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Waschtag

September 25, 2012

Einmal in der Maramures, lernen wir schnell, dass es mehr als nur die eine online verfügbare Busgesellschaft gibt.

So tappen wir also nicht zum fast in der Ukraine liegenden Busbahnhof von Dracard, sondern zu dem im Zentrum befindlichen von JAN. Dort sehen wir endlich und zum ersten Mal die gefährlichen rumänischen streunenden Straßenköter. In sicherer Entfernung sitzt einer auf einem Dreckhügel und kläfft die zu seinen Füßen versammelte Meute an. Alle bis auf einen hören ihm aufmerksam zu. Dieser eine guckt gelangweilt zur Seite, während einer aus dem übrigen Rudel kleinlaut zurück kläfft. Schließlich verlässt the Boss himself seinen Thron und wetzt um die Häuserecke. Alle folgen ihm. Alle, bis auf den einen. Der schaut den anderen hinterher und setzt sich dann auf den Thron. Die Szene hat irgendwie was disneyhaftes an sich.

Während wir neben unserem Bus stehen und zuschauen, kommt ein Mann, spricht mit dem Fahrer und dann mit uns. Wir verstehen kein Wort. Da fragt er, ob wir Russisch sprechen. Himmel! Ich versuche hier seit Tagen, mithilfe meiner Italienisch-Kenntnisse rumänisch zu verstehen, da fragt der mich nach russisch! Vor Schreck sage ich Nein, besinne mich dann und korrigiere meine Antwort. Ja, es gibt da einen anderen Bus, 100m entfernt, der fährt eher und ist billiger. Wir folgen dem Fremden. An der anderen Haltestelle fragt er uns noch nach der Pension, in die wir wollen, „übergibt“ uns dann einer Wartenden und empfiehlt sich mit den besten Wünschen für unsere Reise.

Die Frau nimmt ihre Verantwortung ernst, dirigiert uns in den Bus und schickt uns an der richtigen Stelle wieder raus.

Vadu Izei im Iza-Tal soll unsere letzte Station in der Maramures sein. Das Casa Muntean liegt etwas am Ortsrand in Richtung Barsana. Ein schlichtes, aber sauberes Holzhaus mit im traditionellen Stil eingerichteten Zimmern, Gemeinschaftstoiletten und –duschen, Italienischem Balkon, Garten und eine fließend englisch und französisch sprechenden Wirtin.

Doch wir sind viel zu früh. Also Rucksäcke abgestellt und erst mal das Dorf erkundet. So ganz ohne Reiseführer und Plan landen wir im nächsten Tante-Emma-Laden, wo uns die über den Zaun gehängten Teppiche schon einen unerkannten Vorgeschmack geben auf das Überraschende des Tages.

Obwohl es heute nur so an die 25°C hat und der Himmel sich leicht bedeckt zeigt, ist es staubig und viel zu warm. Also runter von der Dorfstraße, eine Feldweg zum Fluss entlang. Wir sehen ein paar Bauern bei der Heuernte zu und ich ärgere mich, dass ich nur die Taschenknipse mit habe.

Dann stehen wir auf einer Wiese, auf der über Holzkonstrukten mehrere Dutzend Teppiche hängen und in ihren kräftigen Farben um die Wette leuchten. Schon kommt eine Omi mit einer Schubkarre und hängt weitere dazu. Wir folgen ihr, als sie die leere Karre zurück schiebt und stehen…

…am TEPPICHWASCHPLATZ

Die Tochter weicht die Teppiche in einem der großen Holzzuber ein, angelt sie mit einer Art Harke heraus, schrubbt sie auf dem Holzboden, spült sie im zweiten Bottich und lädt sie in die Schubkarre. Die Enkelin turnt und schaut zu.

Wir sind sprachlos. Die Frauen haben nichts dagegen, dass wir wie wild fotografieren und uns alles genau ansehen.

Wir können uns vom Anblick kaum trennen.

Wir versuchen am Fluss entlang Richtung Schweinetal zu gelangen, folgen einem Pfad über Obstwiesen und an Maisfeldern vorbei, schauen über Zäune, wie Auberginen eigentlich wachsen, und enden auf einem Hof.

Zurück die nächste Nebenstraße führt entlang an Holzhäusern und solchen aus Stein, an gefliesten und neuen „Palästen“. Die Hauptstraße nach Baia Mare ist laut, staubig und macht irgendwie aggressiv. Also steigen wir eine andere Nebenstraße hinauf, bis sie sich oberhalb des Ortes im Nirgendwo verliert.

Auf dem Rückweg sehen wir eine Frau im Fluss Wäsche waschen! Echt. Das ist zu viel Folklore für einen Tag! Dabei sah Vadu Izei beim Ankommen gar nicht so einladend aus. Es liegt an der Hauptstraße, die Baia Mare und Sighet miteinander verbindet und auch auf der zweiten asphaltierten Straße Richtung Barsana ist ordentlich Verkehr. Doch verlässt man diese, findet man sich in den üblichen unbefestigten Nebenstraßen wieder.

