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Und dann Rumänien (26. und 27.08.2012)

September 13, 2012

Die Züge, die mir die Deutsche Bahn für die Weiterfahrt nach Rumänien ausgedruckt hat, gibt es nicht. Fahrkarten konnte ich in Deutschland eh nicht kaufen. Wofür das gut war, zeigt sich, als ich am Donnerstag Karten für die Weiterfahrt kaufen wollte. Bei der Schalterdame am Nyugati pu. bewirkt unser Reiseplan nur verwundertes Kopfschütteln. Sie schreibt mir komplett andere Zeiten auf und los geht’s auch nicht am Nyugati, sondern am Keleti. Tickets kaufe ich  gleich auch für die Rückfahrt.

Gestern ist Kerstin gekommen. Und heute Vormittag machen wir uns auf den Weg nach Rumänien. Ziel: Baia Mare

Natürlich verspätet sich der Zug irgendwo unterwegs und als wir denken, jetzt sind wir in Debrecen, hüpfen wir raus. Sind wir aber gar nicht. Also wieder rein. So werden aus 70 min Umsteigezeit 10. Und natürlich weiß niemand, auf welchen Bahnsteig wir müssen.

Wenigstens kann man dann aber im Zug nach Baia Mare die Fenster öffnen. Trotzdem ist es viel zu heiß.

Bis zur Grenze geht alles gut. Dann steht der Zug in jedem größeren Kaff ewig rum. Manchmal auch in den kleinen. Manchmal auch in denen, wo man nicht mal ein Kaff vermuten würde.

Es ist merkwürdig, aber kaum sind wir in Rumänien, schotten wir uns ab. Misstrauisch beobachten wir alle und jeden. Der Schaffner sieht auch wirklich schmierig aus, die Bahnsteige sind viel zu schmal und in manchen Dörfern gibt es keine befestigten Straßen. Rassisten schimpfen wir uns gegenseitig verlegen grinsend und erzählen uns Gruselgeschichten aus den 80ern. Dabei sieht es immer ordentlicher aus, je weiter wir uns von der Grenze entfernen. Dort aber  hatte sich uns wirklich das Bild geboten, das wir erwartet hatten. Aber wie gesagt, es wird besser, Station für Station.

In Baia Mare treffen wir im Dunkeln ein, irgendwann so gegen 8 abends. Nach unserer Zeit. In Rumänien dürfte es eine Stunde später sein. Zwar habe ich mir den Weg zum Hostel ordentlich bei Google Maps ausgedruckt, aber wir nehmen die falsche Straße und stehen irgendwann orientierungslos rum. Und der Backpacker, der uns gefolgt ist, wo ist der? Wieso hat er uns nicht gesagt, dass wir falsch sind, als er den Irrtum bemerkte? Mit viel Rumfragerei finden wir schließlich die Straße und stolpern vorbei an Garagen, Investruinen, dunklen Höfen, Fabrikhallen und einem nagelneuen Einkaufszentrum. Hier sitzen auch keine Omis und Opis mehr auf Bänken in der warmen Sommernacht. Hier gibt es überhaupt keine Bänke. Nicht mal Menschen. Höchstens bestimmt Strauchdiebe, die gleich aus so einem dunklen Hof hervorgeschossen kommen und uns ausrauben werden. Oder schlimmer noch: ZIGEUNER. Oder Hunde! Legendäre Rumänische streunende Straßenköter, die wahlweise Touristen anknabbern oder an Deutsche Tierliebhaber verkauft werden! Ein ganzes Rudel. Von denen hört man doch immer. Wo sind die eigentlich?

Ich will schon umkehren, da steht es, das nagelneue Hostel Hora. Umgeben von Ruinen und Industriemüll. Das Hostel entpuppt sich als sauber geführtes Hotel mit mehreren Restaurants. Als wir unser Zimmer betreten, ruft Kerstin erstaunt: Wo haben die denn so viel Geld her?

Am Montag wollen wir uns die zwei Kirchen ansehen, an denen wir am Vortag im Dunkeln vorbei getappt sind, und das Holzhaus. Vorher aber soll es in die historische Altstadt gehen. Und eine Wanderkarte brauchen wir, Kerstin FlipFlops und ich einen Schirm. Denn es regnet in Strömen. Dadurch sehen die Plattenbauten noch hässlicher aus, die ganze Stadt noch trister. Baia Mare ist eine dieser rumänischen Städte, die während Ceaucescus Amtszeit „geschliffen“ wurden. Um die nationalen Identitäten zu zerstören, ließ er die alten Häuser abreißen und durch einheitlich hässliche Plattenbauten ersetzen. In vielen ungarischen und rumänischen Städten ist das gelungen. Eher Deutsch geprägte Gegenden hatten das Glück, Mentoren und Fürsprache in der ehemaligen BRD zu haben. Große Straßen ließ er anlegen, viele Parks und Grünanlagen, doch die Neubauten sehen heute, zwar bewohnt, doch aus, als seien sie dem Verfall Preis gegeben. Wer kann, verlässt den Ort und baut am Rand der der Stadt. Doch die meisten können nicht.

