Skip to content

Holz und Obst und Kunst und Seele (6.09.2012)

Oktober 1, 2012

Bin ich satt!

Am letzten Abend haben wir uns von der Wirtin bekochen lassen. Vorsuppe, Hauptgericht, Krapfen. Alles lecker. Alles mit viel Butter, Sahne , Schmalz. Alle Portionen viel zu groß. Dazu Palinka! Dabei wollte ich den heute nicht trinken (Kerstin darf ja nicht, weil Donnerstag ist). Nach drei Tagen sind wir uns nicht sicher, ob uns Ommas Obstbrand aus Sapanta wirklich gut tut. Kerstin meint sogar, ich solle den Rest mitnehmen und ihn im Labor untersuchen lassen. Immerhin, am ersten Abend hatte ich nach dem 2. Glas Unterkieferlähmung.

Ehrlich!

Am 2. Abend beschlossen wir deshalb, jede nur ein Glas zu trinken. Nachts weckte ich Kerstin, weil ich glaubte, sie atme nicht mehr! Gestern dann gings zwar so halbwegs, wir hatten auch ordentlich was zum Nachbeißen gekauft, trotzdem beschlossen wir, nachdem wir uns noch mal ausführlich die Geschichte mit den Gymnasiasten in der Türkei ins Gedächtnis gerufen hatten, lieber nichts mehr von dem hellgelben Zeugs in der Plastikflasche zu trinken.

Und nun steht er hier auf dem Tisch! Kann man ja nicht stehen lassen, schon um den Gastgeber zu beleidigen nicht. Und überhaupt, nach so einem üppig-fettigen Essen…

Am Tag war es bedeckt und frisch, regnete vormittags sogar, deshalb brachen  wir erst spät nach Barsana auf. Die 18km wollten wir von Anfang an nicht auf der Hauptstraße laufen, weswegen wir den Daumen raushielten. Schon das erste Auto hielt und für den üblichen Buspreis nahm uns der Fahrer mit bis Barsana.

Im Auto sitzen noch ein paar andere Anhalter und die lassen uns da, wo wir das Ortszentrum vermuten, ums Verrecken nicht aussteigen. Alle sind überzeugt davon, dass wir ins manasteri, ins Kloster wollen. Wir wissen nichts von einem Kloster, aber man kann sich ja mal überraschen lassen, oder? Und wo sollten Touristen sonst auch hin?

Der Komplex ist erst nach 1989 und im traditionellen Stil, also aus Holz gebaut. Wir laufen rum und staunen und sehen zu, wie ein paar junge Frauen für einen Kalender posieren, der im Klostershop verkauft werden soll. Denn ja, hier gibt es einen Klostershop. Und daneben eine Gastronomie. Hier hat man sich schon ein bisschen auf Tourismus eingestellt. Das Kloster liegt günstig an einer zwei Täler verbindenden Hauptstraße, da findet bestimmt der eine oder andere Bus her. Es gibt auch ein Museum. Und die Kirche ist offen!! Aber hauptsächlich dient auch dieses Kloster, es ist ein orthodoxes, den Gläubigen als Adresse und den Nonnen als Heim. Letztere sehen übrigens aus wie sehr schlecht gelaunte Krähen. Das ist uns schon in Sighet und Viseu de Sus aufgefallen: Nonnen sind hier immer etwas blass, verhärmt und verbissen bis schlecht gelaunt.

Eigentlich wollen wir uns in Barsana ja die Kirche ansehen, die eine von den 7 zum Unesco-Weltkulturerbe gehörenden ist und dann wollen wir Schäfer sehen. Denn Barsana kommt von Barsani, und das sind die Schäfer, die die langhaarigen Schafe züchten.

Naja, was soll ich sagen, wir sehen nicht mal eins der Wolltiere und weil das Kloster etwas außerhalb liegt, müssen wir 5km zurück in den Ort laufen. Dann fängt es auch noch an zu regnen. Und nirgends ist hier ein Tante-Emma-Laden. Dafür kommen wir an einer Hängebrücke vorbei, die wir jetzt beide höchst persönlich austesten, aber nur so weit, dass wir im Ernstfall noch gerettet werden können.

