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Männer, Schweizer, Elbsandstein

Mai 20, 2012

Es gibt einen Tag, den sollte frau nicht in der Sächsischen Schweiz verbringen. Das ist der Herrentag. Ich weiß das. Habe schon 2-3 leidvolle Erfahrungen mit einem nicht unerheblichen Anteil an Fremdschämerfahrungen gemacht.

Trotzdem saß ich am Donnerstag kurz nach Halb Sieben im Auto und fuhr  mit zwei Freundinnen dem Grauen entgegen.

In der Hoffnung, dem Männertag zu entgehen, niemand bergen zu müssen oder zu überfahren, ließen wir das Auto an der Hütte stehen, mieden die Schrammsteine und wanderten Richtung Rauen- und Bärensteine.

Aber! Durch die Sächsische Schweiz ziehende, vom Bierrausch selig grinsende oder lautstark grölende, in jedem Fall aber stark wankende Männerhorden zogen auch da durchs Gebirg. Wir liefen über Höhen und durch Gründe, schlugen große Bögen um Grills und Bierausschanke, doch wir entkamen ihnen nicht.

Auf der Hütte hatten uns ein paar fremdelnde Schweizer empfangen.  Jedenfalls starrten sie mich sprachlos und verwirrt an, als ich mit einem fröhlichen Guten Morgen in den Aufenthaltsraum stürmte. Ich sammelte mich, beriet mich mit den Mädels, wir kamen zu dem Schluss, dass die sowas wie unsere Hütte nicht gewohnt sind, weil es  ja auf den Alpenhütten ganz anders zugeht und starteten einen neuen Versuch. Mit Vorstellen und so. Hat nicht viel geholfen. Als ich meine Tasse mit zum Aufwasch stellte, wurde das mit einem tödlichen Blick quittiert. Am Abend starteten wir, nun unterstützt durch noch ein paar mehr Leipziger, neue Versuche der Interaktion, doch die Gäste wollten ganz offensichtlich unter sich bleiben. Ich vermutete ja, dass die schüchtern waren.

Wenn kein Männertag ist, kann man in der Sächsischen ganz vortrefflich und ungestört klettern. Oder frau breitet die Isomatte aus, aalt sich in der Sonne und quatscht dummes Zeug. Und wenn ihr nix mehr einfällt, rollt sie die Isomatte wieder zusammen und empfiehlt sich hinunter ins Zeughaus z.B. , wo es sich bei einem Eisbecher auch recht gut aushalten lässt. Und wenn man im Rathener Gebiet klettert, kann man die Abkürzung durch die Felsenbühne nehmen, jedenfalls so lange keine Vorstellung ist. Man darf sich dann nur nicht erschrecken, wenn später die Schüsse von der Bühne herüber schallen oder gar vor Schreck aus der Wand fallen- oder von der Matte rollen.

Am Freitag Abend übrigens, beim Lagerfeuer, konnten wir dann doch vier Schweizer mit hinaus locken und zum Singen bewegen. Na gut, zwei der vier Schweizer waren gar keine Schweizer sondern in die Schweiz ausgewanderte Sachsen, was wiederum die Kommunikation erheblich erleichterte. Denn am Freitag Nachmittag, als wir vor den Kumpels vom Klettern zurück kamen und auch ein Schweizer, also ein richtiger,  schon vor seinen Kollegen da war, habe ich mir ganz viel Mühe gegeben, mich mit ihm zu unterhalten. Der Schweizer hat sich auch ganz viel Mühe gegeben und deutlich gesprochen. So deutlich er eben kann. Und trotzdem, es lief irgendwie zäh.

Ich kenne ja bisher nur Schweizer aus Zürich. Da hatte ich immer das Gefühl, dass die um eine Hundertstel Sekunde zeitverzögert denken, sprechen und handeln, was eher amüsant ist. Und dann war ich natürlich viel in der Italienischen Schweiz. Dort hatten wahrscheinlich die Einheimischen eher das Gefühl, dass Ich um mehr als eine Hundertstel Sekunde zeitverzögert denke, spreche und agiere, weil das Italienisch einen längeren Weg durch meine Synapsen braucht.

Die Schweizer auf der Hütte aber, die kamen wohl wahrscheinlich aus einem Tal, wo man nicht so viel spricht. Oder lange nachdenkt, bevor man etwas sagt. Manche sind auch einfach erschrocken, wenn man sie gegrüßt hat. Und als wir, wie das bei uns nun mal üblich ist, am Freitag morgen alle Tische zu einer langen Tafel zusammen geschoben haben, hätten die Gäste aus den hohen Bergen fast aufs Frühstück verzichtet.

Die Landschaft hat ihnen gefallen, das habe ich dann doch aus einem raus kitzeln können. Ich hoffe, wir haben sie mit unserer Art nicht verschreckt. Und wenn ich mal wieder dort bin, in den hohen Bergen, werde ich zurückhaltender sein und auf die Einheimischen Rücksicht nehmen. Versprochen!

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8 Kommentare leave one →
  1. Mai 20, 2012 2:13 pm

    Ja, ja, die Schweizer… Ich weiss, man darf niemals alle Menschen einer bestimmten Nation über einen Kamm scheren, aber mit diesem Völkchen habe ich seit jeher zwischenmenschliche Probleme. Und ich bin fest davon überzeugt, dass das nicht nur an mir liegt… 😉

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    • Mai 20, 2012 3:00 pm

      Nuja, ich mag sie eigentlich. Aber die da auf der Hütte waren… Möglicherweise sind die ja tatsächlich von Tal zu Tal verschieden

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  2. Mai 20, 2012 4:47 pm

    ein schöner bericht zum schmunzeln 🙂
    ich kenn mich mit klettern nicht aus. werden extra greif- und tretlöcher in die bergwände gehauen? oder habt ihr saugnäpfe an händen und fußsohlen…?
    sonntagsgrüße

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  3. Mai 20, 2012 5:19 pm

    Die armen Schweizer…, ich meine, es könnte ja sein, dass die vielleicht euer Idiom nicht verstanden haben; sowas solls ja geben 😉
    Ich bin quasi mit einer Familie aus dem tiefsten Sachsen gross geworden. Deren Lautmalerei war meine erste Fremdsprache sozusagen 🙂

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  4. Mai 24, 2012 5:11 pm

    also der Schweizer an sich und auch im allgemeinen ist eigentlich ein sehr friedlicher und durchaus auch kommunikativer Zeitgenosse :-). Gern wird auch gemeinsam an einem grossen Tisch gegessen. So erfahre ich es hier fast täglich (Raum Basel), aber das kann natürlich auch an der Grenznähe liegen. Die sind immer etwas…. sagen wir mal…. offener.
    Die Schweizer aus den tiefsten Bergen, könnten je nach dem schon etwas verschlossener sein, allerdings bezweifle ich, dass die dann überhaupt aus ihrem Bergdorf ausreisen würden.
    Komisch irgendwie…..

    Liebe Grüsse
    asty

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    • Mai 24, 2012 8:10 pm

      Ich hatte bisher auch nur gute Erfahrungen. Wer weiß, aus welchem Tal die waren. Und wenn man es dann doch mal verlässt…

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Trackbacks

  1. Herrentag | Inch's Blog

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