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Abteilwagen (23.08.2012)

September 10, 2012
Absteige am Stadtpark

Abteilwagen. Ich hasse Abteilwagen. Man sitzt eingepfercht zwischen 5 anderen Reisenden, auf engstem Raum mit Fremden. Das Gepäck steht teilweise im Gang. Es ist warm und stickig.

Und man hat nie genug Platz für die Füße! Der Gegenüber sitzt bedrohlich nah.

Acht Sunden sitze ich in so einem Ding zwischen Dresden und Breclav.

Links von mir ein Opa, der seinen, am anderen Fensterplatz sitzenden, vielleicht 13jährigen Enkel ständig füttert. Damit kompensiert er wohl seine ansonsten offensichtliche Liebesunfähigkeit. Denn wann auch immer der Junge ihn etwas fragt, weißt er diesen rüde zurecht. Schnauzt ihn an. In Brno, der Zug hat 4min Aufenthalt, stürmt der Alte raus, eine zu rauchen. Nicht ohne zu bemerken: Nicht dass ich festgenommen werde. Ich muss heute noch nach Wien! Eine Tschechin hatte ihn gewarnt. Rauchfreier Bahnhof. Der Enkel, sichtlich beunruhigt, wartet ängstlich auf dem Gang.

Doch das ist später. Bis dahin zeigt der Alte dem Jungen in jeder größeren Stadt, wo er Fußball gespielt hat. Er deutet ausnahmslos auf große Stadien. In Prag z.B. auf das von Sparta. Ich schiele unauffällig zur Seite. Mustere den alten Griesgram. Sollte er etwa? Die beiden saßen mit mir schon im Regio von Leipzig nach Dresden. Aber in den faltigen Gesichtszügen kann ich keinen Veteranen erkennen. War wohl doch bei Chemie. Oder immer nur auf der Auswechselbank.

Rechts von mir sitzt eine Berlinerin. Ihr gegenüber ihr ständig nörgelnder Mann. Die App ist Scheiße und überhaupt das ganze Smartphone, die Toiletten sind schmutzig und wieso hat sie nichts zu essen mit? Schön ist anders! Und in Prag, was gleich raus und sich die Stadt angucken will sie? Püh. ER legt sich im Hotel erst Mal hin und ruht sich aus von der Zugfahrt!

Als sie endlich aussteigen, wird in der Gepäckablage Platz für meinen Rucksack und auf der Bank für oben genannte Tschechin.

Mir gegenüber sitz ein Nerd. Ein Nerd mit viel zu langen Beinen und viel zu großen Füßen. In Prag wechsle ich flugs auf den Platz meiner ehemaligen Nachbarin an der Tür. Ein Businessman quetscht sich zwischen mich und den Opa. Anzug, Schlips, Aktenkoffer. Und stinkt wie ein ungewaschener Bauer.

Jetzt steht der überdimensional große Reisekoffer der Tschechin auf dem Gang. Zwar wäre noch Platz in der Gepäckablage, aber auf Überseekoffer ist die Bahn nicht eingerichtet.

Mir tut der Hintern weh. Schon seit Usti nad Labem. Abteilwagen der ÖRB sind extrem unbequem.

In Breclav habe ich 6 min, um umzusteigen. Laut Reiseplan einer Chemnitzerin, die in Budapest von drei Männern erwartet wird und Koordinierungsstress hat, sogar nur 4 min. Und niemand weiß, auf welchem Bahnsteig der Zug nach Budapest abfährt. Auch die Schaffner nicht.

Wir hetzen durch den Tunnel. Einfach allen Leuten mit viel Gepäck hinterher. Finden den Zug. Und dann steht das Teil noch 10 min rum.

Großraumwagen! Was im anderen Zug die Koffer, sind hier die Rucksäcke. Ich finde mich wieder inmitten junger Backpacker. Altersdurchschnitt 20. MIT MIR!!!

Es ist stickig, warm, laut. Die Klimaanlage tropft. Genau auf meinen Nachbarsitz. Mädchen liegen im Gang und flechten Zöpfe. Jungs zeigen und produzieren sich. Gern auch mal oberkörperfrei. Die vorherrschende Sprache ist Englisch.