Als wir die Hauptstraße auf der Suche nach der Kirche verlassen, sehe ich einen Mann in seiner Haustür sitzen und schnitzen. Wir zögern mindestens 1 Minute, ehe wir fragen, ob wir rein kommen dürfen. Und dann kommt einer seiner Söhne und erzählt uns und zeigt uns. Ganze Kirchen haben die zwei Brüder und der Vater schon geschnitzt, am Kloster, dass wir grad besucht haben, haben sie mitgearbeitet, die Ikonostase stammt von ihnen. Stepan zeigt uns Urkunden aus New York und Paris, erzählt uns, dass die hölzernen Ketten an den Kirchenportalen aus einem Stück geschnitzt ist und die meisten Tore der Gegend natürlich auch von ihnen stammen.  Brunnen, Zäune, Kreuze. Er möchte von uns wissen, wie viel er in Deutschland für eine massiven Eichenschrank verlangen kann, denn er hat einen Geschäftspartner, der die Schränke, alles kunstvoll geschnitzte Einzelteile, hier verkaufen möchte.  Er zeigt uns seine Werkstatt und einen kleinen Ausstellungsraum. Die Wiege, in der er selber gelegen hat. Gebrauchsgüter und Kunst. Moderne und traditionelle Skulpturen. Und lässt uns dann staunend zurück.

Wir schnappen uns jede etwas und suchen ihn, um nach dem Preis zu fragen. Doch er ist verschwunden, so dass wir dem Vater das Geld in die Hand drücken. Wie üblich sollen wir uns auch hier im Obstgarten bedienen. Wie üblich zwingt er uns, als wir ablehnen, wenigsten jede etwas Wein zu naschen. Echt, ich werde in Rumänien an einem Vitaminschock sterben. Falls der Palinka mich nicht umbringt. Oder meine Leber verfettet. Kerstin hat schon Pickel um den Mund und ich möchte bitte auch mindestens zwei Wochen kein Obst mehr essen. Das verträgt mein Magen-Darm-Trakt gar nicht!

Wir müssen hier weg. Und finden tatsächlich die alte Holzkirche. Dazu müssen wir zwar über den Hof eines Bauern, aber die Leute haben uns ermuntert, genau das zu tun. Natürlich ist sie verschlossen. Und im kunstvollen alten Zaun hängt die Antenne des Bauern.

Der Fahrer, der uns mit zurück nimmt, ahnt, was wir in Rumänien suchen und zeigt lachend auf Fuhrwerke und Bauern bei der Feldarbeit. Als er uns an der Casa Muntean absetzt, kommt wie zum Hohn die Sonne raus. Da ist es auf dem Balkon fast wieder unerträglich heiß. Aber nach dem Abendmahl können wir noch ein letztes Mal den Sonnenuntergang genießen, obwohl der ja hinter dem orangen Haus nicht zu sehen ist.

Advertisements
12 Kommentare leave one →
  1. Oktober 1, 2012 8:34 pm

    Oh, das mit dem Selbstgebrannten ist tatsächlich gefährlich.
    Wie hieß es doch so schön: Trink schnell, es wird langsam dunkel. 😉

    Sag mal, wie habt ihr euch eigentlich verständigt? Russisch, deutsch, englisch?

