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Einmal Paltin und zurück (1.9.2012)

September 19, 2012

In der Pension liegt ein Flyer der Waldbahn aus. Und da steht, dass es, abhängig vom Holztransport,  9:00Uhr los geht. Das ist ein Dampfzug für Touristen, der mehrmals wöchentlich von Frühjahr bis Herbst verkehrt.

Hm. Hmpf. Touristenzug also. Hmpf. Bin ich zu spät. Ich habe ein bisschen Angst vor einer Volkstanzgruppe, die irgendwo aus dem Wald hüpft und dem Touristen das echte bäuerliche Leben vortanzt.

Immerhin, so lese ich, unterliegen Abfahrtszeiten, Routen und Halte den Erfordernissen der Forstwirtschaft, wegen der kurzfristige Änderungen oder Ausfälle jederzeit möglich sind. Für nichts besteht eine Garantie, das Auf-und Abspringen während der Fahrt ist auch verboten. Soso. Aber das Zugpersonal , dessen Anordnungen man Folge zu leisten hat (und das übrigens ständig auf und ab springt), ist berechtigt, uns von der Fahrt auszuschließen. Und alles geschieht übrigens auf eigenes Risiko, also für den Mitfahrenden, den Nicht-Forstbetriebsangehörigen.

Am Freitagabend suchen wir nach Ankunft in der Pension erst mal den Bahnhof. Der ist nämlich ganz am anderen Ende des Ortes, gleich hinterm Sägewerk am Fluss.  Dort kann man im Vorverkauf die teureren Tickets (76 RON) kaufen, die mit Vollverpflegung. Die einfachen (45 RON) gibt es erst am Fahrtag, da, so erklärt man uns, müsse man aber so gegen 8 da sein. Da habe ich nun doch ein bissl Hummeln, dass die dann ausverkauft sind. Ich meine, die Anreise hierher dauert ohne Zwischenstopp in Budapest und irgendwelchen Dörfern zwei Tage, da wäre es doch echt doof, dann leer auszugehen und dem Zug hinterher zu winken.

Wir kaufen also Vollverpflegung und sollen am nächsten Tag bis 8:30 Uhr da sein.

Schaffen wir auch. Und sind froh über die teureren Zugfahrkarten. Nicht nur dass wir dafür eine echtes Billet, also so mit knipsen und so, einen Schlüsselanhänger und einen Kalender erhalten haben, nein, die betuchteren Gäste dürfen in die geschlossenen Wagen. Holzklasse. Mit Kanonenofen drin!

Die anderen fahren in so offenen Waggons, was ein bisschen blöd ist, weil es bergauf geht und im Schatten immer frischer wird. Also ich bin dafür zu dünn angezogen.

Das mit dem Touristenzug ist jetzt auch nicht ganz so schlimm. Weil, die meisten Touristen sind einheimische Ausflügler. Und wir sehen auch nur zwei trachtenverkleidete Menschen am ganzen Tag. Die verteilen den Kuchen und den Pflaumenschnaps VOR der Abfahrt, den wir aber erst mal ablehnen, weil es ja noch viel zu früh ist und wir denken, dass man den auch noch nachmittags trinken kann. Kann man aber nicht. Zum Trost kriegen wir einen Saft. Am Nachmittag.

Zwei Schüler laufen rum und erklären den 5 Deutschen, zwei Briten und verirrten Spaniern den Ablauf und die Regeln. Dann wird noch ein bissl hin- und her rangiert. Dann geht’s los.

Leider ist einer der Landsleute so ein Erklärbär, der auf jeden entzückten Ausruf eines Mitfahrenden eine Antwort hat, die gar nicht nach Begeisterung klingt.  Ich habe ja nichts gegen Leute, die alles wissen. Es ist einfach die Art, die mich und zwei andere Landsleute stört, während Erklärbärs Frau wohl schon lange gelernt hat, seine herablassenden Ausführungen zu überhören und sich still und wortlos der Dinge zu erfreuen.

