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Das ist sein Schuh

April 10, 2013

Der Kinderdoc hat auf eine Aktion auf Pauls Rettungsblog hingewiesen, an der ich mich gern beteiligen möchte.

Blogger sollen von ihren Erste-Hilfe-Einsätzen berichten, oder. so wie ich es verstehe, wohl davon, wie sie mit diesen Situationen umgegangen sind.

Ich erlebte zwei Situationen, in denen ich Hilfe rufen bzw. mich selber irgendwie kümmern musste. Davon will ich erzählen. Ich beginne mit der letzteren.

Es ist vier oder fünf Jahre her. Der Hausarzt meiner Wahl praktizierte noch in einem Viertel hinterm Bahnhof. Ich trabte als durch einen düsteren Dezembermorgen vorbei an alten Bahngleisen und abgestellten Straßenbahnen. Die Schultern hochgezogen, versuchte ich Ohren und Gesicht  so weit wie möglich im Schal zu vergraben und so dem feinen Nieselregen zu entkommen. Kurz vor Erreichen der Hauptstraße, ich mußte hier nur kurz nach rechts, um dann in die Toreinfahrt einzubiegen, hob ich die Augen von meinen Füßen und fixierte den vorbei donnernden Verkehr. Alles was von rechts kam, stand schon, während der aus der Innenstadt in die Außenbezirke wabernde Verkehr noch floß.

Ich sehe den auf mich zukommenden Radfahrer, die rote Ampel, und Panik erfaßt mich. Nein, der wird nicht bremsen. Nein, der wird bei Rot über die Ampel fahren.  Oh NEIN. BITTE. ICH WILL DAS NICHT! NEIN, da fliegt er, vom letzten PKW erfaßt, schon in hohem Bogen durch die Luft und landet mit einem lauten Aufklatschen vor meinen Füßen. Die Kopfhörer noch auf den Ohren.

Alles erstarrt.

Ich auch.

Erst als der junge Mann zu wimmern anfängt, kann ich mich regen. Hektisch schaue ich mich nach Hilfe um. Doch die Autofahrer scheinen immer noch unfähig zu reagieren. Also knie ich mich hinunter zu dem Verletzten und frage ihn hilflos nach seinen Schmerzen. Endlich kommt auch in die Autofahrer Bewegung. Einer schreit, dass er Polizei und Notdienst verständigt hat. Die anderen steigen langsam aus ihren Wagen.

Hat jemand eine Decke? Frage ich in die Runde. Es ist kalt, der junge Mann liegt bewegungsunfähig auf dem  nassen Bordstein. Der Eckladenbesitzer kommt heraus und fragt, ob er etwas tun kann. Ich brauche eine Decke, bitte ich. Er kommt mit einem Glas Wasser zurück.

Der Verletzte wimmert. Ihm ist kalt und sein Bein kann er nicht bewegen. Ich halte seine Hand und versuche seine Jacke so zurechtzuzupfen, dass sie wenigstens ein bißchen schützt.

Der Notarztwagen scheint Stunden zu brauchen.

Herr Gott, was soll ich nur tun? Die Autofahrer  beobachten uns gebannt aus sicherer Entfernung.

Also versuche ich, den Verletzten zu beruhigen. Dass der Notarzt, dass Hilfe sicher gleich käme. Und nein, ich geh hier nicht weg. Keine Angst, ich bleibe. Wie heißt Du denn? Und steck mal die Kopfhörer weg, muss die Polizei ja nicht sehen. Komm, ich helfe Dir. Er hat die Autos von der anderen Seite gar nicht gesehen. Die von links standen doch.

Ja, ich glaube, es ist nur ein Bruch. Das heilt wieder. Da ist kein Blut nirgends. Und wo anders tut doch nichts weh, oder? Hals? Rücken? Bauch? Das wird schon. Ich geh nicht weg. Ist Dir kalt? Ach, die Uni, die kann warten. Die Polizei, die informiert Deine Eltern. Jetzt warten wir erst mal auf den Notarzt. Der kommt gleich. Alles wird gut. Alles wird gut.

