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Fremdschämen

Oktober 10, 2012

Ende Oktober beherbergte ich ein Couchsurferin aus dem Baltikum. Eine junge Frau, die am 1. Oktober hier in Leipzig ihr Erasmusjahr beginnen wollte. Da es ihr nicht möglich war, vor dem Semesterstart ihr Zimmer im Studentenwohnheim zu beziehen, hostete ich sie vier Tage und Nächte. Dann zog sie, während ich an der Uni war, um. Abends wollte sie vorbei kommen und mir meinen Wohnungsschlüssel zurück bringen.

Am späten Nachmittag betrat ein Häufchen Unglück meine Wohnung. Das Wohnheim sei furchtbar. Ganz allein sei sie da. Nun, beruhigte ich sie, die anderen Studenten kommen vielleicht erst nach dem Feiertag, dem 3. Oktober.  Und es stänke ganz furchtbar. Hm. In der Küche gäbe es nichts. Nur einen Herd. Keinen Topf, kein Geschirr. Nix. Nun, hm. Kann schon sein. Ich weiß jetzt auch nicht, wie solche Wohnheime heutzutage ausgestattet sind. Möglicherweise muss jeder sein Geschirr und so mitbringen. Ich dachte an das zum Hostel umfunktionierte Wohnheim in Budapest zurück, da waren die Küchen auch wie leer gefegt. Und eine Bettdecke hätte sie auch nicht!

WAS???

Da ist nur ein Bett, ein Schrank, ein Tisch, ein Stuhl.

Keine Bettdecke???

Nein.

Äh wie? Was sagt denn der, also der Typ, der Dir den Schlüssel gegeben hat, dazu?

Der ist sei nicht mehr da. Telefonisch auch nicht zu erreichen.

Ich bin fassungslos.

Ja, aber, haben die Dir das denn nicht vorher mitgeteilt, dass Du ALLES mitbringen musst?

Naja, die haben gesagt, es gäbe eine Minimalausstattung.

Minimalausstattung? Was bitteschön ist denn das? Gehört da nicht wenigstens eine Bettdecke dazu?

Die junge Frau hat sich ein großes Handtuch gekauft.

Wie jetzt? Willst Du Dich damit zudecken?

Sie zuckt hilflos mit den Schultern. Bettdecken seien ja so teuer. Ob ich nicht wüsste, wo es so was billig gibt?

Ich bin von der Frage überfordert.

Schäme mich fremd.

Nein. So kann ich sie nicht gehen lassen. Packe ihr eine Decke ein. Bettbezug und Laken. Einen Satz Besteck, eine Tasse, einen Topf und einen Teller.

Sie erdrückt mich fast aus Dankbarkeit, als sie geht.

Aber was hätte ich denn anderes tun können?

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21 Kommentare leave one →
  1. Oktober 10, 2012 8:02 am

    Ich hätte nicht anders gehandelt. Keine Sekunde.

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  2. Oktober 10, 2012 9:25 am

    Hormone bei Schwangeren führen im Übrigen dazu, dass man bei solchen Geschichten Tränen ind en Augen hat…

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  3. stadtkatze permalink
    Oktober 10, 2012 9:47 am

    Ich denke, das geschilderte Wohnheim ist „normal“ ausgestattet – Bettzeug würde ich da tatsächlich nicht erwarten (ist ja kein Hostel), und dass mensch eigenes Geschirr etc. mitbringen muss, wundert mich auch nicht… Allerdings lässt sich letzteres meistens schnell & günstig von Menschen, die wegziehen und alles zurücklassen (Schwarze Bretter!) übernehmen.
    Dass die Studentin natürlich besser hätte informiert werden müssen, steht außer Frage. Ich vermute allerdings, dass wer auch immer sie „informiert“ hat, nicht nachgedacht hat, dass sie die Konventionen in hiesigen Wohnheimen nicht kennen kann.
    Ich hoffe für sie, dass sie sich nach dem ersten Schock gut einlebt.

