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Grautöne

Januar 27, 2013

Samstag

Auf meiner Etage sind schon zwei von neun Wohnungen leer. Einen dritten Nachbarn sah ich heute Hundekörbchen und allerlei Kisten in den Fahrstuhl, aus dem ich grad stieg, schieben.

Weil ich deprimiert war, vergaß ich zu fragen, ob man nur vorrübergehend oder für immer die Flucht ergreife.

Deprimiert war ich, kam ich doch gerade von einem Freund, der mir am Donnerstag mitteilte, dass er genau eine Woche später ausziehen werde. Ich traf ihn zwischen Kartons voller Büchern und abgebauten Regalen.

Ein anderer Freund ist ja schon vor drei Jahren, als die Verwaltung zum ersten Mal anstehende Sanierungsarbeiten in Aussicht stellte, ausgezogen.

Im Hof stehen sich die Umzugsautos derweil selber im Weg. Bleibt überhaupt noch jemand hier? Ah ja, die Frau über mir, derer wegen man die oberen 20cm meines Bades braucht.

Eine seltsame Erschöpfung sucht mich heute schon den ganzen Tag heim. Liegt das wirklich nur an der Plackerei der letzten Woche auf Arbeit und der anschließenden Packerei zu Hause? Oder auch ein bisschen an Arbeits „kollegen“, die Dich, während sie Dir in den Unterlaib treten, freundlich aufmunternd angrinsen und an dem Verlust der Nähe liebgewordener Nachbarn und Freunde?

Ich sollte rausgehen. In die Sonne. Wenn ich mich nur aufraffen und den Anblick der Umzugsfirmen ertragen könnte.

Stattdessen stochere ich lustlos im Kartoffelsalat rum. 16:00 Uhr bringt mich das Taxi zur Jahreshauptversammlung meines Klettersportvereins. In den letzten Wochen klang es so, als sei überhaupt kein essen da für das anschließenden Buffet. Nun brechen die Tische unter der Last der Speisen fast zusammen. Und im Nebengebäude, erfahre ich, wird noch eifrig gekocht.

Grmphf

Es geht um Abgaben, die an den DAV zu leisten sind und den dadurch notwendigen Erhöhungen der Mitgliedsbeiträge, um die Einführung einer Familienermäßigung, um die Hütte, Baumaßnahmen, noch mal Geld und dann werde ich nach vorn gerufen und nehme Blumen, Gutschein und ein Dankeschön entgegen für die Arbeit an der website. Dabei bin ich nur hier, weil ich mich zu diesem Kartoffelsalat verpflichtet habe. Eine Freundin, die nach Belgien ausgewandert ist, ist auch da, einer aus Bayern auch und dann kommt auch noch der, der grad in Sotchi Straßen baut für die Winterolympiade. Gut, dass der Kartoffelsalat mich hierher gezwungen hat.

Sonntag

Während ich Zeugs packe und hin und herschiebe, fällte mir ein: Wahlen!

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„Wahlwerbung“ im Süden

Mist. Ich stiefele los. Schon seit Monaten ist klar, wen ich wählen muss. Wenn ich nicht will, dass ein Polizeipräsident mein Oberbürgermeister wird. Doch auf dem Weg zur Schule beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Eigentlich gehört der, dem ich heute meine Stimme geben werde, abgewählt. Aber es scheint, als hätten nur er und der Ex-Polizeipräsident eine Chance. Aber der darf es keinesfalls werden. Nicht weil ich ihn persönlich nicht mag, nicht weil ich seine Arbeit als Polizeipräsident nicht „mochte“, nicht weil er für eine Partei kandidiert, die ich soundso nie, nie wählen würde. Ich. will. keinen. Ex-Polizeipräsidenten. Als.OBM.

In der Kabine starre ich auf den Zettel, kann mich plötzlich kaum entscheiden für einen der Kandidaten, weiß nur, DEN will ich nicht, und setze mein Kreuz.

Schleiche nach Hause und mache mich über den Kartoffelsalat her, von dem natürlich fast ein Dreiviertel übrig geblieben ist.

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12 Kommentare leave one →
  1. Gudrun permalink
    Januar 27, 2013 3:46 pm

    Ach, liebe Inch, da hättest du meinen Zettel gleich mit ausfüllen können. Ich glaube, wir mussten beide das Kreuzchen an der selben Stelle machen. Und jetzt hoffe ich einfach mal, dass Horst umsonst schnell noch nach Leipzig gezogen ist. Ich brauch ihn hier nicht.
    (Die Stimmung wird nach der Sanierung wieder besser. Glaub mir, ich hab das auch mal durch …)

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    • Januar 27, 2013 5:21 pm

      Das denke ich auch, liebe Gudrun. Habe mich gestern noch mit Freunden unterhalten. Und da waren eine ganze Menge dabei, die heute wohl das gleiche sich zu tun gezwungen sahen

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      • Januar 28, 2013 2:05 am

        So ist es. Meine Tochter und ich haben auch recht lange diskutiert. Wir waren beide, unabhängig von einander, zum gleichen Ergebnis gekommen. Beim Kreuzchen machen hatte ich noch Bauchgrimmen, als ich auf dem Nachhauseweg Gesprächen zugehört habe, wusste ich, dass es richtig war. Es gibt seltsame Auffassung von der Person, die alles richten soll. Gruslig.

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  2. Januar 27, 2013 7:55 pm

    Na, liebe Inch, das sieht doch so aus als hättest du wenigstens die Horstwhl verhindert… Und die lästige Renovierung geht auch bal zu Ende. Vielleicht findest du dann wenn der Frühling beginnt, so ganz durch Zufall deine Traumwohnung in einer schönen Gegend… ich drück dir jedenfalls die Daumen, dass alles bald vorbei ist

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  3. Januar 27, 2013 8:35 pm

    Sieht ja nicht so gut aus für Horst, das ist gut. Das mit den Nachbarn stell ich mir auch ziemlich blöde vor, wenn ich mir vorstelle die meisten würden hier auf einmal ausziehen, komisches Gefühl. Man weiß was man hat, aber nicht was man bekommt…

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  4. Sleeper permalink
    Januar 27, 2013 10:08 pm

    Ich hab eher das Gefühl, dass es immer voller wird im Viertel, die letzte Baulücke wird derzeit gefüllt.
    Renovierungen sind der Horror für mich, ich verkrieche mich dann, so gut wie es eben noch geht, wenn es nach mir ginge, dann wäre das Haus noch fast im Urzustand verharrt.
    Aber aus Erfahrung … es geht alles vorbei!

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  5. Januar 27, 2013 11:19 pm

    Kleiner Trost: Der Frühling ist nicht mehr weit.

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  6. Januar 28, 2013 9:13 am

    Ja, der erste Schritt ist geschafft. Der Ex-Polizeipräsident hat keine Mehrheit. Mitte Februar gibt es noch einen zweiten Wahlgang, um alles klar zu machen

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  7. Januar 28, 2013 7:11 pm

    Wenn das Herz des Leipzig-Horstls rechts schlägt, dann habt ihr sehr gut daran getan, ihm eure Stimme nicht zu geben…

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  8. Januar 29, 2013 9:07 am

    Inchtomania, ich bleibe !

    @schreibschaukel : UND BITTE OHNE HORST !!!!!
    Den Frühlingmeine ich – Baugerüste lassen sich eider nicht mehr verhindern …

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  9. Februar 2, 2013 1:29 am

    Liest sich leider nach etwas deprimierter Stimmung, liebe Inch! Wünsche Dir ein paar Sonnenstrahlen für’s Wochenende!

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