    Gefällt mir

    • Oktober 1, 2012 10:12 pm

      Nee, die Rumänen sprechen meistens keine Fremdsprache. Aber da ich Italienisch kann, konnte ich einiges verstehen und mich auch verständlich machen. Einmal gings mit Russisch, in Sighet im Hotel und in der Pension in Vadu Izei sprachen die Besitzer Englisch bzw Französisch, in Viseu de Sus Deutsch. Ansonsten eben genau zuhören, Hände und Füße, und nicht in ganzen Sätzen sprechen. Also zB wenn man essen will, nur mit einem Fragezeichen im Gesicht ein Mangiare? in den Raum werfen. Und ein paar Wörter schnappe ich auch immer auf, wenn ich nur ein paar Tage im Land bin

      Gefällt mir

  2. Oktober 1, 2012 10:41 pm

    Beachtliche Schnitzkunst ist das! Ganz toll! Die ledernen Schnabelschühchen sind ja niedlich!… Oh, oh, selbstgebrannter Schnaps kann es in sich haben – aber er scheint euch Beiden ja weiters nicht geschadet zu haben. 😉

    Gefällt mir

    • Oktober 3, 2012 10:59 pm

      Ja, wir haben ja dann auch..äh.. nicht mehr soviel getrunken. Wobei der von der Wirtin, der hatte 52%, der schien uns eh milder zu sein als der von der Omma.

      Gefällt mir

  3. Oktober 1, 2012 11:16 pm

    Die Mädels in den Schnabelschühchen find ich noch viel niedlicher 😀
    Wahnsinn, ich wär ausgeflippt. Ich liebe Holz, wenn ich das Geld für ein Haus hätte, es wär aus Holz. Und dann sowas.
    Keine Ahnung ob es hier einen Markt für handgedrechselte rumänische Schränke gibt, aber wenn, dann dürfte der Preis in einem hohen vierstelligen Bereich liegen. Das zahlt man hier ja schon für Massivholz ohne Schnitzereien.
    Und die dicken Ausrufezeichen auf dem Schild an der Brücke hätten mich von der Erkundung wahrscheinlich abgeschreckt, wobei ich immer mehr Angst um meine Kamera habe als um mich selber *g*

    Gefällt mir

    • Oktober 3, 2012 11:00 pm

      Siehste! Und wir haben das Schild ignoriert. Da steht nämlich, dass irgendwas verboten ist. Wahrscheinlich springen. Oder mit dem Auto drüber fahren *pfeif*

      Gefällt mir

  4. Oktober 2, 2012 8:58 am

    Die Holzarbeiten sind sehr beeindruckend.
    Beim Selbstgebrannten, den es hier ja auch in vielen Häusern gibt, befolge ich die Grundregel: die Leute, die den Schnaps gebrannt haben, genau ansehen – vor dem trinken!

    Gefällt mir

  5. Oktober 2, 2012 12:12 pm

    Den Selbstgebrannten kannte ich von Litauen. Dort brannte die Oma und das Zeuchs wurde in Vilnius getauscht gegen Kinderschuhe, Bettwäsche … Ich hab allen erzählt, ich sei magenkrank. So kam ich um das Trinken herum. Überstanden haben es aber alle.

    Ein guter Bericht war das wieder, liebe Inch.

    Gefällt mir

    • Oktober 3, 2012 11:03 pm

      Danke! Und ja, die brennen ja da alle, im Osten und im Südosten. Ist nur immer ganz schön hochprozentig. Und das mit dem magenkrank, das haben wir mal vor 20 Jahren in Rumänien probiert. Hat nicht viel genützt. Aber dieses Jahr wollten wir den Obstbrand ja probieren.

      Gefällt mir

  6. Brigitte permalink
    Oktober 3, 2012 10:16 am

    Erinnert mich an den Bericht von Freunden, die Georgien bereist haben. Und einen Magen-Darminfekt erfinden mussten, um einen Tag „Trinkpause“ zu erreichen 🙂
    Ihr habt wirklich viel erlebt – tolle Bilder auch. Sehr mutig, auf die Hängebrücke zu gehen….
    Liebe Grüsse Brigitte

    Gefällt mir

    • Oktober 3, 2012 11:05 pm

      Oh Georgien! Da muss ich ja auch noch irgendwie hin. Und wäre Kerstin nicht mitgekommen nach Rumänien, wäre es vielleicht schon in diesem Jahr dahin gegangen. Nach Georgien, meine ich!

      Gefällt mir

Meinungen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: