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Zynismus

April 28, 2012

Jede Stadt hat ihre Wahrzeichen. Wahrzeichen, mit denen jeder diesen Ort in Verbindung bringt. Jeder!

Köln z.B. hat seinen Dom, Paris den Eiffelturm, New York die Freiheitsstatue.

In Leipzig ist das ganz sicher das Völkerschlachtdenkmal. Auch wenn sich die Stadt nicht mit oben genannten vergleichen kann, dürfte jeder Besucher, der den Besuch des trutzigen Baus verpasst hat, mit Fug und Recht von sich behaupten, etwas versäumt zu haben. So, wie man Köln nicht gesehen hat ohne den Dom, und niemand Paris verlässt, ohne am Eiffelturm gestanden zu haben. So jedenfalls gilt es für Touristen.

Daneben gibt es noch die Dinge, die die Einheimischen mit ihrer Stadt verbinden, die für sie zu ihrer Identität gehören. Keine Ahnung, was es in Köln, Paris oder New York ist. Ich bin da ja nur Besucher.

In meiner Stadt vermissen viele noch das Blaue Wunder. Auch, wenn die Fußgängerbrücke über den Ring vielleicht nicht mehr zeitgemäß war, hübsch war sie eh nie, sie gehörte zur Stadt.

Und die Blechbüchse! Ein Kaufhaus am Ring. Dort, wo früher Richard Wagners Geburtshaus stand, baute  Emil Franz Hänsel 1907 ein Kaufhaus, das schon ein Jahr später eröffnet wurde. 1927 wurde dort erstmals in einem Leipziger Warenhaus eine Rolltreppe eingebaut. Infolge der Arisierung wechselten 1938 die Besitzer, die das Kaufhaus am Brühl 1909 übernommen hatte. Am 4. Dezember 1943 wurde das Kaufhaus bei einem Bombenangriff stark zerstört und musste geschlossen werden.

1966 wurde das nach dem Krieg nur provisorisch instand gesetzte Haus saniert und erhielt eine Metallfassade, die das Haus vollständig umschloss. Der Künstler und Metallgestalter Harry Müller hatte die fensterlose Fassade, die dem Haus sofort den Spitznamen Blechbüchse eintrug, konzipiert. Das Konsument prägte fortan das Stadtbild und gehörte zu Leipzig wie das Völkerschlachtdenkmal.

Als die Aluminiumfassade nach häufigen Besitzerwechseln nach der Wende im Jahr 2010 abmontiert wurde, fragten sich viele Bürger besorgt, was für eine Art Neubau das Kaufhaus ersetzen sollte, wie die „Höfe am Brühl“ aussehen würden. Zumal sich eine Gruppe Menschen fand, die die Sanierung der ursprünglichen, inzwischen wieder freigelegten Fassade aus dem Jahr 1907/08 favorisierten. Mit diversen Protestaktionen konnten diese zumindest den Abriss verhindern. Die Wiederkehr der Blechbüchse aber war deshalb nicht gefährdet.

Es wurde ein Kompromiss gefunden. Das Kaufhaus erhält seine Aluminiumfassade zurück (das war auch der den meisten Bürgern unbekannte Plan, als diese 2010 abmontiert wurde). Mit einer Unterbrechung von 15m. Dort bleibt ein Stück der Hänselfassade sichtbar erhalten.

Seit Anfang März beobachten die Leipziger nun, wie ihre alte Blechbüchse Stück für Stück ihr vertrautes Gesicht zurück erhält. Anfang März gab es auch ein Guerilla-Knitting am Platz vor dem Gebäude, dessen Sinn ich nicht ganz begriff.

Von der Zerstörung von Grünflächen war da die Rede, Spielplätze und Bänke sollten dahin.

???

Da stand doch schon immer ein Warenhaus? Und der Platz davor bleibt doch?

Jetzt habe ich es begriffen.

An besagter Stelle, also auf dem freien Platz vor dem Kaufhaus, gab es nämlich ein Halfpipe.

Die ist weg!

Wo mal eine Halfpipe stand

Wo mal eine Halfpipe stand

Passt wohl nicht zum Bild des neu sanierten Hauses. Vielleicht meinen die Verantwortlichen ja auch, so ein paar Skater schreckten Investoren und Touristen ab. Überhaupt, sind nicht alle Skater eigentlich auch Sprüher? (Das Ringmessehaus steht gleich gegenüber)

Und kann man es eigentlich als Zynismus bezeichnen, frage ich mich, wenn auf dem Bauzaun um das Konsument herum u.a. das zu sehen ist?

