Skip to content

Ein (Reise) Osterwochenendbericht, Teil 2

April 11, 2012

In Franken gehen die Kinder Ostern betteln. Mit großen Rasseln gehen sie von Haus zu Haus. Ratschn nennt man das. Die Wirtsleute hatten uns gewarnt, wir  mussten nur einmal schnell vor ihnen in einen Gasthof flüchten. Denn dort durften die nur bis an den Tresen. Die Gäste waren tabu.

Dafür standen auf den Türrahmen so seltsame Zeichen 20* C+M+B *12 z.B.  Das haben die Sternsinger dahin gemalt, klärte man uns Protestanten und Nicht- Protestanten auf, und dieses Haus wurde von denen gesegnet. Passiert auch um den 6. Januar herum, genau wie die Feuer auf den Berghängen, die man sich bei uns bis Ostern aufhebt. Naja, andere Länder, andere Sitten…

Überhaupt, andere Sitten. Wir hatten ja „mit Frühstück“, mussten also ansonsten auswärts essen. Da hätte ich gern mal was kleines genommen. Würzfleisch z.B., oder einen Eintopf, gegrillte Tomaten, überbackenen Camembert oder eine Soljanka. Gab‘s nicht. Der Franke isst, scheint’s, nicht nur gern deftig sondern immer auch viel. Wir haben alles versucht, was nach wenig klang. Brotzeitteller, Käseplatte, Leberkäs, Bratwürste. Zwecklos. Alles riesige Portionen. Auch zum Salat gab’s als Beilage immer Schäuferla oder Ochsenbrust, Presswurst oder Sauerbraten. So saß ich am letzten Abend da und würgte sogar an der köstlichen Forelle. Fleisch konnte ich zu diesem Zeitpunkt schon lang nicht mehr sehen.

Am Fränkischen Bier hatte ich mich schon am Samstagabend satt getrunken. Mag sein, dass die Keller- und Wallfahrtsbiere besser waren, das Dunkle aber war immer entweder zu süß oder zu malzig oder sonst wie unpassend. Da blieb ich ab Sonntag dann lieber bei Johannisbeerschorlen, garniert von diversen Obstlern und Geistern. Sehr große Vielfalt, sehr lecker und ja auch irgendwie sehr vitaminreich.

Am Samstag wanderten wir nicht weit. Eigentlich nur raus aus dem Ort, einmal über die Bergkuppe und ins nächste Wirtshaus. Frierend und leicht angesäuert stapften wir durch den Schneeregen und ich schwor, Ostern nie wieder in Deutschland zu verbringen.

Als wir beim Essen im Wirtshaus saßen, kam die Sonne raus. Als wir fertig waren, schneeregnete es. Beim 2. Bier schien wieder die Sonne. Und so ging das hin und her und immer weiter. Eine Einladung zu einer Grillparty irgendwo 800m hinter der evangelischen Kirche schlugen wir aus. Dabei hätte die unsere Laune sicher gehoben. Aber wie bitte hätten wir denn in die Betten finden sollen? Durch den Wald? Über den Berg? Stattdessen mischten wir uns nachts unter die Dorfjugend in die einzige Kneipe, die länger als bis Mitternacht geöffnet hatte. Allerdings nicht viel länger. Wussten Sie, dass es in Bayern eine Sperrstunde gibt? Schwer auszuhalten für einen Sachsen. So trafen sich die Jungs im Herrenzimmer, öffneten die Fenster weit und beglückten die Einheimischen mit ostdeutschem Liedgut. Ich zog das Kissen über die Ohren und versuchte den Lärm im Zimmer über mir zu ignorieren.

Am Sonntag endlich schien die Sonne länger und wir genossen von einigen Aussichtspunkten oberhalb diverser Kreuzigungswege Postkartenansichten. Zwar war es schweinekalt und die Füße und Waden taten immer noch weh und ein bisschen mehr als am Samstag, die Jungs sahen auch wieder ein bisschen blass aus, aber so Sonne wirkt schon sehr aufmunternd. Und der Eierlikör aus Schokibechern, der zu jeder Pause am Ostersonntag unbedingt dazu gehört.

