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Schildkröten und Feuerwerk

Januar 1, 2013

Silvester Morgen 7:00 Uhr. Der Wecker klingelt. Heute muss es klappen mit der Fahrt nach Hiddensee.

Gerade als ich fertig angezogen bin, macht mich das Geräusch, dass die ganze Zeit von draußen herein dringt, misstrauisch. Es regnet. Ich checke den Wetterbericht der Insel. Regen.

Ausschlafen.

Beim Frühstück gerate ich etwas aus der Fassung. Der Speiseraum ist proppevoll. Mit Rentnern. Die müssen mit Bussen gekommen sein. Ich hatte ja gestern Abend schon von ihnen gehört. Schwerhörige Menschen scheinen ja grundsätzlich der Meinung zu sein, die Welt um sie herum litte an denselben Verstopfungen. Gestern dachte ich gar, so ein Rentner hätte an meine Zimmertür geklopft. War aber beim Nachbarn. So um die 30min haben die dann gebraucht, sich von Zimmer zu Zimmer darüber auszutauschen, wann sie gehen und wie viel Zeit bis dahin noch sei und dass sie „ruhig machen“ könnten. Aber das waren zwei Ehepaare. Vier Personen, die Krach für ein Dutzend machten. Jetzt stellt sich raus, das sind an die Hundert! Ich bin ein Sylvesterpartymuffel. Genau deshalb bin ich hier. Weil ich zur Pflichtparty immer zu müde bin. Jetzt starre ich auf 100 feierwütige vorfreudig aufgeregte Rentner. Ich will hier weg!

Nach dem ersten Schock gehe ich, um mich nicht wieder unnötig ablenken zu lassen, später direkt zum Meeresmuseum. Außerdem regnet es ja.

Nun ja, ich sagte ja gestern schon, ich bin nicht so der an Fischen interessierte Typ. Ich käme auch nie auf die Idee, zu schnorcheln. Wenn ich schon ins Wasser gehe, will ich gar nicht wissen, was sich da noch so mit mir tummelt, da werde ich mir doch nicht eine Röhre in den Mund schieben und nachsehen.

Was ich aber wirklich liebe, sind alberne Tiere. Ich zahle also Eintritt und begebe mich, die Ausstellungen und Aquarien ignorierend, direkt zum Becken mit den Meeresschildkröten am Ausgang. Yeh. Weil alle anderen sich noch ausgestopfte Eisbären und so angucken, bin ich ganz allein.

Voilà:

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Meeresschildkröten sehen nicht nur lustig aus, sie scheinen auch neugierig zu sein. Jedenfalls drängeln sich die vier Riesenkröten immer genau da an der Scheibe, wo ich stehe. Ich bin ja im Moment die einzige Ablenkung. Kann aber auch sein, dass sie dachten, ich hätte Leckerli. 11:00 Uhr gibt es nämlich eine Schaufütterung und da wird’s natürlich voll. Ist aber kein Vergleich zum Ozeaneum. Außerdem fehlen die Rentner.

Ich wackle zurück zum Eingang und schau mir nun alle ausgestopften Tiere, Präparate, Bootsmodelle und Aquarien an. Das Meeresmuseum befindet sich in der gotischen Kirche des Katherinenklosters, das immerhin schon im 13. Jahrhundert gegründet wurde. Das Museum insgesamt ist nicht so groß wie das Ozeaneum, das heißt, die Anzahl der Aquarien ist überschaubar. Das 15m lange Skelett eines Finnwals, der 1825 vor Rügen strandete, kann man bewundern genau so wie eine präparierte Meeresschildkröte, die einem Fischer hier ins Netz ging. Ganz gut, um mal zu sehen, wie groß die tatsächlich sind. Trotzdem, die lebenden sind mir lieber. Interessant ist die Ausstellung zum Vogelzug, es gibt viel Informatives in Sachen Überfischung, Umweltverschmutzung und Klimawandel.

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Und noch mal zum Lesen

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So vollgestopft mit zwar nicht neuem, aber aufgefrischten Wissen, schaue ich Kaffee schlürfend noch ein bisschen den Meeresschildkröten zu. Bis mich eine Familie mit schreienden Vorschulkindern verjagt. Aber wie gesagt, im Vergleich zum Ozeaneum ist es hier wirklich ruhig.

Es hat aufgehört zu regnen und wegen des bedeckten Himmels ist es fast mild. Ich habe da gestern auf dem Kutter so einen Bierdeckel mitgenommen, auf dem eine Tour zu allen Gaststätten der Altstadt, die Stralsunder Bier ausschenken, abgebildet ist. Doch schon nach der 2. Kneipe lasse ich mich ablenken und spaziere an der Sundpromenade am Strelasund entlang.

