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Vom Krieg und vom Humor

März 18, 2012

Ein Student der Veterinärmedizin, in Jugoslawien geboren, meldet sich 1992 freiwillig in die bosnisch-herzegowinische Armee. Obwohl Leutnant, nennen ihn alle Kommandant. 5 Jahre bringt er in den Schützengräben eines Krieges zu, den ich bis heute nicht verstehe.

Im Podium sitzt ein wütender 40jähriger. Gehetzt liest er aus seinem Gedichtband vor. Zornige Poesie eines Vertreters der „überfahrenen Generation“. „Seine Leser sollen den Krieg hassen“, sagt Faruk Šehić.

So hastig, wie er seine Gedichte vorgetragen hat, so hastig verlässt er die Bühne des 2. Teils der Balkannacht im UT Connewitz. Nach Zoran Madzirovic‘s musikalisch-feuriger Einleitung scheint Edo Popovic einen fröhlichen Abend einzuleiten. Seiner Lesung folgt ein 9-minütiger Kurzfilm, in dem die Tristesse der Satellitenstädte mit den Auswüchsen der Zivilisation, hier in Gestalt einer fundamentalistischen Vegetarierin, auf humorvolle Weise verwoben wird.

Faruk Sehic wirkt wie ein Fremdkörper. Wie etwas, dass uns den Abend verderben will. Mazedonier, Slowenen, Kroaten, Serben, Bosnier… das ist eben nicht nur Musik à la Goran Bregovic. Mazedonier, Slowenen, Kroaten, Serben, Bosnier, das ist auch ein Krieg, den niemand für möglich gehalten hat. Etwas, das wir in Afrika oder Asien genauso verabscheuungswürdig finden, gern aber damit kommentieren, dass die Leute „da unten“ eben auch anders ticken. Jugoslawien aber, „mitten in Europa“, das war wie eine Klatsche für uns, die wir uns die Alte Welt nennen und für ach so zivilisiert halten.

Während ein Bulgarischer Autor liest, stehe ich draußen auf der Straße und versuche mich bei einer Zigarette zu erden. Ein Buchhändler, in Jugoslawien geboren, leistet mir Gesellschaft, erzählt mir ein bisschen von seinem schwierigen Verhältnis zu seiner alten Heimat, die er seit dem Krieg nicht mehr besucht hat.

Drei weiter Stunden mischen sich Lesungen, Musik und Kurzfilme zu einem literarischen Potpourri des Balkans. Es gibt lustiges und nachdenkenswertes. Doch irgendwann ist die biologische Festplatte vorübergehend voll mit Infos. Die Namen der Autoren kann ich mir längst nicht mehr merken, sie nur 1 Stunde später nicht mehr den richtigen Romanausschnitten zu ordnen. Es wäre jetzt Zeit, zum musikalischen Teil des Abends über zu gehen. Aber die Musiker aus Mazedonien und Slowenien kommen immer nur zur Auflockerung in den „Lesepausen“ zum Spielen. Laufpublikum mischt sich unter die Zuhörer. Belagert den Tresen. Es wird immer schwieriger, sich zu konzentrieren, immer unruhiger und lauter. Ein Moderatorin mahnt zur Ruhe.

Leute! Wir sind im Herzen von Connewitz. 20 m weiter wird auf der Straße der Rote Stern gefeiert. Grüne Minnas, die ja jetzt blau sind, beginnen ihre Runden zu drehen. Hier ist ab 23:00 Uhr keine Ruhe mehr.

Ich gebe zu, ich warte das Ende nicht ab. Kurz vor Mitternacht habe ich keine Lust mehr, auf den angekündigten musikalischen Ausgang des Abends zu warten. Schließlich bin ich schon seit Mittag unterwegs. Rugby, Sie wissen schon.

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2 Kommentare leave one →
  1. März 19, 2012 12:25 am

    Mehrere Stunden stelle ich mir arg anstrengend vor, auch ohne Rugbyvorprogramm. War sicher interessant, aber in der Fülle etwas überdosiert, irgendwann ist man einfach nicht mehr aufnahmefähig.

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  2. März 19, 2012 1:11 pm

    Da hast du aber ordentlich durchgehalten. Auf dem Messegelände konnte man das Programm ja mischen, sich Ruhepausen gönnen.

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