Dabei hat uns Rumänien erstaunt. Es wird viel gebaut. Die neuen Häuser sind groß, sauber und kein bisschen folkloristisch. Klar, die Frau putzt vielleicht in Deutschland. Oder der Mann  zieht als Erntehelfer durch Italien oder malocht auf einem Bau in Frankreich. Schläft mit 5 Kollegen auf 10m2 und schickt jeden entbehrlichen Cent nach Hause, wo er ein neues Haus baut. Oder eine Pension. Oder einen Traktor kauft. Nach 10 Jahren kehrt sie oder er vielleicht wieder heim und hat sich und der Familie die Existenz gesichert. Warum auch nicht?

Aber gut. Die Fahrt.

Die Holzzüge sehen wir, wenn wir auf der ansonsten eingleisigen Strecke auf ein Nebengleis geschoben werden um Platz zu machen für die ins Tal fahrenden Transporte. Bremser auf jedem Waggon, während unsere kleine Dampflok ordentlich schnauft und  qualmt, um uns den Berg rauf zu schleppen.

Wir passieren die Ladestationen, um die sich kleine Ansiedlungen gebildet haben. Häuser und Obstgärten für die Familien der Forstarbeiter oder nur ein einzelnes Haus, in dem die Holzfäller in der Saison leben. Schwere Technik kommt genau so zum Einsatz wie die guten alten Pferdefuhrwerke. Alles wirkt sehr erdverbunden, urtümlich.

Die Wassertalbahn, die heute noch mit Holz befeuert wird, ist vermutlich die letzte echte Waldbahn der Welt. Zwar kommen auch hier kleine Dieselloks zum Einsatz, aber auch die alten Dampfloks, die in Rumänien immerhin noch bis 1987(!) gebaut wurden, schleppen neben den Touristen auch noch Holzlastzüge.

Nach 15km halten wir an einer kleinen Wiese. Die Lok braucht Wasser. Für die Vollverpflegten gibt es Kaffee und die anderen packen ihre Thermoskannen aus.

Je weiter wir nach oben kommen, um so weniger menschliche Spuren gibt es. Nur Angler sieht man hie und da am Fluss. Und abenteuerliche Hängebrücken, die unsichtbare Wege miteinander verbinden.

Nach knapp 22km erreichen wir Paltin, wo das Sägewerk einen kleinen Bahnhof, ausschließlich für den Forstbetrieb, unterhält. Das Zugpersonal packt den Grill aus, um die Vollverpflegten zu verpflegen, die anderen packen ihre Picknickkörbe aus und verteilen sich auf der Lichtung, was irgendwie romantischer ist.

1 Stunde später geht es zurück. Und nun steht in jedem Waggon ein Bremser, die kleine Lok macht nicht mehr so viel schwarzen Dampf und Wasser tanken muss sie auch nicht. Eingeschlossen werden wir wie auf der Hinfahrt auch wieder.

Es war ein schöner erholsamer Tag. Eigentlich hatten wir von Paltin zurück laufen wollen. Aber echt, nach der Latscherei der letzten Tage fühlen sich unsere Füße schon etwas überlastet an. Und als wir vom Bahnhof zurück laufen, finden wir endlich eine geöffnete Holzkirche. Und in einem Café gibt es aber so was von riesengroßen Stücken Buttercremetorte, dass uns fast ein bisschen schlecht wird. (siehe Fotos gestern) Da bräuchten wir eigentlich einen Schnaps. Aber so weit sind wir noch nicht. Den Sonnenuntergang genießen wir bei einer Flasche Rotwein.

Und nun viel Spaß beim Gucken (drauf klicken=groß gucken). Ich konnte mich beim Fotografieren kaum beherrschen

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13 Kommentare leave one →
  1. September 19, 2012 8:49 am

    Sieht alles irgendwie ein bisschen nach „elekrischer Eisenbahn“ daheim aus. Anheimelnde Romantik. Dabei arbeiten die Menschen dort sicherlich sehr hart, besonders in den unfreundlichen Jahreszeiten.
    btw: Fotografen sind nicht zu dünn angezogen, wenn es bei solch einem kleinen Abenteuer offene Wagen zum rausfotografieren gibt 😉

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  2. September 19, 2012 6:27 pm

