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Stadtrundgang

Mai 7, 2013

Etwas über 1,3 Mio Einwohner hat Estland. Ein Drittel davon lebt in Tallinn. Und davon wiederum sind 30% Russen.

Als wir abends zum Boheem laufen, der Lieblingskneipe der Freundintochter, kommt mir die Bauweise sehr russisch vor. Und richtig, hier wohnen Russen. Sogar die Straßennamen sind zweisprachig.

Doch das ist abends.

Den Tag verbringen wir in der Altstadt. Die ist wunderhübsch und überschaubar. Gleich daneben haben sich die Hauptstädter ein paar gläserne Hochhäuser gestellt. Ansonsten besteht Tallinn aus Plattenbauten und russischen Holzhäusern.

Heute ist der 1.Mai und den feiern die Einheimischen auf dem Rathausplatz. Mit Popmusik und Fressbuden, Luftballons für die Kleinen und was eben so dazu gehört, zum Tag der Arbeit.

Wir wackeln durch den Sonnenschein runter Richtung Hafen. Giebelhäuser, Speicher, der ganze Kram einer Hansestadt. Alles ordentlich alt, das meiste saniert und jedes Haus unter Denkmalschutz.

Wir schlüpfen in eine russisch-orthodoxe Kirche mitten in den Gottesdienst, haben das Gefühl, überall und jedem im Weg zu stehen und ziehen lieber weiter.

Am Hafen steht ein riesiges bunkerartiges Etwas. Ein Militärgebäude? Aber was sollen die gigantischen Treppen? Nein, das ist irgendwas mit Kultur. Sieht sehr sowjetisch aus. Und oben auf der Plattform stand Lenin. Bestimmt. Oder die ewige Flamme.

Wir haben einen wunderbaren Blick über das Meer und den Hafen. Wenn der olle kalte Wind nicht wäre…

Über die Pikk- Straße, vorbei an der dicken Margarete geht es zurück durch die Altstadt zum Domberg. Handelshäuser, Speicher, alte Klostermauern.

Bei den Wollfrauen, allesamt Russinnen, bleiben wir hängen. Wühlen in den  handgestrickten Handschuhen. Die Frau spricht gut Englisch. Als sie merkt, dass wir Deutsche sind, spricht sie sofort Deutsch. Und als sie uns fragt, woher wir kommen, leuchten ihre Augen auf und sie fragt: Aus der DDR? Das passiert uns noch öfter. Wenn die Russen merken, dass wir aus dem Osten sind, strahlen sie uns an. Ich mache mir so meine Gedanken. Die sind ja irgendwie die Verlierer der neuen Zeit, hier in Estland. Und vielleicht sehen die Westdeutschen  sie ja genau so wie die Esten: als die ehemaligen Feinde. Vielleicht sind Ostdeutsche da anders. Vielleicht können die in Russen keine Feinde sehen. Vielleicht spüren die Russen das. Oder die Ostdeutschen strahlen  immer noch diesen Nimbus, Menschen 2. Klasse zu sein, aus, wie man uns ja früher, als das Land noch geteilt war, oft spüren ließ. Und jetzt sind die Russen in Estland Menschen 2. Klasse. Das verbindet. Vielleicht.

Vielleicht liegt es aber einfach daran, dass wir alle noch ein paar Brocken Russisch heraus kramen können.

Am Domberg, in einem Café sitzend, auf dem FREISITZ, machen wir die Bekanntschaft eines Schiffsreisenden. Der macht eine Ostseekreuzfahrt und würde Tallinn gern hier genießen, den Trubel an sich vorbei ziehen lassen. Doch seine Frau ist da ganz anderer Meinung, scheucht ihn hoch und zwingt ihn zur Stadtbesichtigung.

Es sind unzählige Reisegruppen unterwegs. Alle durchnummeriert. Reisegruppe 11, Reisegruppe 3. Damit sie nicht verlustig gehen, haben die alle einen Aufkleber mit der jeweiligen Nummer auf den Jacken. Der Reiseführer natürlich auch.

Aber es gibt eine Chance, dem Trubel zu entgehen. An der Stadtmauer. Da, wo noch 9 Türme stehen sollen. Einen soll man sogar kostenlos besteigen können. Wir argwöhnen, dass die den abgerissen und ein Hotel auf die Grundmauern gebaut haben, denn wir finden nur acht.

Es gibt noch mehr ruhigere Straßen, wo man gemütlich draußen sitzen und einen Cocktail schlürfen kann. Wer hat eigentlich gesagt, dass es in Tallinn schweinekalt ist?

