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Das Dorf der fröhlichen Bauern (28.08.2012)

September 14, 2012

Der Bahnhof ist ganz nah. Und der Busbahnhof gleich daneben. Das hätten wir am Sonntag einfacher haben können. Aber nun ja…

Kerstin wartet immer noch auf die in Rudeln auftretenden Straßenköter. Aber von denen bleiben wir auch hier verschont.

Stattdessen sind wir umringt von bettelnden Zigeunerkindern. Das jüngste vielleicht 5, das älteste höchsten 10. Sie sind schmutzig, ausdauernd, lästig und viel zu nah. Eins der Mädchen hat ganz offensichtlich Läuse, einer der Jungs verschorfte Beine.

Wir bleiben konsequent hart. Doch auch ein No hält sie nicht davon ab, weiter zu betteln. Monoton leiern sie ihre Sprüche runter, fallen vor uns auf die Knie oder fassen uns an. Ich gebe zu, ich werde allmählich etwas hysterisch. Gibt einer der Wartenden einem der Kinder einen Lei, ruft dieses sofort die Horde zusammen, die dem Spendablen auf die Pelle rückt und um mehr bettelt. Was die Kleinen ergattern, geben sie sofort an die Großen weiter. Die Einheimischen gehen ganz unterschiedlich mit den ungeliebten Mitbürgern um. Sie jagen sie fort, treten nach ihnen oder geben ihre Pausenbrote raus. Ein Busfahrer wirft mit Steinen nach ihnen und versucht so seine Passagiere und deren Gepäck zu schützen. Denn die Kinder machen auch nicht vor den Bussen halt, drängen zwischen die Sitzreihen oder kommen dem Gepäck bedrohlich nah. Das liegt in den geöffneten Kofferräumen.

Auf dem Bahnhof haben wir uns nach der Möglichkeit der Rückfahrt mit dem Zug erkundigt. Die Dame schreibt uns zwei auf, einen, der in Satu Mare losfährt und einen in Baia Mare.

Wir sind viel zu zeitig da und suchen verzweifelt Schutz vor der Sonne und den Zigeunerkindern. (Ich weiß, dass Zigeuner politisch nicht korrekt ist, aber ich weiß wirklich nicht, ob das nun Sinti oder Roma sind).

Unser Bus ist ein Sprinter, bietet etwa 15 Reisenden Platz. Wir werden lernen, dass die in den Tälern und auf den Pässen der Maramures bevorzugt eingesetzt werden. Als unser Gepäck verstaut ist, bittet uns der Fahrer ins Innere, doch paranoid wie ich bin, bleibe ich die halbe Stunde bis zur Abfahrt lieber an der offenen Kofferraumklappe stehen.

Eine Stunde dauert dann die Fahrt, Es ist faszinierend. Die Rumänen sind unglaublich kommunikativ und bald redet alles quer durch den Bus durcheinander. Ihre Sprache, die für mich früher nur aus uls und ululs und escaus bestand und ich im Übrigen unmöglich zu verstehen fand, kommt mir plötzlich seltsam vertraut vor. Und wirklich, bald höre ich das bun raus und mangiare und si und immer mehr italienische oder dem italienischen sehr ähnliche Wörter. Kein Wunder, Rumänisch ähnelt am ehesten dem Vulgär-Latein.

Irgendwo unterwegs hält der Busfahrer an einem Hof an, verschwindet im innern um was weiß ich zu erledigen und später steigt ein Mann mit einem 100-Liter-Fass zu. Inzwischen wissen alle, wo wir hinwollen und hindern uns am zu zeitigen Aussteigen. Denn der Bus verspätet sich natürlich, hält überall, wo jemand den Daumen raushält, egal ob in Ortschaften oder auf Landstraßen. Wir drücken uns die Nasen an den Fensterscheiben platt, um erste Heumieten, Holzkirchen, Holzhäuser, Tore, Fuhrwerke und Bäuerinnen mit ihren bunten Kopftüchern zu bewundern.

Kaum haben uns die anderen Passagiere in Ocna Sugatac (sprich: Ockna Schugatack) aus dem Bus geholfen, quasselt uns ein Alter voll. Ob wir nach Breb wollten, oder zum Camping. Er folgt uns schwatzend bis zur Pension.

Die ist ähnlich nagelneu wir die in Baia Mare, nur ist das Zimmer noch größer, hat einen Balkon und in einer Gemeinschaftsküche kann man sich sein Essen brutzeln, wenn man sich nicht bekochen lassen will. Eine überdachte Terrasse gibt es auch. So, sagt Kerstin, hat sie sich Rumänien nicht vorgestellt. Ich irgendwie auch nicht.

Vom Bergsportladenbesitzer in Baia Mare haben wir schon gelernt, dass es eigentlich keine Wanderwege gibt. Auch auf unserer dort erworbenen Karte enden alle Wege irgendwie im Nichts. Aber es sind ja nicht alle Straßen asphaltiert und auch die haben an den Rändern breite Kiesstreifen. Also richten wir uns ein, essen und stapfen los nach Calinesti. Vielleicht keine gute Idee, dass unter Mittag zu tun, aber hier wird es relativ zeitig dunkel und dass es auf der Straße so überhaupt keine Schatten spenden Bäume gibt, konnten wir ja nicht wissen.

