Fahrers auf dem Lenkrad liegen.

Die Situation ist völlig irre. Die Nacht scheint aus dem Ruder zu geraten.

Irgendwann schlafe ich ein. Als ich wach werde, rumpelt unser Trabbi über ein Feld (Leitplanken gab’s  damals noch nicht) und  die Fahrerin hält sich schlafend am Lenker fest. Die zwei anderen Mitfahrerinnen  werden im selben Moment wach, wir schreien kollektiv die Freundin wach, kommen zum Stehen.

Bitterfeld liegt irgendwo dahinten im Morgengrauen, eigentlich nur am Industriedunst, der Smogglocke  der Chemiebuden zu erkennen. Wir  machen 10 Minuten Morgensport. Alles, was uns so aus Schulzeiten einfällt. Seitdem heißt die Stadt bei uns Bad Bitterfeld.

Dann halten wir uns bis Leipzig wach. Gegen Acht sind wir an der Uni, eine Stunde zu spät. Aber das ist eigentlich egal.

19. Juli 1988 Berlin – Weißensee. Radrennbahn. Bruce Springsteen live in Berlin (Ost).

In der Doku, die ich Anfang des Monats sah, sagte jemand, er kenne niemanden, der da nicht gewesen wäre. Stimmt. Ich auch nicht. Wir waren alle da.

Hungy Heart, 19. Juni 1988, Berlin-Weißensee (hier bekommt man eine Ahnung von der saumäßigen Tonqualität)

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12 Kommentare leave one →
  1. Juli 19, 2013 8:24 am

    Gänsehaut…

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  2. Juli 19, 2013 10:42 am

    Das geht aber so was von unter die Haut!

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  3. Juli 19, 2013 2:15 pm

    Kollektiver Rausch ist schön, das sind Momente an die man sich noch ewig erinnert. Endlich lese ich mal einen Bericht aus erster Hand, toll beschrieben.

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  4. Juli 19, 2013 4:43 pm

    das ist gänsehaut pur! toll geschrieben! wieso fällt dir das jetzt ein 😉 danke für den eindrucksvollen bericht.

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    • Juli 19, 2013 4:47 pm

      Den Blog habe ich schon zu Hause vorbereitet. Heute ist das Konzert genau 25 Jahre her. Und daran denken musste ich letztens, als Springsteen in Leipzig im Zentralstadion gespielt hat. Ich saß mit Freunden im Park und wir haben uns an 1988 erinnert.

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  5. Juli 20, 2013 12:33 am

    Ich war nicht dort … echt nicht.

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  6. Linda permalink
    Juli 24, 2013 12:24 pm

    wow! war damals leider erst 2 und konnte deshalb nicht dabei sein, und ein großer springsteenfan bin ich wahrlich nicht, aber der text da oben hat mir eben eine gänsehaut ausgelöst, als hätte ich das alles selber erlebt!

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  7. November 4, 2013 3:50 pm

    Ich war damals auch da. Weisst du noch, wie er das Mädchen hoch holte auf die Bühne?
    … ich hatte meine Jacke auch nicht ausgezogen. Dass sie nass war, merkte ich erst daheim.

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