Skip to content

Der fremde Nachbar

Juni 6, 2012

Soso. Die Stadt plant also, Flüchtlinge dezentral unterzubringen.

Nein! Nicht was Sie denken. Niemand will die Asylbewerber in einzelne Wohnungen über die Stadt verteilen, was evtl. oder ziemlich sicher sogar zu einer besseren Integration führen würde.

Nein! Das wäre ja geradezu revolutionär. Aber Revolution war gestern.

Mit dezentral ist die Verlegung der Asylbewerberheime nach noch mehr an den Stadtrand gemeint. Weg vom Zentrum. Verstehen Sie.  De- Zentral im Sinne von weg von Zentral, vor allem raus aus dem Blickfeld.

Aber immerhin. Die derzeit ca 200 Insassen des Asylbewerberheims im Osten der Stadt ziehen nicht komplett an einen anderen Standort, sie werden aufgeteilt. Auf  sechs Mehrfamilienhäuser in sechs Stadtbezirken. Das ist schon auch ein Form von Dezentralisierung und, so finde ich, ein Weg in die richtige Richtung.

Was sich aber nun in Leserbriefen bzw. Kommentaren der LVZ-online auftut, ist beschämend.

Da gibt es in zwei Stadtbezirken einige Anwohner, die die neuen zukünftigen Nachbarn mit Argwohn betrachten. Offensichtlich hat sich auch niemand von den zuständigen Ämtern die Mühe gemacht, mit den Anwohnern zu sprechen. Ihnen zum Beispiel zu erklären, dass es durchaus noch „Kriegsflüchtlinge“ gibt. Politische sowieso. Und das eigentlich auch nichts gegen Wirtschaftsflüchtlinge einzuwenden ist. Vielleicht hätte ihnen auch jemand erklären sollen, das Asylbewerber nicht arbeiten dürfen, sie also, selbst wenn sie es nicht wollten, dem Steuerzahler zur Last fallen müssen. Ich will die Anwohner dieser zwei Stadtbezirke nicht verurteilen. Menschen haben Angst vor Dingen, die sie nicht kennen. Und beäugen wir den  neuen Nachbarn manchmal nicht auch vorsichtig-misstrauisch? Vor allem dann, wenn er nicht der Norm entspricht? Einer Norm freilich, die wir selber als solche festlegen.

Natürlich könnte man meinen, im Jahre 2012, müsse man niemanden erklären, dass es Menschen in Not gibt. Aber wir wissen alle, dass das so blauäugig ist wie die Annahme, in einer fernen Zukunft würde sich jeder nur das nehmen, was ihm zusteht. Vielleicht waren die zuständigen Ämter ja doch so blauäugig. Die NPD ist dankbar in die Bresche gesprungen. Nun rühren sich auch die Ämter und anderen Parteien. Man nehme die Ängste der Bürger ernst und wolle mit ihnen ins Gespräch kommen, heißt es.

Ich für meinen Teil bin froh für ein paar alte Freunde, die vor 22 Jahren der DDR auf nicht ganz legalem Weg den Rücken kehrten. Froh, dass die Ungarn sich im Sommer 1989 nicht vor den Flüchtlingslagern, die da in ihrem Land entstanden, fürchteten. Froh auch, dass die Tschechen keine Probleme hatten mit dem Automüll, der in der Nähe der Deutschen Botschaft die Straßen versperrten. Aber klar, das waren ja auch keine Wirtschaftsflüchtlinge. Damals ging es um Freiheit.

Trotzdem, Freunde, Ihr und Eure Kinder, Ihr hattet echt Glück, dass Ihr als Flüchtlinge nicht hierher gekommen seid!

…………………..
update: Ein Beitrag auf dem MDR, natürlich nicht zu vergleichen mit angesprochenen Kommentaren. Trotzdem…

Advertisements
5 Kommentare leave one →
  1. Juni 6, 2012 11:59 am

    Jetzt: Tau-sen-de. Und damals. Nur ein paar Millionen. Natürlich, die damals hatten die gleichen Sprache (theoretisch,e s waren Dialekte dabei, ui ui…) und den richtigen Pass (wenn man geschafft hatte, den einzupacken). Und oft genug waren auch damals die einheimischen misstrauisch und hilfsunwillig. Damals lässt sich das leicht erklären, damals hatten alle nichts zu beißen. Heute hingegen… Ach, nein? Nicht hilfsbereiter als damals? wohl mehr zu verlieren?
    Ach,. ich könnt mich in Rage schreiben…