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    • Inch permalink*
      Oktober 10, 2012 10:01 am

      Bettwäsche, Geschirr, alles ok und nachvollziehbar. Aber eine Bettdecke???

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  4. Oktober 10, 2012 10:02 am

    Du bist so liebenswert und großherzig…

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  5. Oktober 10, 2012 11:39 am

    Gut gelöst. Fürs erste.
    Das Wohnheim kann sich zur Miss Stand küren lassen…

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  6. Oktober 10, 2012 1:45 pm

    Also ich bin auch mehr als überrascht und entrüstet, dass ein Studentenwohnheim nicht wirklich mit dem Allerlebensnotwendigen ausgestattet ist – beschämend für einen der reichsten Staaten der Welt!! (Oder ist das regionale- oder städtische Angelegenheit?)
    Danke Gertje, dass Du so bist wie Du bist – einfach menschlich eben! Liebe Grüße! Beatrice

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  7. Oktober 10, 2012 3:13 pm

    zwei Töchterhaben mit Erasmus ein Auslandssemester studiert: Genf und Stockholm. Nirgends gabs ausser Bett, Stuhl und Tisch sonstige Ausstattungen. In Sachen Genf haben das hingefahren, in Stockholm gabs für 150 Eurotaler bei m Elch, was man brauchte.
    Ich hätte so gehandelt wie du, Inch. Reklamationen und Gemecker verstehe ich von Seiten der Studenten nicht. Erwarten die immer eine Vollausstattung wie zuhause? Dann haben sie die ErasmusWebseiten wahrscheinlich nicht gelesen und den Sinn nicht verstanden.

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    • Inch permalink*
      Oktober 10, 2012 5:10 pm

      Ja, aber ich kenne zwei, eine war in Uppsala, der andere ist grad in Szeged, da gibt es zumindest Bettdecken. Ehrlich, Bettdecken, finde ich, gehören zur Minimalausstattung. Ich meine, die Leute kommen von irgendwoher mit dem Flieger, da kann man doch nicht noch die Bettdecke mitbringen!
      Die Seite des hiesigen Stundentenwerks und auch die speziell des Wohnheims habe ich mir auch gleich angesehen. Da kann man wirklich glauben, ALLES ist da, so wie die sich feiern. Die reinsten Luxusappartments! Da sollte man dann wirklich per Email darauf hinweisen, was alles fehlt bzw in diesem Fall, was nur da ist. Und für Studenten, die für 3-12 Monate aus dem Ausland kommen, kann man doch zB auch den Verleih von Bettwäsche anbieten, oder? Nicht den Verleih von Bettdecken, weil die gehören einfach zur Minimalausstattung, da bleibe ich dabei!

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  8. Oktober 10, 2012 5:21 pm

    Da kam – entschuldige bitte, aber das meine ich wirklich ernst! – die DDR-Solidarität durch (na gut, unter Couchsurfern ist sie vielleicht auch überall zuhause): So geht das nicht, so kann mit einem Menschen nicht umgegangen werden, was kann ich denn da erstmal helfen. Hätt ich genauso versucht, hätt auch alles verborgt …

    Und zu DDR-Zeiten war im WOHNHEIM eine Bettdecke dabei, alles andere mußte man sich auch beschaffen; es war allerdings einfacher, da zumindest in Karl-Marx-Stadt die Heime nie ganz leer waren und man immer irgednwo im Wohnheim borgen gehen konnte.

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  9. Stephie permalink
    Oktober 10, 2012 9:06 pm

    Also ehrlich, ich hätte auch keine Bettdecke im Studentenwohnheim erwartet. Unter Minimalausstattung hätte ich eine Matratze verstanden. Meine Schwester (selber Studentin) hat das auch bestätigt.

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  10. Oktober 10, 2012 10:29 pm

    Bissl blauäugig rangegangen an die Sache das Mädel würd ich sagen, und viel Glück gehabt eine verständnisvolle Inch zu treffen *g*
    Fremdschämen muss sich da niemand, in Wohnheimen (vgl. z.B. Schwesternwohnheim) sind Decken nicht üblich.
    Von mir hätte sie allerdings auch eine bekommen, ich hab genug davon. Und ein Kissen, denn ohne Kissen geht gar nicht.

