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Der Grund der Reise (31.8.2012)

September 18, 2012

Wir verlassen das Mara – Tal. Doch Busfahren in Rumänien erfordert eine gewisse Gelassenheit. 2 Omis meinten, der von uns anvisierte Sprinter führe nicht, eine Frau hielt dagegen und zwei Opis empfahlen uns, erst nach Sighet und dann weiter zu fahren. Zwischendurch hielt ein in Frankreich arbeitender Rumäne, der uns mit in die nächste Stadt nehmen wollte. Und dann, mit nur einer halben Stunde Verspätung kam er, der Bus nach Borsa.

Der bringt uns erst zur ukrainischen Grenze und dann ins Valea Viseu nach Viseu de Sus (das „s“ in Viseu spricht man etwa wie das 2.g in Garage und das erste “S“ von Sus liegt irgendwo zwischen diesem g und einem ch)

Das ist ein großer, schmutziger Ort. Auf den ersten Blick. Unsere Pension liegt etwas am Ortsrand, wir müssen viele unbefestigte, staubige Straßen lang laufen, ehe wir das Schmuckstück in der ehemaligen Zipserei (früherer Deutscher Ortsteil, in dem die Zipser Sachsen wohnten. Auch heute leben dort noch einige Deutsche) finden. Dort ist alles, wie immer, neu, sauber, und unsere Erwartungen weit übertreffend. Der Hof ist ein bisschen kitschig gestaltet, die Besitzer, das hört man am Akzent, haben lange in Österreich für ihre Eigenständigkeit gearbeitet und die Gartenzwerge, Brünnlein und Störche sind vielleicht eine Referenz an das Land, dass ihnen die Arbeit gab, ihren Traum zu verwirklichen.

Heute hauptsächlich von Rumänen bewohnt, beherbergte die seit dem 17. Jahrhundert zu Österreich-Ungarn gehörende Stadt bis zum 1. Weltkrieg praktisch keine Rumänen, dann  bis fast zum Ende des 2. Weltkriegs ein Gemisch aus Juden, Deutschen und Rumänen, deren Gemeinden etwa gleich stark waren. Daneben gab es noch kleinere Bevölkerungsgruppen von Ungarn und Ruthenen. Von den Jüdischen Mitbürgern, deren Vernichtung 1944 einsetzte, überlebten nur 10%, von denen aber nur wenige heimkehrten. Die Synagoge wurde 1970 abgerissen. Viele Deutsche verließen die Stadt schon vor der Wende Richtung Bundesrepublik, nach der Revolution gab es dann noch mal eine größere Auswanderungswelle. Trotzdem leben heute noch um die 800 Deutsche dort, der größten „Ansammlung“ von Sachsen, die ich in ganz Rumänien je erlebt habe. Und so waren wir manches mal fast erschrocken, wenn  Menschen unser Buna Ziua (in ländlichen Gegenden grüßt man sich, auch wenn man fremd ist) ganz selbstverständlich mit einem Guten Morgen beantworteten.

Und genau hier, im Wassertal, liegt der Grund meiner Reise.

Es ist ein alter, ein 24 Jahre alter Traum. Da nämlich las ich in dem jährlich erscheinenden Almanach „Komm mit Rumänien“ zum ersten Mal davon. Und das klang so:“… einem engen Tal…, in dem es kein anderes Verkehrsmittel gibt als die Forstbahn…“ und „.. 6:30 Uhr … meldet man dem Stationschef seine Präsenz“ und „Mehr schafft die mit Holz… angetriebene kleine Dampflok nicht“ und „auf der Heimfahrt… haben die Bremser genug zu tun, um das Tempo zu drosseln“

Ja, da wollte ich hin. Schon 1978 hatte ich von dieser wundersamen Gegend gelesen, in dem „wahre Virtuosen des Beils“ ihre Dörfer, Häuser und Gehöfte mit „aus Eiche und harzgetränkter Tanne gehauenen Kunstwerken“ schmücken. Eigentlich gab es fast jährlich einen Bericht aus diesem, wie mir schien, Märchen-Traum-Zauberland.