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12 Kommentare leave one →
  1. April 28, 2012 1:42 am

    Skater sind bestimmt auch alle Sprüher. Und Hooligans, Punks, Ultras oder ähnlich Schlimmes. Überhaupt: Junge Leute sollte man verbieten, die machen nur Schmutz und Lärm. Eine Gefahr für die Allgemeinheit, schon wie die rumlaufen *g*.
    Als wir damals als langhaarige Gammler und Hippies bezeichnet wurden hab ich gedacht, es wird Zeit für einen Generationswechsel. Der lässt wohl immer noch auf sich warten.

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    • April 29, 2012 10:01 am

      Ja, es ist erschreckend wie groß die Zahl der Leute, die ihre eigene Kindheit und Jugend komplett verdrängt haben, immer noch ist. Und Jugendliche scheinen per se kriminell zu sein!

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  2. Brigitte permalink
    April 28, 2012 12:30 pm

    Das Wahrzeichen unserer Stadt heisst „Elefantenklo“ – lustig oder????? Du kannst es als Bild googeln…… 🙂
    Liebe Grüsse und ein schönes Wochenende, Brigitte

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    • April 28, 2012 3:17 pm

      Gibt es eins in Gießen, in Göttingen lt. Google. In Frankenhausen das Panorama meinste sicher nicht, oder?

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    • Gudrun permalink
      April 28, 2012 6:39 pm

      Das hab ich doch auch glatt gemacht. 😀
      Verrätst du uns, welches es ist?

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  3. April 28, 2012 5:49 pm

    Richtig so! Weg mit der Halfpipe! Dieses asoziale Jugendpack soll gefälligst arbeiten gehen oder was ordentliches lernen… :mrgreen:
    Und dann wundern sie sich, warum die Rechtsradikalen immer mehr Zulauf von jungen Menschen bekommen…

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    • April 29, 2012 10:05 am

      Ja, und den Jugendzentren die Gelder kürzen. In meinem Haus den Jugendlichen den Aufenthalt im Eingangsbereich verbieten, gleichzeitig den Dachgarten sperren und auch keinen der leer stehenden Kellerräume zur Verfügung stellen. Und mich ansehen wie eine Bekloppte, wenn ich Menschen, die sich über „die heutige“ Jugend beschweren, antworte „Halt mal, die haben wir erzogen!“

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  4. Gudrun permalink
    April 28, 2012 6:45 pm

    Mich habe die Skater nie gestört. Im Gegenteil. Wenn ich Wartezeiten hatte, hab ich mich da hingesetzt und habe ihnen zugesehen. Schade.

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    • April 29, 2012 10:06 am

      Skater als Bereicherung? Also wirklich Gudrun! Das ist ja fast so kriminell wie selber skaten 😉
      Ich ärgere mich nur, dass ich die Halfpipe nie fotografiert habe (aus Rücksicht auf die Skater)

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  5. Kristin permalink
    Mai 3, 2012 6:43 pm

    Laut Bauplan wird dort wird wieder eine Skateranlage entstehen, die zusammen mit Skatern entworfen wurde. Hört sich ja erstmal gut an, aber inwiefern das stimmt, weiß ich nicht.
    Und zu dem Guerilla-Knitting: Ich denke, es ging eher um die Kritik, dass dort überhaupt wieder ein Einkaufszentrum hin muss. Nur, weil da immer eines war (was ja aber auch lange genug leerstand), heißt das nicht, dass es nicht bessere Alternativen gegeben hätte. Zumal es mit dem Hauptbahnhof und der Innenstadt genug Konsummöglichkeiten gleich um die Ecke gibt.
    Die freie Fläche, die dort zwischen Abriss und Neubaubeginn war, hat mir persönlich gut gefallen. Platz zum freien Atmen in der sonst ziemlich beklemmenden Innenstadt.

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    • Mai 3, 2012 7:07 pm

      Das hat das Kind gestern auch erzählt, dass da wieder eine Halfpipe hin soll. Hoffen wir mal, dass das keine leeren Versprechungen sind. (Wie sie erzählte, sollen sich ein paar verzweifelte Skater ja gar angekettet haben, um die Demontage zu verhindern)
      Was die Blechbüchse betrifft. Ich freu mich wirklich, dass die wieder kommt. Aber diese Freude bezieht sich nur auf die Blechbüchse und nicht die ganzen „Anbauten“ bis hin zur Reichsstraße, also dort wo mal die Wohnhäuser standen und das Polnische Informationszentrum. Das stimmt, da hätte auch was schöneres hin gekonnt. Und es stört mich gewaltig, dass die sogenannte Hainspitze zu betoniert werden soll. Mit einem Einkaufszentrum!!! Gegnüber der Blechbüchse und Brühlchen Höfe, ausgangs der Hainstraße. Da frag ich mich wirklich: Wer braucht denn noch so einen Konsumtempel? Und was passiert mit den Bänken, auf denen ich dort gern sitze?

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Trackbacks

  1. Leipzig, Deine Einkaufstempel. Ein Nachtrag « Inch's Blog

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