    Eine Dampflok!!! Ihr seid mit einem Zug mit einer richtigen, echten Dampflok gefahren??? Möööööönsch, das wäre was für mich gewesen! 😀 Das „Schienenauto“ ist ja voll krass, wie ist das denn angetrieben worden? Das rumänische Barbecue sieht lecker aus – die Hängebrücke in der Tat recht abenteuerlich. Und deine Fotos mit den Spiegelungen in den Zugfenstern sind einfach nur toll, toll, toll! 😀

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    • September 19, 2012 10:17 pm

      Jaaa! Und manchmal waren wir froh, Fenster zu haben, weil die macht ordentlich Qualm. Wie die Schienenautos funktionieren? Keine Ahnung. Als sie vorbei fuhren, hat nix gequalmt. Deshalb denke ich, dass es irgendwie was mit Elektrik zu tun hat. Aber ich weiß es wirklich nicht. Von innen, also das, was am Bahnhof stand, sah es völlig normal aus

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      • September 20, 2012 2:17 pm

        (Weil ich das von Schwalbe und Trabant 600 aus DDR-Zeiten kenne:)

        Der Antrieb erfolgt wahrscheinlich mit dem serienmäßigen Motor (2,5 l Vierzylinder Reihenmotor, wenn ich mich recht erinnere längs eingebaut, mit 100 PS / 73 kW) des Wolga GAZ 24, evtl. wurde das Getriebe verändert oder nur der Abtrieb an die Eisenbahnräder angepaßt.

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  3. September 19, 2012 6:43 pm

    Na das war ja in vielerlei Hinsicht ein lohnender Ausflug. Eine klasse Story gepaart mit super Fotos sind das für uns sichtbare Ergebnis. Denke Eure Eindrücke von diesem Tag werden Euch ein Leben lang begleiten.. Btw erwähn nicht so oft die Buttercremetorte sonst muss ich unseren heimischen Konditor hier noch überfallen *g*

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    • September 19, 2012 10:19 pm

      Ja danke! Ich bin wirklich froh, dort gewesen zu sein. Wer weiß, wie lange oder kurz es noch dauert, bis die sich etwas besser vermarkten. Und die Bu… also versprochen, die erwähne ich kein einziges Mal nicht mehr 😀

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  4. September 19, 2012 10:07 pm

    Ja Wahnsinn, so viele Motive, ich hätt mich auch nicht beherrschen können. Und ich hätte wie Herr Ärmel den offenen Wagen genommen, aber solange man die Fenster aufmachen kann zum fotografieren gehts ja.
    Was für ein Glück, dass der Standardpauschaltourist sich nicht für diese Gegenden zu interessieren scheint, diese Idylle könnte so noch ein paar Jahre erhalten bleiben.

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    • September 19, 2012 10:22 pm

      Fenster konnte man auf machen. Und bei Bedarf zu, was wir aber wirklich nur gemacht hatten, wenn wir drohten zu ersticken. So 1 min lang, dann mussten wir die Fenster wieder runter schieben und wie wild rum fotografieren. Der Vorteil der Waldbahn ist, dass die Anreise etwas beschwerlich ist. Und Viseu de Sus, da ist nix in der Nähe, was sich zu gucken lohnt. Für Reisebusse ist der Ort zu weit weg von gut ausgebauten Straßen. Trotzdem denke ich, dass der Prozess des Vertourismussen nicht mehr aufzuhalten sein wird.

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  5. September 20, 2012 2:35 am

    tolle fotos zu einem tollen bericht! besonders gut gefällt mir das auto auf schienen und die supergei… dampflok, die eisenbahnbrücke sieht sehr beeindruckend aus! die kanonenöfen sind hier sehr beliebte heizkörper im winter und sehen fast genauso aus.
    liebe grüße

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    • September 20, 2012 8:31 pm

      Danke! Und ich kenne die Kanonenöfen ja auch noch von früher. In einem Waggon habe ich die aber noch nie gesehen

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  6. September 20, 2012 2:18 pm

    Herrlicher Bericht mit tollen Bildern. Danke dafür.

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    • September 20, 2012 8:32 pm

      Danke Emil, für die Erläuterung zu dem Wolga auf Schienen. Ich hätte ja nicht mal gewusst, dass das ein Wolga ist…

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