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Abschied und Wiedersehen

Oktober 5, 2012

3 Tage haben wir für die Rückfahrt veranschlagt. Das ist großzügig geplant, mit viel Puffer, schien mir aber notwendig, zumal ich im Netz überhaupt keine irgendwie annehmbare Verbindung für die Rückfahrt nach Budapest finden konnte. Und wie ich bei der Hinfahrt ja lernen durfte, existiert manche  bei der Deutschen Bahn angegebene Verbindung gar nicht.

Vor Ort klärt sich dann vieles. Es gibt viel mehr Busgesellschaften als angenommen. Wir hätten sogar bis Debrecen in Ungarn fahren können. Mit Zügen sieht es in der Gegend schon schwieriger aus.

Aber immerhin, ab Satu Mare fährt einer. Nur wann, ist noch ein bisschen unklar.

Aufgrund eines Missverständnisses  sitzen wir im Bus, der allerding erst mal nach Baia Mare fährt. Das ist ein Umweg, gibt uns aber die Möglichkeit, uns von der Maramures zu verabschieden. 90 Minuten. Abschiede von den Pferdefuhrwerken, den Feldarbeitern, den bunten Kopftüchern, den Holztoren, den lachenden Bauern, den kleinen sinnvoll angelegten Feldern, den Obstgärten und Holzarbeitern. Wehmütig saugen wir die letzten Eindrücke auf, erinnern uns beim Anblick, der sich uns bietet und fragen uns, wie lange diese Landschaft und dieses Leben wohl erhalten bleibt. Längst sind Landkäufer im Land unterwegs, um den Bauern ihr Eigentum zu reinen Spekulationszwecken abzukaufen. Immobilienfirmen bieten auf dem internationalen Markt Häuser an, die sich im Preis am westlichen Markt orientieren.

Vor ein paar Tagen waren wir in Sighet in einem aus Westeuropa bekannten Supermarkt,  der zur weltweit zweitgrößten Einzelhandelskette gehört. In den Regalen fanden wir nichts, wirklich nichts aus lokaler Produktion. Wie lange die heimische Lebensmittelindustrie diesem Druck standhalten wird, bleibt abzuwarten. Vielleicht hilft ja das niedrige Nettoeinkommen der lokalen Bevölkerung, dass Rumänien nicht all zu schnell im europäischen Einheitsbrei versinkt.

Kaum verlassen wir die Maramures,  weichen die kleinen Felder größeren Anpflanzungen. Monokulturen. Kilometer weit ziehen sich die Obstplantagen und in den bis zum Horizont reichenden Maisfeldern wächst nichts anderes als Mais. Das Land wird flach, die Häuser sind aus Stein, nur wenige alte aus Lehm gebaut.. Große bis 3 stöckige Villen prägen das Straßenbild in den Dörfern.  Wir sind im Banat, in der großen ungarischen Tiefebene.

In Satu Mare folgen wir der äußerst verwirrenden und unlogischen Wegbeschreibung der Rezeptionistin des für diese Nacht gewählten Hotels. Durchqueren dafür einmal die Stadt, um in irgendeinem Außenbezirk ziemlich verloren da zu stehen. Dafür finden wir einen Deutschen Bäcker. Und fahren quer zurück durch die Stadt und nach Dorolt. Offenbar ist der hintere Teil des Busses für die Roma reserviert. Wir sitzen erst allein, dann sind wir umringt von einer Großfamilie. Sie steigen in einem der Vororte aus. Eine heruntergekommene, schmutzige Siedlung. Ich frage mich, ob die Familien die Häuser so haben verkommen lassen, oder ob sie von vornherein angesiedelt wurden, wo sonst keiner leben will. Arbeitslosigkeit und Armut dürften, so oder so, die Bedingungen, wie sie herrschen, begünstigt haben. Bus und Wohnviertel lassen die Ausgrenzung und den Rassismus fast körperlich spürbar werden. Trotzdem, nachts möchte ich hier nicht lang gehen.

Satu Mare liegt nur etwas um die 50km entfernt von Debrecen. Und doch braucht der Zug bis in die ungarische Stadt 3,5 (in Worten: drei ein halb) Stunden. Das liegt an den Grenzkontrollen.  Erst gehen die Rumänen durch, schauen unter wirklich jede Sitzbank, schrauben jede Wandverkleidung auf. Und dann… machen die Ungarn genau dasselbe noch mal! Können die das nicht zusammen? Da müssen noch viele  Ressentiments abgebaut werden.

