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Nichts soll vorgeschrieben werden

Juni 12, 2012

Meine Töchter haben, bevor sie aufs Gymnasium wechselten, sogenannte reformpädagogische Schulen besucht.

Damals, nach der Wende, war es relativ einfach, neue alternative Schulen zu gründen. Es gab kein Kultusministerium. Die Volksbildung als Institution hatte ausgesorgt. Und die Menschen hatten Ideen. Alle wollten den Mief vergangener Tage abschütteln, genossen den kurzen Moment kreativer Freiheit und machten sich mit Tatendrang und Phantasie daran, ihr Land, in den wenigen Monaten, da es tatsächlich in ihren Händen lag, zu verändern.

Viele Dinge verschwanden mit der Wiedervereinigung und dem Einzug von „ Recht und Ordnung“.

Einiges aber blieb. Die Schulen gehören dazu. In L.E. gibt es neben der Freien eine Nachbarschaftsschule, eine Waldorf-, eine Montessori – und eine Kreativitätsschule. Mindestens die ersten drei sind alle um 1990 entstanden.

Neulich traf ich zufällig einen Lehrer, der Anfang der 90er aus den alten Bundesländern nach Leipzig kam. Der war dabei, als bei einer Konferenz der Freien Schulen in Berlin ein Lehrer aus Leipzig verkündete, er werde eine solche gründen. Spöttisches Gelächter hätte er damals geerntet.

Doch im Neuen Forum gab es damals eine Eltern/Lehrer-Initiative, deren einer Teil die Freie, der andere die Nachbarschaftsschule gründete.

Das Große Kind schulte ich zunächst in der Freien Schule Connewitz ein. Die war in einer alten Wohnung. Es mögen 20 Kinder gewesen sein in diesem ersten Jahr. Ich kann mich an zwei feste Lehrer erinnern. Es können aber auch drei gewesen sein. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass die Kinder an Schultagen im Gebäude sein müssen. Die Teilnahme am Unterricht war dagegen frei gestellt.

„Jedes Kind hat ein natürliches Lernbedürfnis. Den Lehrern obliegt es, die Räume so zu gestalten, dass das Kind… freiwillig lernen kann“, heißt es in einem kleinen Büchlein, dass die ersten 18 Monate dieses Schulprojektes dokumentiert. Der  erste Lehrer des Großen Kindes hat es ihm geschenkt, als es schon an der NaSch, der Nachbarschaftsschule war. Denn dorthin wechselte sie im zweiten Jahr. Zu frei ging es mir an der Freien Schule zu.

Das mag feige klingen. Doch wir als Eltern ließen uns damals gemeinsam mit den Lehrern auf ein großes Abenteuer ein. Im Grunde lernten wir mit der Eröffnung der Schulen wie diese funktionieren. Wie Unterricht gehen kann. Wir waren alle im DDR-Schulsystem groß geworden, alles war neu und wir machten allesamt nicht wenige Fehler. Die sollten aber nicht zu Lasten der Kinder fallen. So war es für mich nur logisch, das Große Kind in die andere Schule zu schicken.

Beide Schulen funktionieren ganz ähnlich. Nur dass es an der NaSch schon damals Lernzeiten gab, in denen die Kinder zumindest im Raum sein mussten, und einen relativ verbindlichen Wochenplan. Ein Konzept, dass die Connewitzer Schule später von der in Lindenau übernahm.

Dieses Büchlein aber ist ein einzigartiges Dokument. Mit Bildern, Märchen, Geschichten und Gedichten der damals 5 bis 9jährigen. Und natürlich sehr vielen Fotos. Von Kindern, die vom obersten Regalfach dem Unterricht folgen, hoch konzentrierten kleinen Mathematikern, Schulausflügen, unter einer schmusenden Meute von Kindern verschwindende vorlesende Lehrer, Theateraufführungen, stillen Ecken und Tobezimmern.

Das Büchlein fand ich gestern beim Einrichten des Schreibtisches.

Und die Märchenbücher der Kinder. Hier ein Blatt aus dem des Großen Kindes.

(Nachtrag)

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13 Kommentare leave one →
  1. Juni 12, 2012 7:53 am

    Das liest sich aufregend. Diese relativ kurze Zeit zwischen dem Druck von oben und der dann folgenden Bevormundung von der Seite muss doch ungeheuer spannend gewesen sein. Wieviel von den damaligen Hoffnungen haben noch überlebt und wieviel Kreativität mag inzwischen verschüttet sein…

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    • Juni 12, 2012 3:15 pm

      Ich bin froh, diese Zeit miterlebt zu haben. Und ich bin froh, dass ein paar Dinge, die in dieser Zeit entstanden, sich als nachhaltig erwiesen.

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  2. Juni 12, 2012 7:59 am

    Eine Zeit des Aufbruchs … welche Chancen… wie lange schon her … was sind 20 Jahre?

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  3. Juni 12, 2012 10:19 am

    Was ist das damals für eine Aufbruchsstimmung gewesen, in jederlei Hinsicht!… Und wie wenig haben wir uns davon bewahren können…

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  4. Juni 12, 2012 10:23 am

    Bei uns ist die Zeit der Freien Schulen erneut eingebrochen. Montessouri-Schulen schießen aus dem Boden. Auch eine Freie Schule (ähnlich frei wie bei euch) ist mittlerweile fest integriert. Dort ging es mir allerdings zu frei zu, nicht alle Kinder können damit umgehen sondern brauchen feste Anweisungen.
    Mit unserer Ev. Schule sind wir gut gefahren, auch die wurde von engagierten Eltern gebaut und gegründet. Der Run auf diese Schulen ist derart gewaltig, dass sie entweder anbauen mussten, oder aber man kaum eine Chance auf einen Platz hat.

    Für mich als ebenfalls DDR-sozialisiertes Schulkind war und ist es immer wieder spannend, wie Unterricht funktionieren kann. mit meinem großen Kind hätte ich oft gerne getauscht und wäre noch mal in die Schule gegangen.
    (Die Kehrseite: Kaum ein Kind in der 7. klasse schreibt fehlerfrei. Da sehen unsere alten Aufsätze anders aus.)

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    • Juni 12, 2012 10:28 am

      „…(Die Kehrseite: Kaum ein Kind in der 7. klasse schreibt fehlerfrei. Da sehen unsere alten Aufsätze anders aus.)…“ dieses Argument hatte ich auch einmal bei meinen Kindern. Die schreiben heute als Erwachsene 99% fehlerfrei. Das hängt damit zusammen, dass sie viel lesen, das korrigiert die eigene Schreibe.

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    • Juni 12, 2012 3:13 pm

      Über die Freie Schule kann ich dazu nichts sagen. Aber die NaSch hatte, solange ich noch Kinder kannte, die dort Schüler waren, den höchsten Prozentsatz Leipzigs an zu Gymnasien wechselnden Kindern. Das spricht eigentlich für das Schulsystem. Selbst das große Kind, dass ja zu den ersten Schülern gehörte in einer Zeit, da noch viel Neues ausprobiert und wieder verworfen wurde, wechselte nach der 6. Klasse ans Gymnasium. Das Kleine hat gerade das Abitur in der Tasche. Der Wechsel zum Gymi fiel übrigens beiden leichter als Kindern, die aus sogenannten Regelschulen kamen, weil sie das selbstständige Lernen schon von der 1. Klasse an gewohnt waren
      Natürlich sind 5% aller Kinder an solchen Schulen nicht unterrichtbar. Der Lehrer-Schüler-Schlüssel muss höher sein. Es erfordert viel Zuversicht und Geduld bei den Eltern, weil manche Kinder eben erst später lesen und/oder schreiben lernen, dafür aber evtl schon rechnen wie die kleinen Mathematiker.
      Ein Evangelisches Schulzentrum gibt es übrigens auch hier. Dorthin gehen alle Abgänger der 10.Klassen der Freien und Nachbarschaftsschule, die erst zu diesem Zeitpunkt entscheiden, Abitur machen zu wollen.

