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Romane, Gedichte und eine Erinnerung

März 16, 2012

Eigentlich bin ich hundemüde. Trotzdem raffe ich mich auf und radele ins Sprachinstitut. Mit mir betreten 4 Russinnen den kleinen Raum, in dem gerade mal 20 Stühle für Zuhörer bereit stehen. Die Russinnen fangen sofort an, mit den schon anwesenden Autoren, den Veranstaltern und der Dolmetscherin zu labern. Russisch.

Die Lesung ist doch aber auf Deutsch?

Ich suche mir einen Stuhl in der letzten Reihe, direkt am Ausgang. Unbemerkt kann ich zwar nicht flüchten, aber die Peinlichkeit dauert nicht so lang. Mit einem unguten Gefühl nehme ich Platz und erinnere mich an ein Schockerlebnis vor ca. 15 Jahren. Danach habe ich keine Lesung mehr besucht. Außer Max Goldt war da. Und außer jene Kriminacht vor 4 Monaten, zu denen mich meine Cousinen mit nach Ludwigshafen genommen hatten.

Damals, vor 15 Jahren, war auch Buchmesse.

Der damalige Freund schleppte mich mit ins „Mobile Erdbüro“ zu einer Lesung mit dem „Leipziger Syndikat“. Das war eine Gruppe ziemlich skurriler junger Autoren. Ganz und gar nicht mein Lesegeschmack. Aber vom Namen her kannte ich sie natürlich. Und ein Freund des Freundes gehörte dazu. Deshalb war Erscheinen quasi Pflicht. Das Mobile Erdbüro wiederum war eine Künstlerwerkstatt für, nuja, Leute, die irgendwie in Ton machten.

Wir stiegen die Treppen hinab in den Keller und fanden uns in einem engen Raum wieder. Am Rand verhangene Skulpturen. Wohl um sie zu schützen. Vermutete ich.

Vorn ein langer Tisch, hinter dem die Autoren Platz nahmen und begannen, das Publikum  mit ihren literarischen Ergüssen zu beglücken. Ja, sie lasen abwechselnd. Zwei drei Sätze, oder nur zwei drei Worte las einer aus seinem Manuskript vor. Dann ein anderer, dann der nächste. Unmöglich, irgendeinen Sinn zu erfassen. Aber das war wohl nicht gewollt, dass irgendjemand im Publikum irgendetwas versteht. Die Autoren blieben auch nicht auf den Stühlen sitzen, lagen stattdessen unter oder standen auf dem Tisch.

Ich wollte gehen. SOFORT. Aber dazu hätten wir uns quer durch die Sitzreihen zum einzigen Ausgang auf der anderen Seite des Raumes drängeln müssen. Nein, das geht nicht, sagte der Freund. Das merkt mein Freund. Das nimmt er mir übel. Ich sah ein und beschloss, leidend auszuhalten.

Dann drängelten sich doch Leute durch die Zuhörer. Menschen in verschmierten Arbeitsklamotten  verteilten Lehm aus mitgeführten Eimern in die Taschen des Auditoriums. Ich fühlte Panik aufkommen. Hielt meine Taschen fest zu. Drohte dem Freund mir SOFORTIGER Beendigung unserer Beziehung.

Zu spät!

Die Skulpturen wurden enthüllt und die Arbeitsanzugträger – ich schwöre, das es so war!- hielten feuerspeiende Geräte, nennt man so was Flammenwerfer?- darauf und brannten den Ton.

Ich glaube ich schrie nach der Feuerwehr. Oder war es meine Nachbarin?

Wir erreichten nun doch schnell den Ausgang. Jetzt, wo alle raus wollten. Spaß an dem Gesamtkunstwerk hatten wohl nur die Künstler (vielleicht gehörte das fliehende Publikum ja dazu?)…

Doch heute besteht kein Grund zur Flucht. Inzwischen hat sich der kleine Raum im Sprachinstitut gefüllt. Stühle werden nach geordert. Dann geht es los. In Russisch und Deutsch. Das ist angenehm. Ich gebe mich ganz dem Klang der Sprache hin, denn verstehen kann ich höchsten ein Viertel. Sergej Popow ist Arzt, Professor an der Woronescher Klinik. Und Poet. Aber er hat auch drei Romane geschrieben. Ganz und gar Russische Romane. Sprachgewaltig. Schön. Einen stellt er uns heute vor, spricht danach noch über einen anderen. Zum Schluss trägte er auch eins seiner Gedichte vor. Und erzählt, dass er gegen die Übersetzung von Gedichten ist. Weil sie dann an Poesie verlieren. Recht hat er. Vielleicht.

Den Anfang der  nächste Lesung in der Bibliotheca  Albertina hätte ich verpasst, hätten die nicht 15 Minuten zu spät angefangen. Bora Cosic  hat ein, scheint‘s, ganz wunderbares Buch über seine Kindheit in Zagreb geschrieben. Ein Schauspieler liest vor und Coric erzählt viel über das Land, in dem er in einem Königreich geboren wurde, das später sozialistisch wurde und dessen schlimmste Zeit  unter der Herrschaft eines Milosevic kam.

Der Besuch dieser Lesung lohnt schon deshalb, weil so die Möglichkeit besteht, die heiligen Hallen zu betreten. Also nutze ich die Zeit bis zur nächsten Lesung (auf die ich dann doch verzichte), mir die prächtige Eingangshalle anzusehen.

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8 Kommentare leave one →
  1. März 16, 2012 8:46 am

    Erlebnisse, wie deins im „Mobilen Erdbüro“ kenne ich auch. Da stellt sich mir gelegentlich die Frage, ob ich die „Kunst“ nicht verstehe, oder die Kunst mich 😉

    Die Bibliotheca Albertina ist wahrlich beeindruckend.

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  2. März 16, 2012 1:34 pm

    Die heiligen Hallen sind wirklich schick. Wahrscheinlich muss man dort auch nicht befürchten auf seltsame Aktionskünstler mit Flammenwerfern zu treffen *g*

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    • März 18, 2012 12:19 pm

      Nee, ich glaube so frei sind dann nicht mal die größten Avantgardisten, oder wie immer die sich nennen mögen

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  3. März 16, 2012 2:50 pm

    was du so alles erlebst…!!! die halle ist ganz prächtig, schöne fotos und ein bericht, der lust macht, russische und andere unbekannte literatur zu lesen.

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  4. März 16, 2012 5:10 pm

    Wunderbar, daß diese Lesung für Dich nicht so sehr „Feuer und Flamme“ war 🙂 Beeindruckende Bilder!!

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Trackbacks

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