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  11. Oktober 11, 2012 4:27 am

    unser sohn mußte auch eine bettdecke mit nach spanien bringen, sein cousin mußte sich in australien eine decke kaufen. scheint also unterschiedlich gehandhabt zu werden. welch ein glück für deine couchsurferin, daß sie bei dir war!

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  12. Micha permalink
    Oktober 11, 2012 9:21 am

    Um welches Wohnheim geht es denn?
    Ist das ein offizielles von den Studentenwerken?

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  13. Exilbayerin permalink
    Oktober 11, 2012 9:22 am

    Als ich ein Jahr nach Belfast ging, war ich zwar in keinem Wohnheim, sondern in einer privaten Haus-WG, aber ich war auch völlig verzweifelt, als ich sah, dass keine Decke auf dem Bett war. Und damals war ich in der Situation Deiner baltischen Couchsurferin und endlos dankbar, dass eine Lehrerin, für die ich arbeiten sollte, mir eine geliehen hat für die Dauer meines Aufenthaltes. Mir gings wie Dir, Inch, ich hatte Decke usw. erwartet, auf fehlende Bettwäsche war ich eingestellt…
    Ich denke, es ist ein Ding, was man erwartet und als ‚Minimalausstattung‘ definiert und ein ganz anderes, wie man sich fühlt, wenn man der Minimalausstattung dann ‚ausgeliefert‘ ist.
    Hätte ich diese Lehrerin damals nicht gehabt, hätte ich wahrscheinlich ein Jahr im Schlafsack geschlafen und grade am Anfang hätte ich mich noch verlorener und einsamer gefühlt als man das in einem völlig fremden Land ohnehin tut.
    Ich hätte – nicht nur wegen dieser Erfahrung – genau das Gleiche getan wie Du.

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  14. Oktober 12, 2012 7:44 am

    @all
    Also das wundert mich jetzt doch, dass die meisten von Euch davon ausgegangen wären, dass keine Bettdecke da ist. Da bin ich wohl zu sehr Ossi, dass ich so etwas für selbstverständlich halte. Ich war gestern auf einer Veranstaltung, da habe ich alle mir bekannten Wissenschaftler unter 35 gefragt, ob sie im Wohnheim gelebt haben, während des Studium. Nuja, nur eine hat mal kurz und meinte, dass sie da tatsächlich auch nur eine Matratze vorgefunden hätte. Das finde ich schon merkwürdig. Aber gut, wir leben nicht mehr im Osten. Trotzdem bin ich nach wie vor der Meinung, dass man Zimmer und Heime für Erasmusstudenten besser ausstatten sollte. Die haben schließlich einen weiten Weg, werden am Wochenende nicht nach Hause fahren und bringen also Klamotten und Bücher für einen längeren Aufenthalt mit. Ein bisschen mehr Gastfreundschaft stünde uns da schon gut zu Gesicht.

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  15. Oktober 12, 2012 3:00 pm

    Nun, das Studentenwohnheim muß auch kostendeckend wirtschaften; Vermietung mit Decke ist teurer als Vermietung ohne. Und ich möchte nicht wissen, wie viele Leute es ablehnen würden, unter einer Decke schlafen zu wollen, unter (oder auf) der schon andere Leute geschlafen haben, womöglich gar miteinander… denn, ehrlich gesagt, die Studentenwohnheime, die ich gesehen habe, machten nicht den Eindruck, als würde das Bettzeug dort auch nur halb so sorgfältig behandelt wie in einer besseren Pension.

    Als ich nach Straßburg kam, gabs da für mcih auch keine Bettdecke (kennt man eh nur à la française, also Steckbett), da waren Tisch, Schrank, Bett mit Matratze, Regal und Waschbecken. Sonst nichts.

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