    Gefällt mir

  2. Juni 6, 2012 1:27 pm

    Ich habe auch erst kürzlich das erste Mal Einblicke in das Leben von Asylbewerbern bekommen… Nein, so will niemand leben! Eine gesunde Portion Skepsis ist sicherlich nie falsch, aber wer den Einblick bekommt, den er braucht, der sieht die Sache sicherlich ganz anders. Bei uns sind die „Gemeinschaftsunterkünfte“ mitten in der Stadt, ich belauschte zwei junge Männer, die daran vorbeigingen: „Schau dir mal die ganzen Sat-Schüsseln und Grills an. Die machen halt nichts anderes als TV glotzen und fressen. Sollen doch mal arbeiten gehen!!“ – Soviel dazu.
    (Ich wurde nach einem Teppich gefragt, von einer Frau aus Sri Lanka – ihre Kinder würden frieren. „Warum brauchst du dann einen Teppich, warum keine Decke?“ – „Wir haben keine Betten, wir haben nur Matratzen. Es ist kalt von unten.“

    Ach so, ich lebe in BaWü. Auch nicht alles Gold hier, was so glänzt.

    Gefällt mir

  3. Juni 6, 2012 8:12 pm

    Vier Tage hab ich jetzt am Stück frei
    drum hab ich Zeit und komme bei dir vorbei,
    und ich wünsche dir eine gute Zeit,
    Hoffnung, Liebe und Zufriedenheit.

    Herzliche Grüße für dich, Julie ♥

    Gefällt mir

  4. Juni 6, 2012 9:59 pm

    Diese Ignoranz und Intoleranz hierzulande macht mich stets wütend, und ich schäme mich auch für jene Mitmenschen…
    Mir geht’s wie Theomix, bei dem Thema könnte ich mich auch in Rage schreiben…

    Gefällt mir

  5. Juni 7, 2012 2:29 am

    Die Leserkommentare habe ich vorsorglich nicht gelesen, so etwas kenne ich zur Genüge aus den heimischen Blättern, da krieg ich Pickel. Da kann der letzte Idiot seinen geistigen Müll anonym ablassen und das wird zu gerne genutzt. Diskussion zwecklos, das macht nur krank. Meistens sind das noch nicht mal direkt Betroffene.
    Im Video hab ich auch erst den Kopf geschüttelt, ich neige schnell dazu solche Leute als intolerante Rassisten in die nächste Schublade zu stecken, aber die haben einfach Angst vor „dem Fremden“ weil das Bild von Asylbewerbern geprägt ist durch solche Blätter und ihre Schlagzeilen. Weil der Ehrenmord in Farbe auf der Titelseite steht, das Familiendrama gleichen oder gar schlimmeren Ausmaßes auf Seite 4 unter Verschiedenes. „Das Fremde“ ist unheimlicher.
    Meine 80jährige Mutter kam grad aus Tunesien zurück, da läuft sie durch jeden Basar, weil sie die Menschen dort seit Jahren kennt und die sind alle furchtbar nett dort, aber hier jammert sie mir am Telefon vor, sie hätte Angst gehabt mit dem afrikanischen Taxifahrer zu fahren. Da möchte man lang hinschlagen.
    Wäre für meine Argumentationskette allerdings ganz hilfreich gewesen, wenn der Taxifahrer wenigstens etwas Deutsch gesprochen hätte, aber das ist ein anderes Problem.
    Zeigt allerdings, dass so etwas nur klappen kann wenn beide Seiten aufeinander zugehen. Wenn die Angebote der Stadt nicht nur heiße Luft sind, was Beschäftigungsmodelle etc. für die Asylbewerber angeht, dann sieht das nicht mal schlecht aus find ich. Leider kennt man das ja aus der Politik, dass solche Programme auch die ersten sind denen die Mittel wieder gestrichen werden.
    Dem Rest muss man einfach mal klar machen, dass menschenwürdige Unterkünfte gerade in diesem Land für Flüchtlinge eine Selbstverständlichkeit sein sollten. Ganz egal wo sie herkommen.

    Gefällt mir

Meinungen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: