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Kurden, Polen, Praktikanten

März 6, 2013

Als wir also in Familie auf dem Boden rumkrochen und das wunderbare Laminat auslegten, ergab es sich, dass einer der im Haus werkelnden Handwerksmeister in der Wohnungstür stehen blieb und fasziniert das Kleine Kind beobachtete. Das maß Ecken und Schrägen, zeichnete ein und half, nachdem die Latten nach ihren Vorgaben zurechtgesägt waren, diese zu verlegen.

„Wenn Du hier fertig bist,“ meldete er sich schließlich zu Wort,“kannst Du bei uns anfangen!“

Alle drei unterbrachen wir die Arbeit und schauten fragend hinauf. „Ja, einen jungen Menschen, einen deutsch sprechenden und verstehenden, so was hatte ich lange nicht mehr.“

Die Fragezeichen in unseren Gesichtern verdichteten sich.

„Kurden und Polen! Nur noch Kurden und Polen arbeiten!“

„Äh,“ fand ich zurück zu meiner Kommunikationsfähigkeut, „wegen des Geldes?“

(Ich unterstellte dem Handwerksmeister in diesem Moment natürlich, dass er seine Gesellen und Handlanger unterbezahlt und deshalb kein…)

Doch: “Nee! Die wollen sich nicht mehr schmutzig machen! Und körperlich schwer arbeiten schon gar nicht!“

Mein Bruder, seit Jahren als Lehrer an einer Hauptschule um größtmögliche Befähigung seiner Schüler kämpfend, fiel sofort in den Tenor ein. Nicht in den des der deutschen Sprache nicht mächtigen, sondern in den sich nicht schmutzig machen wollen usw. Die wöllten eher gleich nach der Schule Millionär werden, oder Superstar. Und richtig sprechen lernen auch die deutschen Kinder nicht. Hallo, wir leben in Leipzig, da sind die überwiegende Mehrheit der Schüler noch Deutsch-Muttersprachler. Allerdings würden die die Sprache nicht mehr von der Mutter lernen, sondern vom Privatfernsehen. Usw. usw.

„10 Praktikanten hatte ich in den letzten Wochen und Monaten,“ erzählte nun der Mann vom Bau. „Junge Kerle.“

Einer wäre in Markenjeans erschienen, die konnte er natürlich nicht schmutzig machen, war ja auch teuer das Teil. Arbeitssachen hätte er keine mit gehabt und zu Hause hätte er auch nichts Taugliches finden könne.

Einer, einer von zehn! Wäre immerhin rein intellektuell und handwerklich in der Lage gewesen, dass man ihm tatsächlich etwas hätte beibringen können. Gewindeschneiden. Das machte den Handwerksmeister glücklich, erhoffte er sich in dem jungen Mann doch schon einen möglichen neuen Azubi. Er schickte ihn also mal zum Probearbeiten auf eine Baustelle. Als er dort nun zeigen sollte, was er könne, nämlich ein Gewinde schneiden, steckte er aber die Hände in die Taschen und fragte:“Muss das jetzt sein?“

Es ging dann noch ein Weilchen hin und her. Der Mann vom Bau und der Mann von der Schule klagten sich gegenseitig ihr Leid.

Das Kleine Kind und ich schauten fasziniert zu, auch ein  bisschen dankbar über die unerwartete Pause. Doch schließlich verabschiedete sich der Gast und –EHRLICH- er hätte das Kleine Kind am liebsten gleich mit genommen!

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9 Kommentare leave one →
  1. März 6, 2013 9:29 am

    Mein Bruder hat ein Elektrogeschäft in unserer Heimatstadt. Als Meister seines Fachs dürfte er natürlich ausbilden, doch seit einer Weile verzichtet er darauf. Denn was sich auf seine letzte Annonce vor ein paar Jahren als zukünftige Azubis bei ihm vorstellte, war durchweg unter aller Kanone – von Schreiben, Lesen und Rechnen hatten die Kids wirklich null Ahnung, Allgemeinbildung: völlige Fehlanzeige, und Arbeitswillen war auch so gut wie keiner vorhanden. Wenn mein Bruder erklärte, dass er gut zwei Drittel des Tages damit zugange sei, durch den Landkreis zu kutschieren, um Geräte auszuliefern, oder mühselig auf Küchen- und Kellerböden herum krauchen müsse, um Reparaturen durchzuführen, zogen die Aspiranten ohnehin samt und sonders einen Flunsch und meinten, dass ihnen das zu stressig sei…

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    • März 7, 2013 7:29 am

      Das kann ich mir vorstellen. Ich weiß aus ähnlichen Einrichtungen wie der unseren, die Facharbeiter ausbilden, dass die Schwierigkeiten haben, Azubinen zu finden.

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  2. März 6, 2013 6:37 pm

    da hat das kleine kind ja eine gesicherte zukunft!
    es ist wirklich merkwürdig, wie sich die gesellschaft entwickelt. was machen die eltern solcher kinder, sind sie so schlechte beispiele, daß sich die kinder die billigsten sendungen antun und die teuersten klamotten brauchen, um „jemand zu sein“? vor jahren waren es die arbeitslosen, die nicht körperlich arbeiten wollten, lieber wenig kassieren aber nichts tun müssen.
    ähnlich läuft es auch hier, ledige mütter kassieren gut für ihre kinder und kommen so über die runden. arbeitslose bekommen auch unterstützung, das ist ja auch richtig, aber keine alternativen angeboten…

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    • März 7, 2013 7:35 am

      Nuja, das Kind studiert ja nun leider schon 😉 Aber wir haben ihr auch gesagt, wenns nicht klappt mit nem Job, kannste ja auf’n Bau gehen 😀
      Und ja natürlich, dass die Kinder so sind, wie sie sind, ist Schuld der Eltern. Nur sind die meisten ja der Meinung, dass der Staat Schuld ist oder mindestens die Schule. Die sollens bitte schön richten. Wie das aber funktionieren soll, wenn man den Kindern gleichzeitig vermittelt, dass Lehrer „dumme Sauen“ sind und niemandem etwas zu sagen haben und dass der Staat eine Milchkuh ist, die man melken kann und jeder doof ist, der für das bisschen Kohle arbeiten geht, wo man doch fürs Nichtstun das gleiche kriegt, aber auch niemand den Arsch hochkriegt, um gegen Billiglöhne und Arbeitslosigkeit wenigstens auf die Straße zu gehen, ja, wie das funktionieren soll, darüber macht sich keiner Gedanken, was natürlich möglicherweise am fehlenden Intellekt, ob nun angeboren oder anerzogen, liegen mag

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  3. März 6, 2013 7:52 pm

    Voll krass, vallah! Erinnert mich an die Kids von Frl. Krise. Die glauben irgendwie alle das Mami und Papi noch die nächsten 100 Jahre für sie sorgen werden und irgendwann kommt das böse Erwachen, wenn die Markenjeans aus der eigenen Tasche bezahlt werden muss.

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  4. März 7, 2013 10:31 am

    Also ich hab zwischen den Zeilen gelesen, dass du sehr stolz sein kannst auf das kleine Kind 🙂 Hast du prima hinbekommen. Aber – ist es das da oben auf dem Foto? Und wenn ja, was macht es? Yoga?? (schönes Laminat)

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    • März 7, 2013 11:39 am

      😀 Sie betet dieses wunderbare Laminat an. Wir finden das nämlich auch wunderhübsch

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