Die Polizei ist eher da. Johannes hält meine Hand so fest, dass es faßt ein bißchen weh tut.

Ja, ich habe alles gesehen. Ja ich bleibe hier bis der Notarzt kommt. Haben Sie eine Decke? Es ist doch so kalt.

Da kommt endlich der Notarzt. Rüde werde ich zur Seite geschubst. Hier gäbe es nichts zu gaffen. Jetzt wird alles gut, murmele ich dem jungen Mann noch zu, während ich versuche, seine Finger von meiner Hand zu lösen. Die Rettungssanitäter werden jetzt langsam ungehalten. Endlich kann ich mich aus dem Griff des am Boden Liegenden befreien.

Plötzlich sind ganz viele Menschen da und starren auf die Szene. Jemand hält einen Schuh in der Hand und gibt ihn mir. Der lag dahinten (20m weiter weg). Der gehört nicht dem Jungen. Doch, doch, dem fehlt doch ein Schuh. Das muss seiner sein.

Dem fehlte ein Schuh?

Hab ich nicht gesehen.

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9 Kommentare leave one →
  1. April 10, 2013 8:27 am

    Hi,

    vielen Dank für die Werbung und deinen Artikel. Den würde ich gerne, wenn du nichts dagegen hast, auch auf meinem Blog veröffentlichen.

    Viele Grüße

    Paul

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  2. April 10, 2013 11:24 am

    Glücklicherweise kann ich dazu nichts beitragen, denn ich wäre hoffnungslos überfordert mit so einer Situation. Erinnert mich nur daran, unbedingt den Erste Hilfe Kurs zu wiederholen, denn selbst die stabile Seitenlage wäre wohl erst nach einigem Nachdenken abzurufen.
    Immerhin hab ich mal den Notarzt gerufen als sich direkt vor mir ein Auto überschlagen hat, die waren Gott sei Dank auch höllisch schnell vor Ort.

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  3. April 10, 2013 1:16 pm

    Schade, daß sich die Rettungskräfte dann so rüde verhalten, und dich als Gafferin beschimpft haben…

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    • April 11, 2013 9:02 am

      Ach naja, das ist schon ok. Die sind ja darauf fokusiert, dem Verletzten zu helfen. So schnell zwischen Gaffern und Helfenden zu unterscheiden ist da sicher schwierig

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  4. April 10, 2013 7:23 pm

    Ich bin vor Jahren im Hochgebirge drei Stunden zu einem Telefon unterwegs gewesen um einen Helikopter um Hilfe zu rufen. Die Strecke abseits eines Pfades würde ich heute nie und nimmer mehr unter die Füsse nehmen. Mein Verstand war wie weggetreten. Trotzdem konnte ich die Koordinate mit einem Massstab aus der Landkarte lesen und am Telefon der Rettung mitteilen. Nicht auszudenken wenn ich auch noch verunfallt wäre.

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    • April 11, 2013 9:03 am

      Unfälle im Gebirge sind die Hölle. Ich bin ja selber Kletterer und war leider schon bei Unfällen dabei

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  5. April 10, 2013 10:25 pm

    Als Du schriebst „da fliegt er…“ erinnerte ich mich an einen ähnlichen Unfall, ich hörte nur kurz ein Quietschen, ein Krachen, schaute in die entsprechende Richtung und sah wirklich etwas fliegen, von dem ich zuerst dachte, es sei ein Brett! Es war ein kleiner Junge, der von einem Auto erfasst, schwer verletzt wurde. Ich selbst kam nicht näher an die Unfallstelle, der Unfall geschah auf der anderen Strassenseite einer viel befahrenen Hauptstrasse. Aber zum Glück für das Kind war eine Arztpraxis im Haus an der Unfallstelle, es wurde schnellstmöglich notversorgt.
    Gute Aktion! GLG

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  6. April 12, 2013 12:14 am

    Dank für den Hinweis, Inch.
    Ich finde, dass zu wenig geholfen wird. Ein schlimmes Erlebnis, dass ich mal in Lateinamerika hatte, werde ich dem Kinderdoc auf seiner Seite posten.

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