Auch haben die Rumänen andere Fahrpläne als die Ungarn. Oder besser, die falschen. Jedenfalls fuhren alle Züge, die uns die wirklich nette Schalterbeamte am Bahnhof in Satu Mare genannt hatte, nicht.

Wir hatten uns ein Taxi bestellt, dass uns vom „Coral“ zum Bahnhof gebracht hatte. Schließlich fuhr der Zug morgens 6:00 Uhr. An der Grenze waren wir dann die einzigen Fahrgäste. Unser Frühstück und Mittagessen: je zwei Kekse, fünf gesalzene Nüsse, in Debrecen ein in jeder Hinsicht billiger Kaffee und ein Gebäckstück von Babyfaustgröße.

Kein Wunder also, dass Kerstin ein bisschen schwindelig wurde, als uns der Zug am Nyugati ausspuckte.

Wie vor 30 Jahren wirkt Budapest nach einem Rumänienurlaub wie ein Kulturschock. Viel zu viele Menschen. Viel zu laut. Viel zu reich. Unser Hostel wirkt wie eine Oase im Moloch Großstadt. Ein fröhliches Haus mit sauberen Zimmern, italienischen Balkons, Kaffee, Tee und Internet sind frei. Auch in der Bar auf der Grillterrasse im Innenhof. Und! Für jeden gibt es einen Palinka gratis! Ich haue verzweifelt mit der Stirn auf den Tresen!

Wir schmeißen das Gepäck ins Zimmer, schlüpfen in die Sommersachen und stürzen uns ins Stadtleben. Es ist 14.00Uhr und wir müssen dringend essen.

Dann geht’s über die Kettenbrücke und endlich durch DEN Tunnel. Auf der Fischerbastei sind genauso viele Rentner wie vor 14 Tagen und überhaupt, früher musste man da doch nie bezahlen oder? Im Jüdischen Viertel haben sie sauber gemacht. Viele der schmuddeligen Tore sind geöffnet und geben den Blick frei auf Biergärten, Theater und Szenekneipen.

Budapest ist heiß und voller Menschen, die Unterführungen am Kelleti pu. stinken nach Urin und auf nahezu jeder zweiten Parkbank liegt ein Obdachloser.

Platzkarten kriegen wir nicht, weil Kerstin ihre Fahrkarte im Hostel gelassen hat.

Wir haben noch 7000Ft, die wir jetzt versaufen müssen. Auf der Grillterrasse. Und ganz zum Schluss holen wir uns unseren Palinka, trinken ihn und steigen sofort die Treppen zu unserem Zimmer hinauf. Sie wissen schon, bevor er sich auf unsere Koordination auswirken kann. Man weiß ja nie.

Dann sitzen wir, nachdem wir in Breclav wieder über den Bahnhof gehastet sind, im Zug nach Dresden.

Und weil der Strom ausgefallen ist, bekommen wir im Bordrestaurant keinen Kaffee und setzen uns also hin und warten. Nach 15 min geben wir auf und wollen zurück in unser Abteil (Ja, es sind wieder Abteilwagen), als jemand meinen Namen ruft. Da sitzt die Tochter einer Freundin. Mit dieser Freundin war ich mehrmals in Rumänien, zuletzt in den 90ern, als wir auf der Rückreise durch Korond fuhren. Wir gründeten gemeinsam einen Hilfsverein für Miercurea Ciuc, die Stadt, in der unsere rumänischen Freunde wohnten. Die Tochter ist nur ein paar Monate jünger als das Große Kind. Wir waren gemeinsam im Urlaub und als die Freundin samt Familie wegzog aus Leipzig, besuchten wir uns sicher ein mal monatlich gegenseitig. Erst  nach 1995 verloren wir uns langsam aus den Augen. Und als sie also meinen Namen ruft, haben wir uns 15 Jahre nicht gesehen.