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  5. Juni 13, 2012 1:39 am

    „Zu frei ging es mir an der Freien Schule zu. Das mag feige klingen.“
    Finde ich überhaupt nicht, ich hab mir gerade die Webseite mal intensiver angesehen und war auf den ersten Blick ziemlich begeistert, aber je mehr man liest desto mehr Fragen hat man, die dort in den FAQ nicht gestellt und beantwortet werden. Vieles von dem was im Konzept steht liest sich ganz wunderbar, vieles hört sich aber auch nach dem esoterischen Blödsinn an, den eine gewisse Nena in ihrer „Neuen Schule Hamburg“ verzapft.
    Außerdem ist es ein Experiment und sicher nicht für jedes Kind geeignet. Und mit den eigenen Kindern experimentieren, ich weiß ja nicht…

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    • Juni 13, 2012 7:41 am

      Wie ich gestern im Heft zum 20jährigen Jubiläum gelesen habe, gab es irgendwann eine Spaltung, aus der eine bzw zwei andere Schulen hervorgegangen sind und die Freie Schule, die ja jetzt Leipzig heißt, nun noch freier agiert. Da gibt es wohl nicht mal mehr Lerngruppen mit fest zugeteilten Lehrern. Also im Prinzip so, wie es am Anfang war. Ich werde da später noch mal ausführlicher dazu bloggen.
      Und was das experimentieren mit den eigenen Kindern betrifft, da musst die die Zeit damals verstehen. In den Schulen trafen wir auf die Lehrer, die da schon zu DDR-Zeiten unterrichtet hatten und die jetzt behaupteten, dass sie ja schon immer dagegen und nur gezwungen waren und jetzt alles anders machen würden. Denen habe ich und haben einige andere Eltern nicht vertraut. Deshalb haben wir unsere eigenen Schulen gegründet. Ziemlich blauäugig, aber enthusiastisch. Und inzwischen sind ja auch alle Schulen etabliert, haben ihre Nischen gefunden und es sind noch ein paar mehr Ersatz- oder Alternativschulen dazu gekommen. Nur bis jeder die für sich bzw sein Kind geeignete Schule gefunden hat, das hat 1990, da es ja noch keinerlei Erfahrungen mit den neuen gab, eben etwas länger gedauert und den damals eingeschulten Kindern u.U. ein zusätzliches Schuljahr eingebracht.

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  6. Juni 13, 2012 5:07 pm

    da seid ihr ganz schön mutig gewesen und habt die gelegeheit beim schopf ergriffen, alle achtung! das „experimentieren“ ist ja zum wohl der kinder gewesen und die haben davon nur profitiert. toll, und ihr habt erlebt, wie schulen funkitionieren. wir hatten damals mit unseren kindern keine wahl, da gab es die dorfschule, später realschule oder gymnasium.
    liebe grüße

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  7. Anja permalink
    Juni 15, 2012 2:48 am

    Ich glaube, ich haette meine Kinder auch dann nicht in die gleichen Schulen gehen lassen, selbst wenn die Lehrerschaft nahezu komplett ausgetauscht worden waere. Zuviele ungute Erinnerungen. Meine Erweiterte Oberschule „Karl Marx“ in Gohlis ist ja auch direkt 1990 geschlossen worden, da hab ich noch im Mai 1989 mein Abi gemacht. Na, das hat sich jetzt eh erledigt, da es uns ja mittlerweile weit nach Westen zum ehemals erzkapitalistischen Klassenfeind verschlagen hat. Und ich muss sagen, die Schulen hier sind toll. Die Kinder gehen so gerne – ich beneide sie manchmal. Schon alleine die Ausstattung mit Audimax, Sport- und Tennisplaetzen, Orchester (Streicher und Blaeser), Choere, … Natuerlich leben wir hier privilegiert in einer guten Gegend. Im Vorort von Detroit sieht es sicher anders aus. Und ich habe den Vergleich, die beiden grossen Kinder sind noch in Muenchen eingeschult worden. Der Sohn hat auch noch ein halbes Jahr am Gymnasium verbracht, bevor wir hergezogen sind.

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