Trotzdem, wir sind nicht mehr die Jüngsten. Und nachdem wir  in einem Wirtshaus nicht schlecht darüber staunten, dass Kinder heutzutage offensichtlich nicht mit Süßigkeiten zufrieden zu stellen sind und stattdessen mit großem Feuerwehrauto, Playmobilburg, Trampolin und anderen Geschenken, die größenmäßig mit den üblichen Weihnachtsgeschenken mithalten können, nachdem wir uns verblüfft fragten, ob das auch ein lokaler Brauch ist bzw. wie, falls das nicht der Fall ist, sich Weihnachten denn dann von Ostern unterscheidet, zogen wir zurück in die Pension und gaben uns einem Nachmittagsnickerchen hin.

Die Heimreise am Montag konnte keiner ohne einen Verdauungsspaziergang antreten.

Und seit dem Dienstag gibt es nur noch Möhrchen.

Ach ja, eine Auswahl von Fotos gibt es hier

klick auf's Bild

Advertisements
6 Kommentare leave one →
  1. April 11, 2012 1:42 pm

    Siehst du, bei dir gibt es jetzt eine Weile Möhrchen und bei mir Salatblättchen. 😀
    Deinen Reisebericht zu lesen war sehr vergüglich.

    Gefällt mir

  2. Brigitte permalink
    April 11, 2012 2:14 pm

    Tja, wir waren ja damals mit den Mopeds da. Da wird das Anlegen des Nierengurts zur echten Herausforderung! Da ich sowieso kein Bier mag, war mir das fränkische Hausgebraute auch egal. Genauso wie das berühmte Rauchbier aus Bamberg. Da lob ich mir doch einen leichten trockenen Weisswein und auch gerne mal ein hochprozentiges Obst.
    Bei uns gibt es Osterreste. Übermorgen fahren wir an die Nordsee. Mütze, Schal, Handschue, Winterjacke…..usw. usf. 😦
    Lieben Gruss, Brigitte

    Gefällt mir

  3. April 12, 2012 1:30 am

    ein hübscher bericht mit hübschen fotos! eierlikör aus schokibechern, mmhh das wäre auch was für mich. von den anderen sitten kenn ich das schreiben über der tür aus ostwestfalen. liebe grüße

    Gefällt mir

  4. April 12, 2012 9:55 pm

    Die Franken sind ein sehr spezieller Volksstamm, behauptet nicht nur Matt Wagner, meine Schwester sagt das auch, und die lebt seit 30 Jahren da unten. Die hat mich mal in ein Restaurant auf dem Dorf geschleppt, dass selbst für fränkische Verhältnisse aberwitzige Portionen auf den Tisch bringt. Auf dem Nachbartisch konnte ich eine Art frittierten Truthahn bewundern, der sich nach längerem Gemetzel als Cordon Bleu entpuppte, an dem ich zwei Tage gegessen hätte. Die spinnen die Franken.
    Das Bier da unten schätze ich allerdings sehr, die Bierkeller auf dem Forchheimer Annafest sind eine Reise wert. Nur Rauchbier find ich eklig.

    Gefällt mir

    • April 12, 2012 10:10 pm

      Forchheim… da war ich ja nicht weit weg. Ich glaube, wir sprachen irgendwo mit ein paar Einheimischen sogar darüber. Da gings darum, dass die einen zu Forchheim, die anderen aber zu Bayreuth gehören. Irgend so was.
      Ja, das Bier, das ist schwierig. Ich bin so ans einheimische und das tschechische gewöhnt und hab da so meine Vorlieben. Da tu ich mich schwer. Zumal ich eben am liebsten Dunkles trinke. Aber machte ja nix. Bei fremden Schnapssorten bin ich viel offener *grins*

      Gefällt mir

Meinungen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: