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Ein Abend mit der Hausband des Café Burger

März 10, 2012

Ich war schon immer ein Fan Russischer Musik. Und Russischer Literatur. Während letzteres bis 1989, so man eine Buchhändlerin kannte, relativ einfach zu beschaffen und auch in großer Vielfalt zur Verfügung stand, musste man sich wegen ersterem schon , wenn man mehr als Alla Pugatschewa wollte, oder gar etwas ganz anderes, direkt ins Heimatland der begehrten Objekte begeben. Oder Wege und Mittel finden. Großes Organisationstalent, wie wir sie in der DDR alle waren (ich glaube ja, das ist der eigentliche Sinn, der sich hinter der allzeit formulierten Forderung, sozialistische Persönlichkeiten zu erziehen, verbirgt: macht aus Kindern lebenstüchtige Persönchen, die auch in der Mangelwirtschaft jedes Konsumprodukt zu besorgen in der Lage sind und zudem fähig, die wichtigen Informationen zwischen den Zeilen zweckorientierter Zeitungsartikel, Ankündigungen und sonstiger Mittelungen zu erkennen), häufte ich also mühelos eine recht erkleckliche Anzahl gedruckter Produkte heute gänzlich unbekannter Autoren an, und mit ein bisschen mehr Anstrengung fanden auch einige Vinylprodukte den Weg in meinen Plattensammlung, die, nebenbei bemerkt, im September 1989 noch den Gegenwert zweier Mittelklassewagen entsprach.

In den letzten 20 Jahren kehrte sich dann alles um. Befreundete Buchhändler verloren ihre Jobs, so wie die russische Literatur in den Augen der nun den Geschmack bestimmenden Buchhändler an Bedeutung. Sie wurde ersetzt durch, ähm, ich muss da nachdenken, Ken Follet, den furchtbaren Dan Brown, phasenweise Schwedische Krimiautoren, ganz viel  deutsche Haudrauf- Witz-Machwerke oder Biografien von Dschungelcampbewohnern . Natürlich gibt es auch echt gute Literatur zu kaufen. Nur scheinen die in den Buchhandlungen tätigen Verkäufer/innen da nicht so recht Bescheid zu wissen. Beratung sollte man eigentlich lieber nicht erwarten, wenn man abseits des Mainstreams liest und wenn man „Russen“ sucht sowieso nicht.

Aber das ist gar nicht das Thema des Blogs…

Mit Musik verhielt es sich nämlich genau umgedreht. Vor allem Dank des Internets konnte frau sich umsehen und so wanderten flugs Alben von Bands wie Distemper, Киоск,  Klowns, тeо́рия xaoca oder Gulak Orkestr (die Band, nicht das Album von Beirut!), lange bevor die Musik hipp war, in meine Sammlung.

Und dann, die vielen Immigranten machten es wohl möglich: Balkan Beats und Russendisso hielten Einzug und inzwischen sind die Bands teilweise so hipp, dass man sich bei Konzerten kaum frei tanzend durch den Abend bewegen kann. Leningrad, Russkaja und Rotfront fanden ihren Weg in Inchs ganz persönliche Musiksammlung. Selbst entdeckt, von Freunden empfohlen oder auf einem Konzert überrascht, alles ist wieder möglich.

Von Rotfront haben mir gleich mehrere Freunde erzählt, kopierte Alben rüber gereicht und das kleine Kind war letztes Sommer gar beim Konzert in Jena.

8 Monate später fand die Band endlich auch nach L.E. Eine frech fröhliche Mischung aus Russian Pop, Polka, ein bisschen Klezmer, das Bläser-Trio sorgt für das nötige Ska-Gefühl und sogar der Rapper fügt sich ein ins Musikgefüge. 9 Musiker, die Spaß auf der Bühne haben, sich nicht so recht in eine Schublade pressen lassen mögen und sich dementsprechend aller Musikstile bedienen. So boten sie sich mir in der Tonne dar. Die war, wohl wegen der Semesterferien (oder sollte Rotfront tatsächlich noch ein Geheimtipp sein?, also nicht durchgedrungen sein in das Bewusstsein jener Konsumenten, die überall zu finden sind, wenn es nur „in“ ist?), recht leer. Also nicht gähnend leer, aber doch so, dass man unbeschwert und unbehindert tanzen, egal ob Pogo, Ska oder einfach so, konnte.  Nicht mal steif auf ihrem Standplatz fest verankerte „Nein ich beweg mich nicht“ störten den Gesamteindruck.

Auf Russisch, Englisch, Ungarisch und Deutsch spielten, sangen und rappten sich die Protagonisten fröhlich durch den Abend und hielten die anwesende Publikumsschar zwei Stunden in Bewegung, dass sich in einen kollektiven Rausch tanzte und pogte. So war es sicher klug, eine Pause einzulegen. Im Hof konnte jeder sein Mütchen bei einer Zigarette oder einfach beim So- Rumfrieren kühlen. Und das Kind, das kleine, konnte noch ein von der Mutter gesponsertes Bier abgreifen. Danach, ja das Konzert fand schon vor ein paar Tagen statt, ließen die Musiker die anwesenden Herren im Publikum den anwesenden Damen im Publikum ein Ständchen zum Frauentag singen. Danke, Rotfront! Sie forderten das Publikum auch auf, Videos zu machen und bei youtube hochzuladen, was mich amüsierte, hatte mir doch eine Freundin und Musikmanagerin letztens erst erzählt, wie sehr ihre Klienten das hassen, wenn sie bei Konzerten ständig gefilmt und fotografiert werden.

Als sie Ranking Smo, einen Leipziger Hiphopper auf die Bühne holten, hatte ich zeitweilig Angst, dass sich die Jungs und Mädels gegenseitig von der Bühne pogen. Ist aber alles gut gegangen.

Und die neue Taschenknipse habe ich auch ausprobiert. Funzte besser als am Tag vorher im Lichtspieltheater.

Das Bläsertrio

Das Bläsertrio

sitzen für den Weltfrieden

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5 Kommentare leave one →
  1. März 10, 2012 5:58 pm

    Das hat sicher einen Heidenspaß gemacht, die Lokalität sieht auch extrem stimmungsvoll aus. Von Rotfront hab ich die Emigrantski Raggamuffin, auf CD ist diese Musik aber nur das halbe Vergnügen find ich, sowas gehört auf die Bühne, dann kann man anständig rumzappeln. Ich hab mich daher ein wenig über das sitzende Publikum gewundert, bis ich die Unterschrift entdeckte.

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    • März 10, 2012 11:36 pm

      Jaja, Sitzen war nur kurz. Nach zwei drei Takten stand das Publikum wieder. Ein Wunder, das ich’s noch geschaffte habe, das Sitzefoto zu machen.

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  2. März 10, 2012 10:57 pm

    Hehe, du warst in der Moritzbastei?
    Rotfront kenne ich von einigen Titeln her. Live gesehen habe ich sie noch nicht.

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