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Die Angst vor dem „Himmlischen Frieden“

Oktober 9, 2012

Heute vor 23 Jahren war ein Montag. Der Montag nach dem 7. Oktober, über den ich letztes Jahr hier berichtete.

Ich wohnte in der Innenstadt. Das Große Kind ging in einen Kindergarten in der Innenstadt. Einen Kindergarten, der genau am Ring lag. Ich arbeite in der Uni und fuhr jeden Montag Abend nach Thüringen, um jeden Dienstag ein Seminar zu belegen.

So auch an dem Montag vor 23 Jahren.

Nach den Ereignissen vom voran gegangenen Samstag hatte sich die Lage zugespitzt. Nachdem ich mit dem Großen Kind, das damals noch ganz klein war, die rettende Wohnung erreicht hatte, war die Hetzjagd weitergegangen. Vom Fenster aus konnte ich beobachten, wie hunderte am damaligen Pfandhaus zusammengetrieben, eingekesselt und verhaftet wurden. Inzwischen hatte sich rum gesprochen, dass sie in Pferdeställen in Markkleeberg festgehalten wurden. Ein Kampfgruppenkommandeur hatte in einer Leserzuschrift der LVZ verkündet, dass er und seine Genossen bereit seien, den Sozialismus zu verteidigen, wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand.

„Mit der Waffe in der Hand?“

Der Sachse an sich lässt sich ja viel gefallen, meistert brenzlige Situationen gern mit Gemüt und Humor und stand in der Geschichte häufig auf der falschen Seite, weswegen er oft genug eins auf den Kopf kriegte. Aber wenn jemand droht, auf seine Kinder zu schießen, legt sich ihm das auf das Gemüt und er kann auch mal ganz unhumorig werden.

Dass auch die Regierung keinen Spaß verstehen, war jedem klar.

Was würde passieren?

Aus den umliegenden Kliniken kamen beunruhigende Neuigkeiten. Dort wurden Stationen geräumt, um Platz zumachen für Verletzte. Blutreserven wurden geordert. Das Personal stellte sich auch auf Schussverletzungen ein.

Drohte uns ein Himmlischer Frieden? 4 Monate vorher, am 3. und 4. Juni 1989, hatte die chinesische Volksbefreiungsarmee einen Volksaufstand in Peking mit Panzern beendet, wobei lt. Amnesty International zwischen mehreren hundert bis mehrere tausend Menschen ums Leben kamen. Der Platz des Himmlischen Friedens war im Zuge des Volksaufstandes besetzt (und am 3. Und 4. Juni geräumt) worden, weswegen in der DDR der Begriff Himmlicher Frieden als Synonym der gewaltsamen und blutigen Niederschlagung in aller Munde war.

Doch nein. Das war China. In der Mitte Europas war das nicht möglich. Das trauen die sich nicht. Damals gab es noch kein Kosovo, kein Serbien, kein Bosnien. Einen Krieg in Europa hielten wir alle noch für unmöglich. Eine Niederschlagung mit Waffengewalt, also so richtig mit Schießen und Toten und Verletzten, auch.

Oder würden „sie“ es doch wagen?

In der Innenstadt, um die der Ring ja führt, bereiteten sich die Geschäfte vor und vernagelten die Schaufenster.

An Arbeit war an dem Tag kaum zu denken. Stündlich gab es neue Nachrichten. Gerüchte. Angst, Unsicherheit, Hoffnung.

(Dass zeitgleich drei Leipziger SED-Bezirkssekretäre, ein Theologe und zwei Kulturschaffende  ebenfalls um eine friedliche Lösung ringen, erfahren wir erst später. Der „Aufruf der Sechs von Leipzig“ erreicht die Besucher der Friedensgebete in vier Leipziger Kirchen und der 70000 auf dem Ring auf sie wartenden erst, als erstere die Kirchen verlassen.)

Als uns die Nachricht erreicht, dass die Angestellten in der Innenstadt nach Hause geschickt wurden, handelt mein damaliger Chef ganz pragmatisch. Er erklärt den Feierabend.

Ich stürme in die Kita. Die ist verschlossen. Ich muss lange klingeln, ehe mir eine ängstliche Kindergärtnerin öffnet.

Nachdem ich das Große Kind in Empfang genommen habe, warte ich auf meinen Bruder. Die Innenstadt, der Ring, bietet ein erschreckendes Bild. Zugenagelte Schaufenster, verschlossene Türen, kaum Menschen auf den Straßen, dafür Polizei. Überall Polizei. Heute erinnert es mich, als hätten überall Militärfahrzeuge gestanden, aber es wird wohl Polizei gewesen sein. Bereitschaftspolizei.

Ich sehe der Straßenbahn, mit der mein Bruder und das Große Kind nach Connewitz fahren, nach, bis sie vom Ring abbiegt und ich sie in Sicherheit wähne.

Dann nehme ich meinen Zug nach Thüringen.

