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Tora, Tanach und Rabbiner

Juli 2, 2013

Um einen Gottesdienst halten zu können, müssen mindestens 10 männliche, volljährige Personen anwesend sein.

10 männliche, volljährige Personen drei Mal am Tag zu einem Gottesdienst zusammen zu kriegen, bezeichnet der Rabbiner scherzhaft als Wunder.

Ich sehe es eher als Wunder, dass die Synagoge, in der ich sitze, schon seit 1903 existiert und sowohl Reichskristallnacht als auch das 3. Reich selbst und die DDR überlebt hat.

Ich nutze die Jüdische Woche in Leipzig zu einer öffentlichen Führung der Brodyer Synagoge.

Eigentlich hatte ich tatsächlich eine Art Stadtführer erwartet und bin positiv überrascht, dass der Gemeinderabbiner über die Geschichte der Synagoge, Gottesdienste, die Jüdische Gemeinde in Leipzig, Zuwanderungen, Tora, Tanach, Orthodoxe, Liberale, Reformierte, jüdisches Selbstverständnis und vieles mehr spricht.

13000-18000 Mitglieder zählte die Jüdische Gemeinde Leipzig vor 1933. Am Ende des Krieges lebten noch 200-300 (so habe ich den Rabbiner verstanden. Im Internet ist dagegen von nur 24 Überlebenden die Rede). Die meisten, die das Land nicht rechtzeitig verlassen hatten, wurden nach Theresienstadt deportiert. 1988 lebten noch 36 Juden hier, 1991 waren es noch 26 oder 21, die genaue Zahl habe ich vergessen.  Aktuell sind es wieder 1300. Dieses Wachstum verdankt die Gemeinde den Zuwanderern aus Osteuropa, vor allem aus den Staaten der ehemaligen UdSSR.  Das ist manchmal schwierig für den Rabbiner, der aus Ungarn stammt, auf Deutsch, wenn überhaupt predigt und das Gesagte von einem Gemeindemitglied ins Russische übersetzen lässt. Das ist keine Bürde, meint er, im Gegenteil, durch die Zweisprachigkeit muss er noch etwas genauer über das zu Sagende nachdenken. Aber Predigten sind eigentlich nicht so üblich, zumindest kommt ihnen keine so zentrale Stellung zu wie im Christentum. Auch sind  Rolle und Ausbildung des Rabbiners eine ganz andere als die der Priester und Pastoren.

Die Synagoge ist eine Gemeinschaftssynagoge, d.h. hier kommen Orthodoxe und liberale Israeliten zum Gebet und Studium der Schriften zusammen. Dazu muss man Kompromisse schließen. Dort, wo sie möglich sind.

Auf die Frage einer älteren Dame im Publikum, ob es nicht schwierig sei, die Regeln in der modernen Zeit einzuhalten, reagiert der Rabbiner fast ein bisschen verdutzt. Und erläutert schließlich, dass es in der Religion auf alle, auch moderne Fragen (ich sage nur künstliche Befruchtung!) eine Antwort gäbe. Die Schriften regeln das gesamte jüdische Leben, auch das moderne, meint er. Und ich muss ihm fast ein bisschen Recht geben, dass es sicher nicht schädlich ist, 24 Stunden in der Woche mal das Handy nicht zu benutzen oder das Internet, und den Fernseher auszulassen.  Schließlich und letztendlich, und das ist ja in jeder Religion so, hat jeder die Wahl, wie wichtig ihm Regeln sind und wie stark er bereit ist, diese einzuhalten.

Der Ungar unterscheidet sich in seinem Selbstverständnis stark von vielen der anderen Gemeindemitglieder. In seinem Geburtsland, erzählt er, sei Judentum eine Religion. In der ehemaligen UdSSR  aber galt es eher als nationale Zugehörigkeit. Und obwohl viele Juden ihre Religion längst nicht mehr ausübten, hatten sie alle einen Stempel im Pass: Jude.  Weil aber viele Juden ihre Religion nicht lebten, nicht leben durften, muss die Gemeinde neu gebildet werden. Traditionen müssen geschaffen werden. Alle sind Lernende.

Die ausgelegten Bücher sind zweisprachig: hebräisch und (meistens) russisch oder englisch.

Die Synagoge selbst  erinnert im Innern doch stark an eine Kirche. Das, so erklärt der Rabbiner, liegt an der Anpassung der Europäischen Juden an ihre Umgebung (Kanzel bzw. Altar an der Ostseite des Gebetsraumes und diesem Altar zugewandte gerade Bankreihen). Das die Schmuckelemente eher maurisch anmuten, geht auf eine im 19.Jahrhundert aufkommende „Mode“ zurück.