Doch die Waldbahn! Als ich von ihr las, wurde das Tal zum herbeigesehnten Ort. Wie abenteuerlich das klang, in ein Gebiet zu reisen, wo man auf leeren den Berghang hinauf stampfenden Zügen mit trampt und zurück auf den mit Holzstämmen beladenen Waggons. In einem Tal zu verweilen, in dem  man nur hie und da auf Waldarbeiter trifft und ansonsten fern jeglicher Zivilisation, umgeben nur von der Schönheit der Eichen-und Mischwälder. Hach, das klang so wunderbar.

Ursprünglich wurde das Holz geflößt, doch 1932 begann man entlang der Viseu bzw Wischau mit dem Bau einer Schmalspurbahn. Die stellte gegenüber der Flößerei natürlich einen enormen Fortschritt dar und verdrängte den Transport auf dem Wasser nahezu vollständig. Diese Waldbahnen baute man damals überall auf der Welt, ihre engen Kurven folgten den Wasserläufen. Kleine Dampfloks zogen die leeren Holz-Waggons bergauf, bergan waren bis zu vier Bremser pro Hänger notwendig, die schwer beladenen herabrollenden Züge unter Kontrolle zu halten.

Da wollte ich unbedingt einmal mitfahren!

Allein, im Rumänien der 80er Jahre gab es auch außerhalb des Wassertals einige Transportprobleme, jedenfalls den Personentransport betreffende. Busse fuhren nicht, weil es keinen Sprit gab oder keinen Fahrer. Mit Inlandzügen sah es nicht besser aus. Fand man einen auf dem Gleis stehend, setzte man sich am besten rein und blieb da, bis er in ein paar Stunden evtl. fuhr, natürlich nicht ohne sich ab und an zu vergewissern, ob der erwählte Zug auch wirklich zum angepeilten Ziel fuhr.

Wie sollte ich da in ein so abgelegenes Tal kommen?

Und nun bin ich hier. 24 Jahre später. Und einige Dinge haben sich geändert.

Was, verehrte Bloggergemeinde, erfahren Sie morgen. Man muss ja ein bisschen für Spannung sorgen, nicht wahr?

Bis dahin ein paar Bilder, denn Viseu de Sus hat einiges zu bieten, wenn auch erst auf den 2. Blick

(Drauf klicken = groß gucken)

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6 Kommentare leave one →
  1. September 18, 2012 2:13 pm

    Na das war ja eine erfreulich kurze Pause. (hoffe der käse hat gemundet *g*)
    Wie immer sehr interessant geschrieben, bin mal neugirig auf die Eisenbahn.
    Die Pension sieht überraschend gepflegt und einladend aus.

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  2. September 18, 2012 8:19 pm

    Dass dich das Wassertal und die Forstbahn so lange Zeit magisch angezogen haben, kann ich sehr gut verstehen. 😉
    Ich glaube, in der Pension würde es mir auch gefallen.

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  3. September 18, 2012 10:21 pm

    Alte Eisenbahnen und knackige Eisenbahner? Hier ist es eher andersrum *g*
    Ich muss auch nach Rumänien, ewig keine Buttercremetorte gegessen, in Deutschland ist die bestimmt inzwischen verboten wegen der Gefahr für die Herzkranzgefäße 🙂
    außerdem steh ich auf Holz, und da ist unglaublich viel schick geschnitztes Holz am Start. Und knackige Mädels in Tracht sind auch nicht zu verachten.

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  4. September 19, 2012 12:52 pm

    Ich beneide dich sehr um deine Erlebnisse. Den Hund hätte ich wahrscheinlich entführt. 😀

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    • September 19, 2012 10:24 pm

      Wir haben uns später in einen anderen Hund verliebt… ihn aber da gelassen. Bei einer kleinen Katz dagegen haben wir ernsthaft über eine Entführung nachgedacht

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