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Davon gekommen

Juni 4, 2013

Wie jetzt? Hier?

Hochwasser? Im südlichen Stadtzentrum? Das kann ich nicht glauben. Hier gabs doch noch nie Hochwasser. Jedenfalls seit 1954 nicht. Wir haben die Auwälder, die geflutet werden können. Und ein paar Tagebaulöcher, in die auch noch Wasser passt. Wehre die geöffnet werden können, um die Dämme zu entlasten.  Für die dort wohnenden, die Randleipziger ist das natürlich übel. Denen laufen nicht nur die Gärten voll. Wie in Leutzsch und Böhlitz-Ehrenberg. Dort, im Norden der Stadt, wurde das Nahle-Wehr geöffnet. Der Auwald wird geflutet. Im Süden ist das Hochwassereinlaufbauwerk, dass erst im Mai eingeweiht wurde, zur vollen Flutung des Zwenkauer Sees geöffnet worden, um der Elster etwas von ihrer Wucht zu nehmen, bevor sie durch die Stadt jagt.

Und „natürlich“ säuft das Umland ab. Grimma. Borna. Wurzen. Bennewitz. Und die vielen kleinen, unbekannten Gemeinden. Mancherort gibt man die Dämme auf, um Menschen zu retten.

Aber hier? Quasi im Stadtzentrum?

Am Montag 17:29 Uhr gibt die Stadt Leipzig eine Karte heraus, auf denen die gefährdeten Gebiete in Leipzig gekennzeichnet sind. Und Scheiße, ich hocke da mittendrin. 17:42 Uhr kommt der Katastrophenalarm.

Aber was macht man eigentlich in einem Hochaus, wenn Hochwasser kommt? Muss man da auch raus? Ich fülle mal ein paar Töppe und Eimer mit Wasser und lege ein paar Kerzen bereit. Dann schalte ich Leipzig Fernsehen ein, ein lokaler Sender, der noch diese Jahr abgeschaltet werden soll, aber der einzige ist, der seit 10:00 Uhr live berichtet. Die beiden Moderatoren sehen zwar etwas verpeilt aus, aber das mag daran liegen, dass die jetzt schon 8 Stunden auf Sendung sind (sie werden da bis weit nach Mitternacht bleiben). Sie stützen sich auf offizielle Meldungen und Augenzeugenberichte. Anrufen kann man da auch. Und das ist fast ein bisschen lustig. „Was issn mid mein Garden? Leifd der ooch voll? oder Wie sollsch denn morgen nach Grünau gommen, wenn geine Straßenbahn fährt? Mein Leiblingsanrufer des Abends aber: Ich hab Eich vorhinn ä Fodo geschiggd. Habder das schon gezeicht? Hä?

Aber es rufen natürlich auch Leute an, die echte Informationen haben oder ein Gerücht bestätigt haben wollen, ehe sie sich irgendwohin auf die Socken machen, um zu helfen.

Denn Gerüchte gibt es viele.

Zeitgleich neben dem TV läuft der PC. Lifeticker, Twitter, Leipzig.de.  Zuerst heißt es, an der Brückenstraße drohe ein Damm zu brechen und es würden dringend Helfer gebraucht. Ich vergewissere mich lieber und twittere zurück. Und siehe da, die Stadt Leipzig dementiert.

Und so gibt es noch ein paar Nachrichten. Vor allem im Süden würden die Deiche aufweichen. Es werden Dammbrüche gemeldet und dementiert. Das halte ich nicht aus. Das macht mich irre. Ich laufe rüber zum Wasser. Da ist noch 1m Platz, eh da was überläuft. Ein Seniorenstift wird vorsorglich evakuiert.

Ich rufe beim Bürgertelefon an. Wird nun Hilfe gebraucht und wenn ja, wo? Aber es seien genug Leute vor Ort und wenn irgendwo Bedarf ist, wird das über die Medien bekannt gegeben.

Und dann kommt die Nachricht, dass tausende Freiwillige und Bundeswehr und Feuerwehr und THW die Dämme sichern, aber! Es fehlt an Sandsäcken.  Nun werden dringend Helfer gesucht, die an zwei Stationen Säcke füllen. Und später äh, ja, Transportfahrzeuge. Ich überlege kurz, ob ich mich einer der Fahrgemeinschaften anschließe, entscheide mich aber dagegen. Ich würde gern diesseits des Wassers bleiben, falls die Brücken gesperrt werden.

Irgendwann nach Mitternacht schlafe ich bei laufendem Fernseher ein. Die beiden Moderatoren halten immer noch durch. Und am Dienstag, als ich sehr zeitig aufwache, zeigt mir ein Blick aus dem Fenster: Da ist kein Wasser.

Später die beruhigende Nachricht: „In Leipzig haben Deiche in der Nacht  gehalten. Stadt will sich jetzt einen Überblick verschaffen, wo Helfer gebraucht werden.“

Ich bin so froh, dass wir diese blöde Olympiade nicht gekriegt haben. Ich bin froh, dass wir den Auenwald haben und ich bin froh, dass viele Leipziger nicht so feige waren wie ich letzte Nacht.

Fotos vom Elsterflutbecken hat Nummervier hier gebloggt.