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18 Kommentare leave one →
  1. Oktober 5, 2012 11:46 am

    Schade, dass Urlaube immer so schnell vorübergehen. Vielen Dank, Inch, für deine Berichte und die vielen fotografischen Eindrücke. (Hoffentlich hast du bald wieder Urlaub 😉 )

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    • Oktober 6, 2012 7:11 am

      Das Schöne an so einem Reisebericht ist ja, dass, wenn man ihn schreibt bzw abschreibt, sich der Urlaub oder die Urlaubsstimmung ein bisschen länger erhalten lässt. Bei dem Stress, den ich grad auf Arbeit habe, kein schlechter Nebeneffekt

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  2. Oktober 5, 2012 2:27 pm

    Zimbowurst, Actimel und Milkaschokolade braucht kein Mensch, aber der Kapitalismus mit seinen unschönen Auswirkungen lässt sich wohl nicht aufhalten.
    Ich danke Dir ebenfalls für die vielen tollen Eindrücke von Rumänien (und Budapest) und schließe mich Herrn Ärmel an mit dem Wunsch: mehr Urlaub für Inch 😀

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    • Oktober 6, 2012 7:13 am

      Oh ja! Da bin ich auch dafür! Könntest Du bitte eine Petition einreichen oder Bürgerinitiative gründen, was auch immer? Mehr Urlaub für Inch! Eine ganz hervorragende Idee. 😀

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  3. Oktober 5, 2012 6:47 pm

    Wie traurig, dass die „westliche Monokultur“ im Supermarkt so gut wie alle heimischen Produkte verdrängt hat. Wobei ich wetten möchte, dass die ländlichen Erzeugnisse weitaus vollwertiger sind und auch besser schmecken, als das uniforme Großindustrie-Gepantsche…
    Meine Liebe, ich habe deine Reiseberichte und Bilder sehr genossen! Hoffentlich machst du bald wieder Urlaub!
    ♥lich!

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    • Oktober 6, 2012 7:19 am

      Man kennt das ja aus den frühen 90ern hier im Osten. Natürlich stürzten auch wir uns sofort und heißhungrig auf das Zeug im glänzenden Papier. Und merkten erst, als es zu spät war, dass wir die lokale Landwirtschaft, wie sie damals bestand, jeden Versuch der damals sich gerade neu definierenden wirklichen bäuerlichen Genossenschaften, ihre Produkte selbst zu veredeln und zu vermarkten, mitgeholfen hatten, in die Knie zu zwingen. Die einzige Chance in Rumänien sehe ich wirklich darin, dass die Preise für dortige Verhältnisse viel zu hoch sind. In Baia Mare waren wir ja in so einem neuen supermodernen Einkaufszentrum, dass auf uns eher traurig wirkte, weil das Dutzend Einheimischer da drinnen nur zum Gucken da war.

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  4. Oktober 5, 2012 7:23 pm

    Weshalb diese 200 %igen Kontrollen? Dachte innerhalb der EU wurde dies abgeschafft?
    Danke für diesen sehr ausführlichen, eindrucksvollen Reisebericht!

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    • Oktober 6, 2012 7:20 am

      Wegen der Grenzkontrollen innerhalb der EU haben wir uns auch gewundert.

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    • Oktober 6, 2012 7:52 am

      Diese Kontrollen zeigen doch nur, was die Mitgliedschaft in der EU wirklich bedeutet. Handaufhalten, (von der Arbeit anderer) kassieren und ansonsten den überholten Nationalismus fein pflegen.

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      • Oktober 6, 2012 7:56 am

        Ja, wir hatten auch den Eindruck. So richtig dürfen die Rumänen noch nicht dazu gehören. Aber wie gesagt, als neue Spielwiese für Spekulanten ist es hochwillkommen. Und irgendwo in Siebenbürgen wollen „die Kanadier“, die schon in Kirgisien viel Unheil angerichtet haben, das Land aufreißen und Silber oder so was fördern. Seit nun mehr 12 Jahren wehrt sich ein Dorf, dass dummerweise über der Mine liegt, dagegen. Nicht nur des Dorfes wegen, sondern auch aus Angst vor den Umweltschäden (Quecksilber!)

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  5. Stephie permalink
    Oktober 6, 2012 7:47 pm

    Wirklich ein sehr schöner Reisebericht und mit so tollen Fotos. Und machst Du schon Pläne fürs nächste Jahr?

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  6. Oktober 8, 2012 1:44 am

    schade, daß die tollen berichte zu ende sind, es war schön spannend auf deiner reise, danke!
    die monokulturen gibt es hier auch, sie haben die familienbetriebe kaputt gemacht, es wird insektizid gesprüht, von denen die menschen krank werden, aber das interessiert keinen. die kanadier sind hier auch und suchen und finden silber und verpesten das land……………grrrrrr!

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  7. Oktober 8, 2012 11:07 pm

    tausend dank für dieses tolle reisetagebuch. das zu lesen & zu gucken war ein bißchen wie selber urlaub machen! 🙂

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