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Ein Tag in Lüttich

Juni 30, 2012

Heute also beginnt sie, die Tour de France.

Zwar ist meine Lieblingsrundfahrt die von Italien, trotzdem war ich schon öfter da. Mal bin ich jeweils nachts von Etappe zu Etappe gefahren, um dann am Tag die Vorbeiradelnden anzufeuern, mal bin ich nur zu einzelnen Etappen gefahren. In die Alpen, das Zentralmassiv oder nach Paris.

Heute beginnt die Tour de France. Traditionell mit dem Prolog, einem Einzelzeitfahren. In Lüttich. Das ist nu nicht grad Frankreich, aber wenigstens gleich nebenan und nicht irgendwo in London.

Da kommen Erinnerungen auf. Bei Lüttich. Denn vor 8 Jahren startete die Frankreichrundfahrt schon einmal dort. Und ich war mit dabei. Und mein leicht angekratztes Bild von den Belgiern erhielt dort meinen letzten – negativen – Schliff.

Obwohl ich die Belgischen Rennradfahrer mag. Und die Frühjahrsklassiker. Das Kopfsteinpflaster. Ich wär da vielleicht auch schon mal hingefahren zum Radfahrer gucken. Wenn da nicht jener Samstag in Lüttich gewesen wäre. Der 3. Juli 2004.

Mit Magda machte ich mich auf den Weg. Mit dem Zug nach Berlin und dann, über Nacht, mit dem Bus nach Liege. Aufgeregt, vorfreudig, aber etwas zerknittert landeten wir dort auf dem Zentralen Busbahnhof, frühstückten in einem Park und inspizierten die Rennstrecke. Trafen noch ein paar Freunde, drangen ins Fahrerlager ein, wurden von höchst aggressiven und völlig überforderten Ordnern rüde wieder raus geschmissen und verloren uns irgendwann. Nicht so schlimm. Zum Radfahrer gucken brauche ich niemanden.

Ich hatte ein schönes Plätzchen an der Strecke.

Je näher sich die Zeit dem Start näherte, desto voller wurde es und mein Plätzchen immer enger. Links neben mir ein Pärchen aus Australien. Rechts und hinter mir Bier trinkende Belgier. Aber nett. Man ist ja zum Radfahrer gucken da.

Irgendwann guckten die Belgier hinter mir nicht mehr nur Radfahrer, sondern drückten sich nebenbei mit Körperteilen an mich. Berührten ausversehen Körperteile von mir. Ich wehrte mich. Dümmliche bierselige Anmache.

Ich machte mich vom Acker. Eine ganze Nacht lang um die Ohren gehauen, und dann die besten 10 des Pelotons nicht gesehen. Passiert. Ärgerlich, aber passiert. Idioten gibt es überall auf der Welt.

Ich fand Magda wieder und wir vertrieben uns die Zeit bis Mitternacht. Bis zur Rückfahrt mit dem Bus.

Schon bei der Ankunft war uns aufgefallen, wie unglaublich dreckig die Stadt ist. Also nicht so Industriedreck. Sondern Müll. Auf der Straße und den Bordsteinen liegender Müll. Papier, Pappbecher, undefinierbares.

Das sah jetzt nach dem Prolog nicht besser aus.

Wir fanden ein Straßencafé. Der Tisch, an den wir uns setzen, musste noch gereinigt werden. Die Kellnerin erledigte das so: Mit einer Handbewegung fegte sie irgendwelche Zeitungsreste in den Rinnstein! Und die Essenskrümel wischte sie mit einem Lappen – auf meinen Schoß!

Wir waren zu perplex, um zu flüchten.

Am späten Nachmittag oder frühen Abend schleppten betrunkene Männer ganz betrunkene Frauen irgendwo hin.

Wir saßen wie in einem Kino der Absurditäten. Wie, zur Hölle, sind DIE denn hier drauf?

Die Passanten wurden immer betrunkener. Egal, wo wir waren. Betrunkene. Besoffene.

Und als es zu dämmern anfing, schwand den Herren jegliche Wahrnehmung für ihr eigens Ich und sie hielten sich samt und sonders für Adonis.

Lüttich, nachts, voller betrunkener Adonisse und wir mittendrin.

Als es endlich Zeit war, zum in einer ziemlich üblen Ecke befindlichen Busbahnhof (aber zu diesem Zeitpunkt empfanden wir jede Ecke der Stadt als ziemlich übel) zu fliehen, waren wir nervliche Fracks. Froh, dem Wahnsinn entkommen zu sein.