Wir verfluchen die großen und viel zu breiten Straßen, weil sie die Fußwege unnötig in die Länge ziehen. Ceaucescus Gigantismus. Er begegnet uns wieder am pompösen Haus der Kultur und anderen Volkspalästen, uncharmanten Burgen aus Beton, die nur noch traurig stimmen. Ich kenne ihn aus anderen ungarischen Städten in Siebenbürgen, die nicht mal soviel Glück hatten wie Baia Mare, denn, hier gibt es tatsächlich einen historischen Stadtkern. Doch der Großteil verfällt auch hier vor sich hin. Nur wenige einzelne Häuser sind restauriert. Meistens Restaurants. Zur Komplettsanierung dieses letzten Restes Altstadt fehlt ganz offensichtlich das Geld.  Genug Geld scheint es dagegen aber für die Kirchen zu geben. Die alten sind ausnahmslos saniert und die neuen, die aus Beton, sind genau so hässlich wie ihre Schwestern in Leipzig und so traurig wie die Wohnsilos in Baia Mare.

In einem Bergsportladen textet uns der Besitzer zu. Breitet eine Karte nach der anderen aus. Ein Jahr würde nicht reichen, alles zu sehen, was er uns empfiehlt. Hinter der Altstadt stoßen wir auf einen Markt, wo die Bauern der Umgebung, vermuten wir mal, ihre Produkte verkaufen. Marktplätze, so werden wir noch lernen, sind feste Einrichtung jeder größeren Ortschaft. Mit langen Zeilen überdachter Tische und genug Platz für die, die keinen solchen Tisch ergattern konnten oder einfach vom Fuhrwerk herunter verkaufen. Trotz Regen schlendern wir, ängstlich unsere Rucksäcke umklammernd, über den Markt und fotografieren die Leute, die uns genauso misstrauisch betrachten wie wir sie. Noch halten wir hier jeden für einen potentiellen Dieb oder mindestens Bettler.

In einem der restaurierten Restaurants essen wir zu Mittag. Genau wie die in den Betonsilos ist es innen sehr hübsch und gemütlich eingerichtet. Das Personal ist freundlich und die Speisekarte sogar englischsprachig.

Kirchen und Holzhaus auslassend, schleichen wir schließlich nass bis auf die Knochen und ein bisschen verfroren zurück ins Hostel, das eigentlich ein Hotel ist. Morgen wird das Wetter besser, hat uns der Bergsportladenbesitzer gesagt. Morgen fahren wir auf die Dörfer.

Wieder eine kleine Vorauswahl von Bildern, die sich vergrößern, wenn man drauf klickt

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12 Kommentare leave one →
  1. September 13, 2012 12:56 am

    Die Bilder sind toll, aber ganz schön nass 😉

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  2. September 13, 2012 3:51 am

    deine berichte sind toll, die fotos muß ich mir noch angucken. ich habe wieder besuch 🙂
    liebe grüße

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  3. September 13, 2012 10:23 am

    Genau diese Gedanken hatten wir auch, als wir neulich phantasierten, wir könnten ja über Polen und das Baltikum nach St. Petersburg fahren… Ob die uns dort nicht nur ausrauben würden? Oder schlimmer?
    Tja, aber sowas kann einem halt auch auf dem Campingplatz in Südfrankreich passieren. Mal sehen, was aus unseren Plänen wird. Deine Reise jedenfalls reißt mich täglich neu mit! Weiter so!

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    • September 13, 2012 5:22 pm

      In St. Petersburg war ich vor ein paar Jahren. Liest Du hier: http://inch.beepworld.de/petersburg.htm
      Polen und Baltikum findest Du auf meiner website auch was unter fernweh. Nö, ausgeraubt wirst Du da so oft wie anderswo in Europa. Und ich bin ja auch heil aus Rumänien zurück 😀

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  4. September 13, 2012 2:02 pm

    Ach ja, da möchte ich auch nochmal hin. Als ich das letzte Mal da war, habe ich noch fröhlich mitgetanzt bei einer Weinverkostung. Ob ich so ein Abenteuer heute noch durchstehe? Obwohl, wenn du mir jetzt noch erzählst, dass du Schafe gesehen hast …

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  5. September 13, 2012 3:21 pm

    Ich Reise so gerne mit dir – das weckt alte Erinnerungen. Vom Nyugati musste ich mal sowas von zu Keleti wetzen…
    Draußen schlafen mussten wir zum Glück in Ungarn nie. Ich überlege jetzt, nach mehr als 20 Jahren mal wieder hinzufahren. Mit Prag geht’s mir ähnlich: es ist vertrauter, auch nach der Wende war ich öfter dort. Ich freue mich auf mehr Rumänien.

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    • September 13, 2012 5:24 pm

      Vom Nyugati zum Kelleti? Das ist weit. Also vor 20 Jahren… aber vor drei Wochen war ich nach der Strecke ganz schön platt

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  6. September 13, 2012 6:27 pm

    Du schreibst ungemein spannende Reiseberichte!

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  7. September 13, 2012 10:27 pm

    Die scheinen sich dort aber so langsam auf Tourismus vorzubereiten, wenn ich das so lese von den Restaurants und Bergsportläden. Dann wird die Umgebung ja noch einiges bieten, ich bin schon gespannt.

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  1. Koltschak und die Revolutionäre | Inch's Blog

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