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Das erste Mal (allein im Urlaub)

Juli 30, 2012
Unbenannt-2 Kopie

Letztens beim Umräumen und Hin-und Herschieben….
Also früher, als die Mauer mir noch den Weg versperrte, habe ich Ansichtskarten gesammelt. Da konnte ich mich nach jenseits der Mauer träumen.
Jetzt sitze ich da mit mehr als 10 Alben und einigen Kartons voll bunter Traumbilder und weiß nicht, wohin damit. Da bleibt nur verschenken.
Und als ich also letztens mal wieder so ein Geschenkpaket packte, da fiel mir eine Karte in die Hand. Die kam nicht von jenseits der Mauer, sondern aus Polen. 1977 hatten mir ein paar Jungs die aus Częstochowa geschickt. Bei dem einen der Jungs von damals war ich übrigens 2 Tage nach dem Fund essen, einen anderen habe ich das letzte Mal vor einem Jahr gesehen, einen seit 20 Jahren nicht mehr und an zwei kann ich mich gar nicht mehr erinnern.
Bevor ich nach Rumänien fuhr, war ich viel in Polen. Um genau zu sein, führte mich dorthin sogar mein erster Urlaub ohne Eltern. Das war nach den 10. Klasse, in den Sommerferien 1976. Meinen Erziehungsberechtigten hatte ich erzählt, ich würde mit Freunden mit dem Zug hinfahren.
Es ist mir heute noch ein Rätsel, wieso sie mir das erlaubt haben. Meine angeblichen „Freunde“ kannten die nämlich gar nicht. Und mit dem Zug bin ich natürlich auch nicht gefahren, sondern zur Autobahn Richtung Osten getippelt und dann getrampt.
Vermutlich wollte ich auch nach Częstochowa. Aber dann kam alles anders.
Kurz hinter Berlin gabelte mich ein Typ aus Giffhorn auf, der in seiner Ente kreuz und quer durch Europa kutschte. An der Grenze nach Polen bekamen wir etwas Ärger, weil er ja den Übergang für Transitreisende nehmen musste, und da war ich natürlich total falsch. Da wir das aber erst so drei Autos vor der Abfertigung merkten, und der Übergang für Ossis 10km entfernt, blieb mir nichts, als die gründliche Kontrolle und hochnotpeinliche Befragung über mich ergehen zu lassen.
Danach blieb ich eine Woche im Autochen dieses Typen sitzen, bei Regen musste ich den Kassettenrecorder auf den Schoß nehmen. Außerdem sollte ich die Karte lesen. Was schwierig war, weil da standen alle Ortsnamen in Deutsch drauf. Ich kannte aber nur die Polnische Bezeichnung. So wurstelten wir uns durch bis Gdansk, tauschten unsere Zigaretten, befragten uns zu unseren jeweiligen Leben und trafen eine Menge Menschen, die uns als Goldkuh betrachteten. Vielleicht habe ich mich deshalb wieder allein auf die Socken gemacht. Vielleicht war mir das alles auch zu spießig.
Auf irgendeinem Bahnhof (die umherziehende Jugend des Ostens nächtigte dazumal am liebsten auf Bahnhöfen) lernte ich Bogda kennen, verabredete mich mit ihr in Warschau und kam da nie an, weil auf dem Weg nach Radom Marek aus dem Auto fiel. Marek trampte mit unglaublich viel Gepäck von der Ostsee nach Hause, fand wie ich, ein paar Bauarbeiter und ein Mütterchen Platz auf der Ladefläche eines mit Kisten voll gepackten Żuk und plumpste nach einem Bremsmanöver raus. Einfach so. Auf die Landstraße. Jemand hämmerte gegen die Wand zum Fahrerhaus, ich hing mich seitlich raus und versuchte, dem Fahrer im Seitenrückspiegel zu zu winken. Dann gings im Rückwärtsgang zurück. Wir hievten den völlig blutverschmierten Polen wieder auf die Ladefläche und in der nächsten Stadt, also eher so am Rand, schmiss ihn der Fahrer raus.
Da stand er nun, immer noch blutend, mit seinen Gepäckbergen.
Ich hatte schon immer ein Helfersyndrom.
Also bin ich auch aus dem Żuk gehüpft, mit meinem kleinen Jägerrucksack, und habe mich nach dem nächsten Krankenhaus erkundigt. Als Marek da wieder raus kam, nach Stunden, war es stockfinstere Nacht und er sah aus wie ein Zombie. Arme, Beine und Kopf wunderschön eingewickelt in weißes Verbandszeug.
Er musste nach Łódź. Natürlich hielt kein Auto. Nachts und dann in dem Outfit. Also habe ich ihn im Gebüsch versteckt und den Daumen rausgehalten. Und weil der Fahrer des Autos, das dann recht schnell hielt, sich so dermaßen und offensichtlich erschrocken hat, bin ich halt auch mit eingestiegen. Zur Beruhigung.
So kam ich nach Łódź.
Marek wohnte bei seinen Eltern. Zwei-Zimmer-Wohnung! Trotzdem nahm mich die Familie auf und nötigte mich, eine Woche dazubleiben. Der Sohn zog ins elterliche Schlafzimmer und ich kriegte die Couch.
Als sie mich endlich ziehen ließen, war Bogda längst nicht mehr in Warschau. Und ich musste zurück, 2 Wochen Urlaub mit den Eltern machen. Danach bin ich nach Starogard Gdanski getrampt, wo Bogda wohnte. Sie wurde eine meiner besten Freundinnen, in der Szene der Stadt kannte ich mich bald aus wie in Leipzig. Die war so ähnlich wie die in L.E. und doch so völlig anders.
Sicher war es ein Vorteil, dass ich in den 6 Wochen, die ich allein durch das Land gezogen bin, die Sprache gelernt habe.
Als sich auch die Grenzen Polens für uns schlossen, hatten wir noch lange Briefkontakt. Erst als sie exmatrikuliert wurde und in die Beskiden ging, um auf irgendeinem Bauernhof alternativ zu leben, schlief der Kontakt ein.
Die Karte, die mir die Jungs damals schickten, habe ich nicht verschenkt. Sie landete in der Kiste der Erinnerungen.