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14 Kommentare leave one →
  1. Juni 4, 2013 11:02 am

    Das Ablaufwehr in Zwenkau ist denke ich der springende Punkt, den man wohl gar nicht überschätzen kann: laut LVZ arbeitet es seit gestern mit maximaler Durchlaufkapazität – und trotzdem ist der Pegel in Leipzig höher als der von 2002. Mit anderen Worten: wir können uns bei den Planern und Konstrukteuren des Dings bedanken, dass alle Evakuierungen, Sandsäcke etc. bisher reine Vorsichtsmaßnahmen geblieben sind.

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  2. Juni 4, 2013 11:11 am

    Mir ging des Leipzigfernsehen maßlos auf den Keks. „Berichten Sie uns, was sie sehen! Schicken Sie uns Bilder!“ Und schon rammelte die Meute planlos los, auch dahin, wo sie nichts zu suchen hatte, wo abgesperrt war. Wenn man die Wälder flutet müssen zum Beispiel die Tiere fliehen können. Wie soll das gehen, wenn sie regelrecht umzingelt werden? Auf den Deichen wird die Grasnarbe zerlatscht, was auf keinem Fall gut ist. Aber was solls: „Haben Sie mein Bild schon gezeigt?“ Ich find’s nicht gut.

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    • Juni 4, 2013 1:03 pm

      Das stimmt. Das hat mich auch geärgert. Habe ich ja auch so angedeutet. Gerade der mit seinem Bild.
      Andererseits waren die wirklich die einzigen, wo es aktuelle Infos gab. Ich meine, die vom LF. Und das fand ich schon gut, falls es Ernst wird. Die haben auch versucht, die Helfer dorthin zu schicken, wo sie wirklich gebraucht werden. Bürgertelefon war ja überlastet. Ich habe es zichmal probiert, eh ich durchgekommen bin.

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  3. Juni 4, 2013 1:07 pm

    Das ist ja wirklich beruhigend, dass kein Wasser zu sehen beim Blick aus dem Fenster. Ich hoffe, das bleibt bei Euch so. Die Bilder gestern in den Nachrichten waren erschreckend.

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  4. Juni 5, 2013 11:09 pm

    Du bist ganz bestimmt nicht feige… Und ich bin auch sehr froh, dass in Leipzig die Deiche gehalten haben.

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  5. Juni 6, 2013 10:47 pm

    Hier in Grünau, war von alle dem Nichts zu beobachten. Ehrlich gesagt, ich war auch froh, dass dieser Kelch an mir vorrüberging.
    Knapp, aber Gottseidank, ein gutes Stück vorbei.

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  6. Juni 7, 2013 3:47 pm

    Was immer wieder nicht erwähnt wird: der Elsterstausee im Süden. Einstmals als Hochwasserschutz gebaut, und durch Tagebaue obsolet gemacht, lief er nach dem Entstehen des Cospudener Sees leer. Da ist irgendwo ein Loch drin. Seit dem gab es einen Bürgerinitiative, die den wieder geflutet haben wollte. Ist jetzt. 🙂

    „Nachtrag: In der LVZ vom 02.03.2013 werden jährliche Kosten von 30.000 Euro genannt, wenn Wasser in den See gepumpt werden würde. Das sei laut Umwelt-Bürgermeister Heiko Rosenthal grunsätzlich möglich, aber zu teuer.“

    🙂

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    • Juni 7, 2013 7:33 pm

      Hm, das stimmt. Und ich muss ehrlich gestehen, ich habe dem Elsterstausee auch nachgetrauert, ohne mich gleich einer Bürgerinitiative anzuschließen. Aber dass der im Ernstfall auch als Wasserauffangdingens dienen könnte, darüber habe ich nie nachgedacht. Hoffentlich kommt nun keiner auf die dumme Idee, da Häuser reinzubauen…
      Schade, dass ich grad auf dem Sprung bin, sonst würde ich mal hinfahren und mir den angucken, wenn er jetzt grad wieder voll ist.

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      • Juni 8, 2013 10:32 am

        Ehrlich, ich bin mir da gerade unsicher. Wenn der Stausee voll ist, kann er ja nicht mehr (ganz so viel) Wasser aufnehmen. Soll er also wieder leerlaufen? Wäre ja praktisch, das nächste Wasser kommt bestimmt 🙂

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        • Juni 10, 2013 4:13 pm

          Ich denke mal, der läuft wieder aus. Von ganz alleine. Nur bebauen sollte man ihn nicht für den Fall des nächsten Hochwassers
          Irgendwas planen die doch dort, oder? Mir fällt bloß nicht mehr ein, was

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  7. Juni 8, 2013 12:00 am

    Wenn man in einem Touristenkaff in der Südtürkei sitzt bekommt man rein gar nichts mit, wie von der Außenwelt abgeschnitten. Der dramatische Teil ist ja wohl hoffentlich vorbei jetzt in Leipzig?

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    • Juni 8, 2013 10:31 pm

      Ja, ist er. Aber in den Dörfern und Städten sieht es dramatisch aus. Bin heute gerade über Halle geflogen. Das sah schlimm aus

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  8. Sleeper permalink
    Juni 8, 2013 2:15 am

    Das war echt knapp. So wie hier, als auch bei euch. Arg viel schlimmer möchte ich das nicht unbdedingt erleben

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