Als mich, während wir allein im Dunkeln der Ankunft des Busses entgegen zitterten,  ein Typ ansprach, reagierten wir beide hysterisch. Der arme Kerl erschreckte sich zu Tode. Er wollte nur wissen, ob hier der Bus nach irgendwo fährt.

Ich weiß, dieses Erlebnis ist nicht repräsentativ für Belgien, wahrscheinlich nicht mal für Lüttich. Und ich sollte den Belgiern eine Chance geben.

Trotzdem, nach vorangegangenen Erlebnissen mit Autofahrern aus der Gegend ist mein Bedarf seit dem 4. Juli 2004 gedeckt.

Obwohl, ich würde ja schon gern mal nach Brügge…

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7 Kommentare leave one →
  1. bitze permalink
    Juni 30, 2012 1:00 pm

    Klingt gruselig. Deckt sich zum Teil mit unseren Belgier bzw. Lütticherfahrungen. Wir waren aber immer nur im Frühjahr zu kleineren Rennen und natürlich am Ziel von Lüttich-Bastogne. Besoffene (belgische) Männer hatten wir eher draussen an der Strecke, auch bei Paris-Roubaix gut vertreten. Und der wallonische Teil Belgiens ist wirklich vergammelt (auf dem Land) und dreckig-vergammelt (in der Stadt).
    Wir sind aber nach der Zieleinfahrt immer direkt abgehauen, deshalb konnten wir dem immer ganz gut aus dem Weg gehen.
    Ich denke aber, dass solche Erlebnisse auch in den letzten Wochen beim Fussballrudelgucken nicht selten waren.

    Brügge lohnt sich wirklich, auch bei Schmuddelwinterwetter. Muss ja nicht zum Rondestart sein, dann gibt’s auch nicht so viele Besoffene Belgier, nur reichlich Japaner.

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  2. Juni 30, 2012 1:27 pm

    Brügge würde mich verdammt reizen, schöne Stadt. Vielleicht sind Belgier abseits von Radrennen (und den scheinbar dazugehörigen Biermengen) ja erträglicher. Besoffene Vollhonks kann man bei solchen Gelegenheiten sicher auch in Deutschland erleben.

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    • Juni 30, 2012 3:15 pm

      Stimmt, Deutsche Radsportfans bei der Tour de France habe ich auch in ganz schlechter Erinnerung, vor allem zu Ullrichzeiten. Aber da ist mir nie und nirgends einer an die Wäsche gegangen. Außerhalb Belgiens hatte ich auch nie Probleme mit Belgischen Fans, egal wie viel Bier geflossen ist. Ich habe hier nur meine Erlebnisse geschildert, und die waren halt extrem negativ. So negativ, dass ich mich nie wieder dahin getraut habe. Trotzdem schließe ich nicht aus, dass ich es noch mal versuche 😉

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    • Juli 7, 2012 5:51 pm

      Meine Erfahrung: in Brügge sollte man keinesfalls französisch sprechen, man wird gnadenlos diskriminiert. Lieber deutsch, wenn die das verstehen, sonst englisch. Sollten wir noch mal nach Brügge kommen, wird also die Pfarrfrau für uns reden müssen, weil mein Englisch, äh, ja.

      Die Belgier sind sich selbst nicht grün (also untereinander), und das färbt auf ihren Umgang mit den anderen ab.

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  3. bitze permalink
    Juni 30, 2012 2:43 pm

    Nachtrag: Ich will hier nicht Belgierfeindlich erscheinen. Wir hatten eine wunderbare Einladung nach Roselare zu offenen und gastfreundlichen Menschen und es gibt reichlich nichtbesoffene Radsportanhänger an den Strecken. Auch in Lüttich.
    (Ausserdem hat Lüttich einen schön dekorierten Verteilerkreis. Mit Kühen.)
    Die Wallonie ist zwar gammlig weil pleite, aber landschaftlich sehr schön.

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  4. Juni 30, 2012 6:14 pm

    Mir sind noch keine Belgierinnen an die Wäsche gegangen 😉 Ich war mehrfach mit Ducatis in Zolder zu Oldtimerrennen. Keine negativen Erfahrungen innerhalb Belgiens. Ausserhalb allerdings schon – leider.

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