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12 Kommentare leave one →
  1. Juli 30, 2012 8:58 am

    Eine tolle Geschichte! Und wenn uns auch früher Mauern oder Grenzzäune getrennt haben, die ersten Reiseerfahrungen waren so verschieden nicht.Und heute sind sie uns kostbare Erinnerungen.
    Mehr davon, bitte 😉

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  2. Juli 30, 2012 9:26 am

    Du solltest ein Buch schreiben. Im Ernst jetzt (und bitte so lustig :-)!

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  3. Juli 30, 2012 10:27 am

    Geschichte, wie sie das Leben schrieb. Ich hätte mich nie getraut, alleine ins Ausland zu fahren – allerdings bin ich Dorfkind, und erst 1980 endete meine 10. Klasse. Vielleicht hab ich mich deshalb nicht getraut.

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    • Juli 30, 2012 8:56 pm

      Naja, ich glaube, ich bin ein bisschen, also, ein positiv denkender Mensch. Das etwas passieren könnte, male ich mir immer erst hinterher aus.

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  4. Juli 30, 2012 11:17 am

    Eine richtig schön abenteuerliche Geschichte ist das! Danke für’s Erzählen – und ja, du solltest ein Buch schreiben, meine Liebe. 😉

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    • Juli 30, 2012 8:58 pm

      Hm, das mit dem Buch schreiben, das sagen Tanja und Michi auch immer. Und ich sag dann: Ich habe doch meinen Blog.

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  5. Juli 30, 2012 11:42 pm

    Die Story ist echt der Brüller. Ich hab lange keinen solchen Lachflash mehr gehabt, allein schon die Vorstellung, da hält man an um ein nettes Mädel mitzunehmen und dann springt eine Mumie aus dem Gebüsch, ein Wunder dass der nicht gleich Vollgas gegeben hat *g*
    Wie man allerdings beim Bremsen vom Auto fallen kann ist mir echt nicht klar, normalerweise fällt man dann ja nach vorne. Der Marek muss sich schon ziemlich dusselig angestellt haben, der hatte Schwein dass Du ihn zu Hause abgeliefert hast, ohne Dich wäre er vielleicht nie angekommen.
    Den Hang zu Abenteuerurlauben hast Du glaub ich nie verloren, was fürn Glück für uns, ich freu mich schon auf Rumänien :))

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    • Juli 31, 2012 5:08 pm

      nuja, er saß hinten auf der Klappe. Bremsen, er plumpst vor, und um nicht in die Kisten zu krachten, balanciert er das aus, lehnt sich als zurück. Gas geben, es gibt einen Ruck nach hinten, und da er eh schon nach hinten… Aber Du hast Recht, ein bisschen deppert war der schon. Deshalb waren die Eltern wohl auch so dankbar 😀

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  6. Juli 31, 2012 1:13 am

    ach schön, die geschichte! da fällt mir mein trampen in spanien ein, damals konnte frau das noch. aber solch irre erlebnisse hatte ich nicht.
    toll, daß du die karte gefunden hast!

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    • Juli 31, 2012 5:09 pm

      Spanien? Da fällt mir ja auch gleich ne Geschichte ein. Da bin ich mit dem Kleinen Kind getrampt…

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