Kurz vor Budapest merkt man allen die lange Zugfahrt an. Und die Hitze. Irgendwie dreht alles am Sender. Mädchen singen, andere gickern unkontrolliert und anhaltend. Die Jungs präsentieren sich jetzt fast ausnahmslos mit ohne T-Shirt.

20:30 Uhr Budapest. Die Chemnitzerin hat ihr Problem gelöst. Nur einer der Herren steht am Bahnsteig sie abzuholen. Wir anderen strömen geschlossen zum Hauptausgang des Kelleti pu. Und stehen dann genauso geschlossen orientierungslos davor. Ankunft in einer fremden Stadt. Oder in einer, in der man 15 Jahre nicht mehr war.

Bei immer noch 33°C irre ich ein bisschen um den Bahnhof herum, bis ich die richtige Straße finde und den Weg zum Univa Hostel am Varosliget- bzw Stadtpark.

Ein Studentenwohnheim, dass im Sommer als Backpackerabsteige dient. Heruntergekommen. Sauber zwar, aber ich frage mich, wie hier Studenten leben können. Ich bin ja nur zum Schlafen da.

Es ist laut. Bässe mischen sich mit Verkehrslärm und dem Zirpen der Grillen. Trotzdem schlafe ich schnell ein und wie ein Stein durch.

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11 Kommentare leave one →
  1. September 10, 2012 8:36 am

    Klasse! – Also, nicht deine Bahnfahrt, sondern dein Bericht. Mehr bitte!
    Das erinnert mich an eine Bahnfahrt nach Griechenland. Ist 35 Jahre her und war ähnlich erlebnisreich…

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    • September 10, 2012 11:04 pm

      Jaja, im Zug kann man immer was erleben. Morgen muss ich nach Aachen. Da sitze ich auch wieder was über 7 Stunden im Zug. Und das am vielleicht letzten Sommertag…

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  2. Gudrun permalink
    September 10, 2012 10:08 am

    Schön, dass du wieder da bist.
    Weißt du, die Bahnfahrt hast du so toll beschrieben. Ich saß jetzt glatt neben dir.

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  3. Brigitte permalink
    September 10, 2012 1:42 pm

    Fein, dass du wieder da bist!!! Hab jetzt auch mit dem Urlaub angefangen und heute erstmal (als Einsteiger sozusagen) einen unangenehmen Zahnarzttermin hinter mich gebracht. Aber er hat den Zustand meines Zahnfleischs gelobt – seltsamerweise war ich in dem Moment stolz auf mich. Stolz -. auf das Zahnfleisch?
    Das du ziemlich groggy in Budapest angekommen ist, kann ich gut verstehen und wahrscheinlich mit Schwielen am Allerwertesten. Und war der Himmel in Rumänien wirklich zu knatschblau?????? Super. Freu mich auf weitere Reiseberichte.
    Liebe Grüsse Brigitte

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    • September 10, 2012 11:02 pm

      Ja, der Himmel war so. Außer in Baja Mare. Aber davon erzähl ich später. *grins* Und den Urlaub mit einem Zahnarzttermin beginnen? Kommt mir verdammt bekannt vor

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  4. September 10, 2012 6:43 pm

    toll, dein bericht, das hört sich vielversprechend an für deine nächsten eindrücke!
    liebe grüße

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  5. September 10, 2012 10:57 pm

    Ich musste die ganze Zeit grinsen, so ungefähr hab ich mir das vorgestellt, Abenteuer pur schon bei der Anreise. Da soll sich hier nochmal jemand über die Deutsche Bahn beschweren, alles Warmduscher *g*

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    • September 10, 2012 11:06 pm

      Wart erst mal bis wir nach Rumänien kommen. Da ticken sogar Eisenbahnen anders. Irgendwie…

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  6. September 10, 2012 11:18 pm

    Supergut, aber auch irgendwie beklemmend ist die Schilderung deiner Bahnreise! 😀
    So einen geschniegelten Typen im feinen Anzug, der gestunken hat wie ein Eichelbär, hatte ich vor zwei Jahren mal auf der Heimfahrt von Berlin nach München neben mir sitzen. Und nirgendwo ein Plätzchen frei, auf das ich hätte ausweichen können. Ich bin tausend Tode gestorben!
    Freue mich schon auf die Fortsetzung deines Berichts!

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