Natürlich fielen auch in Leipzig die meisten Synagogen der Reichskristallnacht zum Opfer, wurden gebrandschatzt oder  profaniert.  Die zwei größten wurden direkt während der Pogromnächte zerstört und abgebrannt. Zwei kleinere ebenfalls.  11 weitere fielen den Bomben des Krieges zum Opfer.

Die Brodyer Synagoge hatte zweifach „Glück“. Sie befand und befindet sich in den unteren zwei Etagen eines Wohnhauses, was die völlige Zerstörung 1933 unmöglich machte. Ihr zweites Glück ist, dass sie im Krieg nicht zerstört wurde wie viel andere. Nachdem in der NS-Zeit eine Seifenfabrik in ihre Mauern einzog, diente sie später wieder als Synagoge. Ich gebe zu, ich habe vergessen zu fragen, wie lange. Denn ich weiß, dass die Israeliten, nachdem sie kurz nach dem Krieg als Opfer anerkannt wurden, später als Religionsgemeinschaft wieder in Ungnade fielen. Seit 1993 jedenfalls wurde sie saniert.

Das Haus selbst wurde 1897/98 unter der Federführung des Architekten Georg Wünschmann als Wohnhaus gebaut. Den Umbau der beiden unteren Etagen durch Oscar Schade veranlasste der spätere Besitzer Friedrich Gutfreund in den Jahren 1903-1904.

Wie immer: drauf klicken zum groß gucken

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9 Kommentare leave one →
  1. Juli 2, 2013 8:39 am

    Ein interessanter Bericht. Erstaunlich, dass es in Leipzig so viele Synagogen gegeben hat.
    Im ehemaligen Jugoslawien hatten die Moslems auch ihre Religion als Nationalität im Pass stehen. Das ist ihnen dann im Bosnien-Krieg schlecht bekommen.

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    • Juli 2, 2013 10:35 pm

      Ich muss sagen, über den Stempel in der Ex-UdSSR war ich, als ich das erste Mal Anfang der 80er Jahre davon hörte, war ich entsetzt.

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  2. Juli 2, 2013 9:40 am

    Das ist wirklich ein interessanter Bericht, liebe Inch. Ich werde ihn meiner großen Tochter zeigen, die mich im August besuchen wird. Ich kann es nicht nachvollziehen, aber sie ist dabei, nach dem jüdischen Glauben zu leben. Ich weiß jetzt nicht so recht, wie ich es ausdrücken soll. Übertreten ist sicher der falsche Ausdruck. Das ist sehr viel komplizierter.
    Liebe Grüße von der Gudrun

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    • Juli 2, 2013 10:38 pm

      Naja, sie wird ihre Gründe haben. Wenn sie nicht zum Fundamentalisten wird. Merkwürdig ist so ein Schritt schon. Ich denke aber, wenn er aus ihr heraus kommt, ist es wohl eine Herzenssache.

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  3. Juli 2, 2013 11:54 am

    ich wusste,es gibt einen Grund, noch mal nach Leipzig zu kommen.. 😉
    Sehr interessanter Beitrag!

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  4. Juli 2, 2013 5:08 pm

    Danke! Das ist wirklich ein überaus interessanter und aufschlußreicher Post! 🙂

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  5. Juli 2, 2013 9:49 pm

    Ich hab so eine Synagoge noch nie von innen gesehen, danke für die Einblicke. Gibt es da bei Gottesdiensten so eine Art Geschlechtertrennung wie in Moscheen? Kopfbedeckungen scheinen jedenfalls kein Problem zu sein, in evangelischen Kirchen wird man dafür schon mal angeranzt.

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    • Juli 2, 2013 10:44 pm

      Naja, ich war schon in einigen in Osteuropa. Aber mehr so zum Besichtigen, so wie man sich Kirchen als Bauwerke ansieht. Jetzt überlege ich ernsthaft, der Einladung des Rabbiners zu folgen und mal zu so einem Abendgottesdienst zu gehen. Einfach, um es mal gesehen zu haben. Auch, wie das mit der Geschlechtertrennung funktioniert. Denn normalerweise sitzen die Frauen oben auf der Empore. Weil da aber eine Treppe hinführt, gibt es unten bei den Männern einen Bereich, der durch einen Vorhang abgetrennt werden kann. Da dürfen dann alte, gehbehinderte Frauen sitzen. Hinterm Vorhang. Das ist, weil da auch orthodoxe Juden in der Gemeinde sind. In einer reformierten bzw liberalen wären die Geschlechter nicht getrennt. Da dürfen Frauen und Männer auch zusammen tanzen. Bei den Orthodoxen nicht.
      Und Kopfbedeckung ist für die Männer Pflicht. Egal ob liberal oder orthodox.

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  1. Spuren in der Stadt | Inch's Blog

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