Trotzdem, die Nähe zur Hauptstraße hat ihren Preis. Hinter der Brücke steht ein Bus mit dänischen Rentnern, die zu der Wiese am Waschplatz zu laufen scheinen. Dort, auf halber Strecke standen Grillhütten und viele Bänke. Zwei Mädchen in Tracht machen sich auch auf den Weg. Vielleicht tanzt die Volkstanzgruppe dort?

Egal, wir laufen zum nächsten Tante-Emma-Laden, genehmigen uns den letzten Kaffee des Tages  und kaufen Obst fürs Abendessen.

Als wir am Abend dann auf dem Balkon sitzen, hält der Bus vor der Pension. Uns schwant schlimmes! Doch die Reisegruppe strömt ins Nachbarhaus, das eine viel größere Pension ist. Am Abend hören wir die Folkloregruppe singen. Getragene Lieder. Das ist zwar nicht so urtümlich und lebensfroh wie seinerzeit in Ocna Sugatac, aber auch ganz nett als Abendunterhaltung. Und für uns völlig umsonst.

Bilder anklicken und groß gucken

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12 Kommentare leave one →
  1. September 25, 2012 12:03 pm

    Spannend, so eine Reise – und der Bericht davon!

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    • September 25, 2012 6:32 pm

      Lieber Emil! Du glaubst nicht, wie froh ich bin, diese Reise gemacht zu haben. Am liebsten würde ich sofort auswandern. Aber jetzt noch mit einem kleinen Bauernhof anfangen? Dazu hatte ich auch Mitte der 90er keine Lust, als ich schon mal dahin am liebsten gleich und sofort auswandern wollte. Und was den Kommentar zum Bild betrifft, es hat doch ne Weile gedauert, bis ich den begriffen habe. *grins*

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  2. Brigitte permalink
    September 25, 2012 1:31 pm

    Muss ein bisschen hinterherlesen….sehr viel hast du erlebt. Und schöne Bilder mitgebracht.
    Teppiche waschen? Die eigenen oder ist das sozusagen eine „Teppichreinigung“? Kenn hier nur den Brauch des „Teppich-im-Schnee-klopfen“. Allerdings von mir nicht praktiziert! 🙂
    Liebe Grüsse Brigitte

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    • September 25, 2012 6:33 pm

      Nein, die haben ihre eigenen Teppiche gewaschen. Ich werde später noch mal was dazu schreiben. Das mit dem Teppich im Schnee kenne ich noch aus meiner Kindheit

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  3. September 25, 2012 5:49 pm

    Wie Brigitte schon fragt: ist dies eine Reinigungsfirma oder stellen sie vielleicht die Teppiche her?
    Das Casa Muntean sieht sehr gemütlich aus!

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    • September 25, 2012 6:35 pm

      Nein nein, wie gesagt, nur die Reinigung der privaten. Die haben da ja über all Teppiche im Haus. Also nicht nur auf dem Boden, sondern auch an den Wänden. Auslegware würde auch nicht so recht in die Häuser passen. Dazu die schweren Decken aus Schafschurwolle

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  4. September 25, 2012 5:53 pm

    Das kann man sich hierzulande gar nicht mehr vorstellen, wie das ist, Wäsche im Fluss zu waschen – wir sind schon sehr vom Wohlstand verwöhnt… Hmmmm, jaaaa, der junge Mann schwingt schon sehr gekonnt die Axt – und sieht auch noch lecker aus dabei. 😉 In der schmucken Pension würde es mir auch gefallen.
    Liebe Grüße!

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    • September 25, 2012 6:37 pm

      Ja ne? So viele gut aussehende Herren haben wir da ja nicht gesehen. Also eigentlich nur zwei, und die haben wir dann auch gleich fotografiert. 😀
      Die Pension wird sogar vom Lonely Planet empfohlen, was wir aber erst hinterher raus gefunden haben. Und die Wäsche im Fluss… Hammer, was? Ich bin froh, dass ich es fotografiert habe. Sonst würde mir das niemand glauben. Ich meine: Hallo? 2012?

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  5. September 26, 2012 2:45 am

    wieder ein toller bericht mit eindrucksvollen fotos! das waschen der teppiche ist bestimmt knochenarbeit, und erst das aufhängen! sehr schön und farbenfroh sehen sie aus.
    liebe grüße

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  6. September 27, 2012 12:01 am

    Ökologisch korrekt ist das ja nicht gerade :D, aber wenn ich mir die Gerätschaften und Installationen so ansehe machen die das schon seit tausend Jahren so. Hier hab ich noch nie jemand einen Teppich waschen sehen, ich hab mich schon schwer gewundert dass meine Nachbarin noch einen Teppichklopfer schwingt.

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    • September 29, 2012 2:03 pm

      Ja, das Umweltbewusstsein ist natürlich überhaupt nicht ausgeprägt. Sieht man auch am Müll an den Feld- und Straßenrändern. Die Menschen dort müssen halt erst lernen, dass das, was sie jetzt als Gefäße und zur Verpackung und zum Waschen benutzen, NICHT abbaubar ist und irgendwann dem Land schadet. Denn am Anblick scheint sich ja niemand zu stören. Beim Teppichwaschen könnte ich mir allerdings vorstellen, dass die auch die Seife selber herstellen. Es roch jedenfalls nicht typisch nach Reinigungsmitteln. Aber wissen tu ich es natürlich nicht.

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