Als die Freundintochter uns abholt, zeigt sie uns noch das ehemalige Gefängnis am Strand. Etwas, das sicher in keinem Reiseführer steht.

Und dann sitzen wir im Boheem. Es zeigt sich, dass die Esten, die uns als eher unfreundlich geschildert werden, durchaus kontaktfreudig sein können, wenn man vor der Kneipe sitzt und raucht. Aber vielleicht waren das auch Russen. Wer weiß.

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7 Kommentare leave one →
  1. Mai 8, 2013 12:49 am

    Vielleicht fehlt den Ostdeutschen auch einfach die Arroganz des Wessietouristen, der von den Kreuzfahrtschiffen in die Stadt einfällt und wie glotzendes Vieh von den Reiseführern durchgetrieben wird. Das ist der Punkt, der mich auch noch vor so etwas zurückschrecken lässt, als Touristenvieh mit begrenzter Zeit kann man solche Städte nicht richtig genießen und ich würde am Abend lieber in einer Tallinner Kneipe ein Bier trinken als einen Cocktail auf Deck 8.
    Danke für die Eindrücke.

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    • Mai 8, 2013 11:05 am

      Da wird mal wieder so richtig schön polarisiert – der arrogante Wessietourist, und der brave und bescheidene Ossie.,.. Gott, wie ich so etwas mittlerweile hasse!!!

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      • Mai 8, 2013 12:20 pm

        Davon abgesehen – wäre ich in einer mir völlig fremden Stadt, und hätte keinerlei freundschaftliche Kontakte dort, würde ich arrogantes und glotzendes Wessie-Touristenvieh auch einer Stadtführung anschließen…

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  2. Mai 8, 2013 1:55 am

    Ihr seid immer an den spannendsten Orten unterwegs. Jedesmal möchte ich gleich meine Koffer packen und mitkommen.

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  3. Mai 8, 2013 12:32 pm

    Oioioi, ganz ruhig. Der den Kommentar geschrieben hat, liebe freidenkerin, ist meines Wissens auch ein Wessie 😉
    Aber zum Thema. Ich glaube auch nicht an den braven und bescheidenen Ossie. Ich bin sicher, da gibt es jede Menge arroganter Arschlöcher, genauso wie es brave bescheiden Wessies gibt. Und auch Touristengruppen setzen sich nicht ausschließlich aus einer bestimmten Personengruppe zusammen. Der Herr zB war äußerst sympathisch und ja gerade gewillt, die Stadt auf sich wirken zu lassen. Wenn da eben seine Frau nicht so sehr dagegen gewesen wäre. Ob es Ossies oder Wessies waren, kann ich nicht sagen, weil die sprachen so einen norddeutsche Dialekt, da weiß man als Sachse nicht, woher die kommen.
    Ich habe mir ja, wie beschrieben, so meine Gedanken gemacht und bin zu keinem Ergebnis gekommen. Fakt ist aber, dass ich, die ich 30 Jahre in der DDR gelebt habe, mich den Russen oft näher fühle als den Wessies. Also so gefühlsmäßig, wenns ums gegenseitige Verstehen geht. Die und die Polen, Tschechen usw. haben wohl den gleichen Hintergrund wie wir im Osten aufgewachsene. Die selben Lieder gesungen, die selben Filme gesehen, die selbe Erziehung und Bildung genossen. Das verbindet mehr als man glauben möchte. Es ist schwer zu beschreiben. Womöglich können die Russischen Esten es auch nicht beschreiben. So wie die Kirgisen nicht. Denn dort hatte ich vor Jahren ja ganz ähnliche Erlebnisse.

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    • Mai 8, 2013 12:57 pm

      Danke für’s verständnisvolle Besänftigen, du Liebe. Da hat mein manchmal doch noch etwas feuriges Temperament wohl wieder einmal ein paar Bocksprünge gemacht. 😉
      Gestern Abend bin ich übrigens ums Haar versucht gewesen, bei einem TV-Reiseanbieter eine Ostsee-Kreuzfahrt zu buchen. 😉 Der Umstand, daß niemand Vertrautes an dem betreffenden Termin Zeit gehabt hätte, und eine Einzelkabine mein Budget bei weitem überschritten hätte, hat mich dann davon abgehalten. 😉

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      • Mai 9, 2013 2:26 am

        Ja, das war eine unzulässige Verallgemeinerung zu der ich mich hinreißen ließ, mag ich eigentlich selber nicht. Aber als alter Wessietourist hab ich halt schon sehr oft unangenehme Erfahrungen mit meinen Landsleuten machen müssen, da ist der Fremdschämfaktor manchmal ziemlich hoch.

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