Das offizielle Silvesterfeuerwerk gibt es schon 16:30 Uhr. Damit, wie die Dame in der Touristinfo mitteilt, Familien mit Kindern und „unsere älteren Gäste“ das auch genießen können. Das kommt mir eigentlich sehr entgegen.

15:00 Uhr finde ich mich auf der Gorch Fock ein. Die ist im Winter eigentlich für Besucher geschlossen. Aber am 31.12. ist hier Party. Leider gehöre ich nicht zu den Privilegierten, die da hoch und vor dürfen, wo man die beste Sicht aufs Feuerwerk hat, aber ich sehe auch so ganz gut. Und Glühwein und Sekt und Imbiss gibt es ja für alle. Zu absolut moderaten Preisen!

Das Spektakel auf der Nordmole dauert 30 min. Und ich glaube, alle Stralsunder und alle Besucher sind am Hafen. Wirklich alle! Es ist so proppenvoll, dass ich mich wundere, warum nicht mehr aufs Schiff kommen. Und viele haben ihr Privatfeuerwerk mitgebracht, das sie nach dem öffentlichen inszenieren. Na prima, freue ich mich, wenn die jetzt schon alles verballern, habe ich ja nachher Ruhe.

Als ich mich zurück zum Alten Markt begebe, ist auf den Straßen kaum ein Vorankommen möglich. Doch dann, nach dem Essen, verbringe ich den Abend genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Ruhig, mit einem Buch und ein bisschen Internet auf meinem Zimmer. Von den feierwütigen Rentnern ist hier oben zum Glück nichts zu hören.

Um Mitternacht bricht die Hölle los. 90 Minuten später ist immer noch nicht an Schlaf zu denken. Es hört sich an, als würde jemand genau unter meinem Fenster feuerwerkeln. Aber das ist natürlich Quatsch. Das ist nur so laut. Sogar die Schiffsirenen waren um Mitternacht nur zu erahnen, so laut und viel wird hier rumgeballert. Und jetzt wollen die Stralsunder auch noch ihre schöne Stadt sprengen! Oder sind das Kanonenschüsse? Steht Wallenstein vor den Toren? Fast bin ich geneigt, vor die Tür zu gehen und nachzusehen. Aber das ist zu gefährlich. Am Ende werde ich noch erschossen.

Das macht keinen Sinn. Ich stell den Wecker aus. Nach Hiddensee muss ich ein andern mal. Irgendwann schlafe ich erschöpft ein, schrecke wieder hoch, schlafe wieder ein, werde von Kanonendonner geweckt. Ich hasse Silvester.

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7 Kommentare leave one →
  1. Januar 1, 2013 7:31 pm

    Ein Alptraum, ich kann es nachvollziehen. Vielleicht kommt doch noch ein wenig Erholung dazu …

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  2. Januar 1, 2013 10:13 pm

    Gute Idee eigentlich, über Silvester an einen ruhigen Ort zu flüchten. Wie man lesen kann ist das aber nicht ganz so einfach.
    Eine Blockhütte irgendwo im Wald vielleicht…

    Frohes neues Jahr!

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    • Januar 2, 2013 5:59 pm

      Ja. aber allein würde ich mich da fürchten. Und wenn ich jemanden mitnehme, will der/die garantiert Sylvester feiern.

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  3. Januar 2, 2013 9:22 pm

    Ein wundervolles neues Jahr wünsche ich dir – voll Gesundheit, Glück, Liebe und Wohlergehen! 😀
    Stell dir vor, ich habe zuhause die ganze Silvesterkracherei verschlafen… 😉

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  4. Januar 2, 2013 10:46 pm

    Ich fand das Meeresmuseum irgendwie heimeliger. Und bunte Fische sind auch eher mein Geschmack (nicht wörtlich zu nehmen) als die relativ farblosen Ostseeexemplare.
    Aber so marodierende Rentnerhorden, die auf pseudolustig machen oder dazu von so Fönwellen angeheizt werden, wären mir auch ein Graus.
    Die Balerei an Silvester ist auch nicht so mein. Wir hatten besuch und einen netten Abend. Party würde ich das nicht wirklich nennen wollen. Gut essen, viel quatschen udn lachen. Übrigens drei Leipziger am Tisch 🙂

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  5. Januar 2, 2013 11:11 pm

    Nanu, da hat noch jemand allein den Jahreswechsel verbracht. 😉
    Äs guets Nois.

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