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Wie ich beinahe ermordet wurde

Mai 10, 2013

Den Freitag gehen wir ruhig an. Wir haben ja nun eigentlich alles gesehen.

Nach dem Frühstück im Café um die Ecke wursteln wir uns zu einem Markt durch, den uns die Freundintochter empfohlen hat.  Sie sei von diesem Russenmarkt, wie sie es nennt, sehr geschockt gewesen. Fotografieren dürfen wir dort nicht. Sonderlich geschockt sind wir auch nicht. Ein Arme-Leute-Markt eben. Im Russischen Viertel. Aber wir sind am Vormittag dort. Vielleicht kommen die ganz Armen, die Trinker und Schnüffler erst später. Ein paar Bauern bieten ihre Früchte feil, daneben gibt es viele Stände mit billigen, aus der Mode gekommenen Klamotten. Billig freilich nur für uns. Für die Einheimischen dürfte das anders aussehen.

Im Viertel finden wir auf einem Stalinbau tatsächlich noch die Insignien des Sowjetstaates. Das wundert mich, dass die Esten das übersehen haben.

Wir schlendern zurück durchs Bankenviertel, dass das Russische und die Altstadt voneinander trennt. Die Holzhäuschen stehen im seltsamen Kontrast zu den Glasbauten. Und vor den Toren der Altstadt gibt es eine Straße, in der sich ein Blumenladen an den anderen reiht. Wer kauft soviel Blumen?

Wir bummeln durch die Altstadt. Heute ist es wirklich warm, so dass wir unseren Kaffee im Blüschen auf einem Freisitz genießen können. Wir lesen, sehen den Leuten zu, rauchen, quatschen. Dann ziehen wir weiter zum Domberg. Hier an der Mauer habe ich vor zwei Tagen ein Bild gekauft. Es hat mich einfach angelacht. Auch heute stehen wieder Maler da und wieder komme ich nicht an ihnen vorbei. Noch ein Bild. Ich weiß gar nicht, wo ich die zu Hause noch hinhängen soll. Inch im Bilderkaufrausch. Das ist bei mir wie bei anderen mit Schuhen. Ganz schlimm.

Weil ich immer und überall Streetart fotografiere, zeigt mir die Freundintochter die Wall hinter ihrem Hostel.  Später wagen wir uns nochmal in einen Supermarkt und fahren raus zum Strand.

Dort stehen noch die alten Olympiabauten. 1980, während der  boykottierten Spiele von Moskau, fanden in Tallinn die Segelwettbewerbe statt. Auf einer Mole laufen und klettern wir weit hinaus, sehen einigen Seglern beim Training zu, wundern uns über die Geduld der zahlreichen Angler, staunen über die Wellen, die ein ganz weit entfernt vorbei fahrendes Kreuzfahrtschiff macht, picknicken und schauen der untergehenden Sonne zu.

Heute Nacht ist Party im Hostel, Live Music und cheap drinks ab Mitternacht. Aber wir betrachten uns lieber noch mal Tallinn bei Nacht und schlüpfen dann in unser 140 cm breites Doppelbett, immer darauf bedacht, nicht raus zu fallen.

Gegen Halb Vier sitze ich wie eine Kerze im Bett. Ein Mann klopft ausdauernd an die Tür und begehrt Einlass. Sogar Schatzi ruft er. Ob das Deutsche Wort Schatz in die Estnische Sprache übernommen wurde und dann, weil die ja so gern ein I an alles hängen, Schatzi draus wurde? Die Freundin schläft tief und fest. Na toll! Über jede bauliche Aktivität des Hostelbesitzers regt sie sich auf, aber jetzt, wo es wirklich um Leben und Tod geht, schläft sie. Das ist ja wieder mal typisch.

Der Typ aus dem Nachbarzimmer, das gestern fertig gestellt und sofort vermietet wurde, kommt raus und schickt den Störenfried in die Wüste. Also raus.

Puh. Gut.

Ich muss jetzt natürlich dringend aufs Klo. Aber ich warte lieber noch 5 Minuten, um sicher zu sein, dass Schatzi wirklich weg ist.

Da höre ich ihn wieder. Jetzt sucht er verzweifelt jemanden, der ihn raus lässt. Ob er die Tür nicht findet oder sie nicht öffnen kann (in Estland gehen Türen oft anders herum auf, so als würde man sie zuschließen), ich weiß es nicht und will es nicht wissen. Ich.will.dass.der.Typ.geht!!! Ich muss aufs Klo. Die Freundin schläft immer noch. Oder stellt sich tot. Denn später erzählt sie mir, dass sie ihn nun doch gehört und überlegt hat, ihm zu helfen. Na das fehlte noch!!! Wenn ich in Lebensgefahr schwebe, schläft sie, und dann will sie meinem Beinahemöder auch noch helfen.

Irgendwann scheint er entweder das mit der Tür begriffen zu haben oder irgendwo eingeschlafen zu sein. Ich wecke die Freundin, die sich erst mal weiter schlafend stellt. Ich rüttle und rufe, bis sie nachgeben muss. Sie muss das Zimmer bewachen, wenn ich draußen bin. Schließlich muss ich dazu aufschließen. Und wenn der Mörder hinter der Tür lauert, möchte ich nicht sterben, nur weil die Freundin mein gewaltsames Ende verschläft.

Aber wir überleben diese letzte Nacht. Die Freundintochter bringt uns am Samstag zum Flughafen. Der Pilot macht seinen Job gut und tagsüber ist es richtig voll in Frankfurt-Hahn. Allerdings muss man ein bisschen bescheißen, um in den Bus zu kommen, denn der nimmt nur so viele Passagiere mit, wie er Sitze hat. Und natürlich stehen viel mehr Leute an und wir irgendwie ganz hinten. Ich beeindrucke die Freundin mit meiner in jahrelangem Training angeeigneten als Unwissenheit getarnten Hinterhältigkeit und sitze längst im Bus, als nichts mehr geht. Natürlich habe ich ihr einen Platz reserviert und den Fahrer instruiert. Der winkt  die Freundin durch. So geht das.

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6 Kommentare leave one →
  1. Mai 10, 2013 9:10 pm

    „Reisibüroo“ – das finde ich jetzt irgendwie niedlich… 😆

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  2. Mai 10, 2013 10:44 pm

    „Schatzi“ klingt irgendwie nicht nach Mordversuch finde ich, aber wer weiß was der sonst versucht hätte. Vielleicht hatte er ja sogar Blumen dabei *g*

    Hach, und Tallinn bei Nacht, das hat was. Das ist natürlich etwas, was man als Kreuzfahrttourist wohl verpasst, ich muss mir das doch noch mal reiflich überlegen wie ich da am besten hinkomme.

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  3. Mai 11, 2013 2:30 am

    du hast ja eine tolle fantasie 😉

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  4. Mai 11, 2013 11:15 pm

    Wird jedenfalls nicht langweilig … so bei dir in den Ferien… 🙂

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