Was in Leipzig passiert, ist Geschichte. In diversen Büchern nachzulesen.

————

Mein Vater war an jenem Montag, als ich nach Thüringen fuhr, einer von  den 70000. Ganz in der Mitte sei er gegangen, erzählte mir der damals 51jährige ein paar Tage später, aus Angst, dass doch geschossen wird. Mein Vater ist kein mutiger Mann. So wie vermutlich mindestens 69920 der anderen 70000 auch keine mutigen Menschen waren. Eigentlich. Ich ziehe noch heute den Hut vor jedem, der damals dabei war. Vor diesem Moment des Mutes, der unser aller Leben verändert hat. Vor jedem, egal ob und wie sehr sich mancher danach wieder in den Banalitäten des Alltags verloren haben mag, nachdem er dem großen Verführer aus dem Westen auf den Leim gegangen war und niemand ihn für mutig halten würde.

Denn jeder dieser 70000 hat im entscheidenden Moment den nötigen Mut gehabt, ist herausgetreten aus der grauen Masse, aus seinem kollektivierten Bewusstsein, hat für sich ganz allein eine individuelle Entscheidung getroffen, auszubrechen, die Stirn zu bieten. Für mich ist dieser 9. Oktober 1989 der eigentlich große Moment jenes Herbstes. Denn alles, was danach kam, war mit weniger Risiken verbunden. Und alle, die davor auf die Straße gegangen waren, oder in die Kirchen, verfolgten eine Idee, oder standen unter einem Druck, den sie so nicht mehr aushalten konnten und wollten und der sie mutig oder verzweifelt machte.

An jenem Montag vor 23 Jahren aber fanden sich Menschen, die sich eingerichtet hatten, Menschen, die seit Jahren den Kopf gesenkt hielten und es heute vermutlich wieder tun. Der 9. Oktober 1989 ist der Tag, an dem sie ihre Köpfe hoben, ihr Rückgrat durchstreckten und bewiesen, dass sie eins haben. Für einen kurzen Moment. Den vielleicht wichtigsten in ihrem Leben.

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9 Kommentare leave one →
  1. Oktober 9, 2012 1:42 pm

    Die Zeit hab ich in der Provinz miterlebt, Frohnau, Kreis Annaberg-Buchholz, Bezirk Karl-Marx-Stadt. Mit Kerzen in der Hand immer bergauf ging es bei den Demonstrationen in Annaberg

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    • Oktober 9, 2012 10:15 pm

      Ja. Damals hat man das gar nicht so mitgekriegt. Die Ereignisse überstürzten sich und Nachrichten brauchten eine gewisse Zeit. Erst im Nachhinein wird klar, wo überall fast zeitgleich die Menschen auf die Straßen gingen. Verblüfft mich immer wieder, wie schnell Ereignis auf Ereignis folgte bzw zeitgleich stattfand.

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  2. Oktober 9, 2012 8:31 pm

    Bravo!… Nur – wo ist sie hin, in diesen dreiundzwanzig Jahren, diese beispiellose Zivilcourage? Im Aufbegehren gegen Rechts, soziale Kälte, und zunehmende soziale Ungerechtigkeiten könnten wir sie in der heutigen Zeit mehr als gut gebrauchen…

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    • Oktober 9, 2012 10:12 pm

      Es war eben (leider) nur ein Moment

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      • Oktober 9, 2012 11:04 pm

        Aber einer der in die Geschichte eingegangen ist. Eine friedliche Revolution, ausgerechnet in Deutschland, wer hätte das jemals für möglich gehalten in den -zig Jahren vorher.

        Würde mich mal interessieren ob die Spacken, die den Sozialismus an diesem Tag mit der Waffe in der Hand verteidigt hätten, daraus irgend etwas gelernt haben.
        Aber wahrscheinlich sind es nur Idioten, die wieder etwas neues gefunden haben was sie zur Not mit der Waffe verteidigen können.

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        • Inch permalink*
          Oktober 10, 2012 7:42 am

          Nee, ich glaube, die sind jetzt alle Versicherungsvertreter (ich entschuldige mich hiermit bei allen anderen Versicherungsvertretern), abgesehen von denen natürlich, die das Glück hatten, zwar um einen Dienstrang degradiert, aber immerhin in die neuen „Organe“ übernommen worden zu sein.

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  3. Oktober 10, 2012 11:36 pm

    Danke, dass Du diese Erinnerungen, diese beängstigenden Szenen mit Deinen Lesern teilst. Ich bekam den Mauerfall damals nur im TV, in den Nachrichten mit. Klar war das ein denkwürdiger Tag, aber zu diesem Tag auch die Szenerie in der Bevölkerung zu lesen, das geht schon um vieles tiefer!

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  4. Oktober 15, 2012 9:59 pm

    „Ich ziehe noch heute den Hut vor jedem, der damals dabei war.“

    Dem schließe ich mich an.
    Menachem

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