Um es vorweg zu nehmen, Calinesti wird der schönste Ort sein, den wir besucht haben. Doch vorher sehen wir uns noch die Holzkirche in Ocna Sugatac an. Wir würden gern rein gehen, aber sie ist verschlossen.

Am Ortsausgang sind sie dann: Die streunenden gefährlichen rumänischen Straßenhunde. 5 Stück! Wir bleiben wie angewurzelt stehen, auch als sie sich gelangweilt hinlegen. Aus einem Autohof kommt lachend ein Mann und winkt uns vorbei. Ach so, ja, äh, das waren also doch keine streunenden gefährlichen rumänischen Straßenhunde. Kann man ja nicht wissen, als konditionierter Ausländer.

Es ist gar nicht weit bis Calinesti (sprich Kalinescht), nur knapp einen Kilometer, doch das Dorf selber schlängelt sich serpentinenartig wohl 3km lang durch ein Tal. Nachdem wir eine alte Frau heimlich beim Heumachen fotografiert haben, bewundern wir die Häuser: Alte neben neuen aus Holz neben Steinhäusern und Protzvillen. Die Holzhäuser  verstecken sich meist hinter einem Obstgarten, während die aus Stein meistens direkt an die Straße gebaut sind. Also fast. Denn die meisten Höfe zieren diese wunderbaren kunstfertig geschnitzten Holztore, Flechtzäune, aber es gibt, bei den neueren Häusern auch hie und da Steinmauern. Hinter den Höfen liegt dann das Maisfeld. Es riecht ganz wunderbar nach Dorf, also nach Hühnern, Schweinen, Rindern, Pferden.

Auch hier ist die Kirche fest verschlossen, aber die Attraktion des Ortes sind die Menschen. Allesamt freundlich freuen sie sich, fotografiert zu werden. Und dann winkt uns ein Opa sogar auf seinen Hof, dass wir die beiden Winterholz stapelnden Frauen auch richtig fotografieren können. Der Nachbar kommt auch noch rum und stellt sich in Positur und der Opa selbst stellt sich mit Schubkarre dem Shooting. Wir werden zum Fotografieren geradezu genötigt und haben alle einen Riesenspaß.

Das Dorf hat keine Kneipe, aber einen kleinen Tante-Emma-Laden. Und dort kriegt man auch Kaffee. Es gibt einen Tisch im Laden und zwei davor. Wir werden lernen, dass diese Art Läden das Zentrum jedes Dorfes sind.

Hier wieder eine kleine Vorauswahl an Bildern, die beim drauf klicken groß werden

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6 Kommentare leave one →
  1. September 14, 2012 1:22 am

    Die Holzkirchen sind schön, erinnern ein wenig an die Stabkirchen in Norwegen und die kunstvoll geschnitzten Tore sind auch sehr beeindruckend. Die Protzvillen gehören dann wohl der Immobilienmafia?

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    • September 14, 2012 8:45 am

      Mir haben einfache Leute ihr Haus gezeigt. „Schau mal, das sieht doch aus wie ein Haus in Frankfurt“. Mit dem vornehmen (bis luxuriösen) Haus brachten die Leute ihren Stolz zum Ausdruck, in der Fremde hart gearbeitet und es zu etwas gebracht zu haben. Energieversorgung, ein Bad, helle Räume und Platz für die Familie Die wirklichen Protzvillen der Gauner liegen meist hinter hohen Hecken und Mauern versteckt. Hier jedenfalls (und in Deutschland oft auch, fällt mir gerade ein) 😉

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  2. September 14, 2012 8:39 am

    Gegen streunende Hunde helfen Steine, bzw einfach den Arm hochreissen. Dieses Signal kennen sie von klein auf. Hab ich in Lateinamerika gelernt. Man muss nicht wirklich werfen 😉

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  3. September 14, 2012 6:39 pm

    Herr Ärmel hat Recht. Die meisten Protzvillen stehen auf den Grundstücken, die seit Generationen im Familienbesitz sind. Aber es gibt eben auch die Spekulanten. Denn die „Protzvillen“ können sich die im Ausland durch Arbeit zu Geld gekommenen jungen Leute ja nur bauen, weil es in Rumänien vergleichsweise billig ist.

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  4. September 14, 2012 7:16 pm

    Tore, Häuser und Holzkirche sind überaus malerisch!… Diese Spekulanten sind doch wie die Heuschrecken, sie scheinen sich überall auf dieser Welt wie eine furchtbare biblische Plage zu verbreiten…

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  5. September 14, 2012 7:58 pm

    Ja die Holzkirche ist wirklich klasse.
    Das ewige Kreuz mit den Spekulanten verfolgt einen wohl überall auf der Welt.

    Interessante Berichte und schöne Bilder von einem mir unbekannten Flecken der Erde übrigens 🙂

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