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Ein Haus, eine Fotografie und ein gefallener Soldat

März 7, 2012

Immer, wenn ich nach Lindenau gefahren bin, ist es mir aufgefallen. Schon als die Mädchen dort noch in die Schule gingen, stand es leer. Ein weiteres wunderschönes altes Haus, dass, weil der Eigentümer noch nicht ermittelt oder mittellos war, vor sich hin verfiel. Und niemanden schien es zu interessieren. Denn Lindenau gehörte lange, selbst nachdem der Markt dort saniert und neu gestaltet wurde, und obwohl sich dort die Musikalische Komödie befindet,  nicht zu den bevorzugten Wohngegenden der Stadt.

Dann erfuhr das Haus plötzlich ein gewisses Interesse.

Robert Capa nämlich, der Magnum-Reporter, war bei der Befreiung Leipzigs am 18. April 1945 mit dabei. Und ausgerechnet, so fanden Wissenschaftler heraus, auf dem Balkon dieses Hauses, das seitdem nur noch Capa Haus heißt, schoss er sein weltberühmtes Foto  „Der letzte Tote des Krieges“.

Das ist zwar so nicht ganz korrekt, wissen wir doch alle, dass auch nach dem 18. April 1945 noch Amerikanische Soldaten fielen (allein in Leipzig dürften es noch einige gewesen sein), unter diesem Titel ging das Bild aber um die Welt, war Teil einer Fotoserie im Life Magazin und erlangte eine gewisse Berühmtheit.

Ende letzten Jahres dann konnte die Identität des toten Soldaten auf dem Foto ermittelt werden. Sein Name war Robert Bowman. Lehman Riggs war damals dabei und sah, wie sein Freund Bowman fiel. 5 Monate hatten die beiden Seite an Seite gekämpft. Im folgenden Interview bestätigt er das. Dort sind auch die Fotos zu sehen, die Robert Capa damals machte.

Damit erhielt das Haus, das jahrelang scheinbar unbemerkt vor sich hin verfiel, einen historischen Wert. Eine Bürgerinitiative wurde gegründet, die das Haus retten wollte.

Doch die Stadt war machtlos.

Das Haus gehörte einer bankrotten Schweizer Firma, die Insolvenzverwaltung lag in den Händen der Landesbank Hessen-Thüringen, die den Grundbesitz aber schon weiterveräußert hatte.

Silvester brannte der Dachstuhl aus. Die Stadt, nicht unwillens, das Haus zu retten, ließ es notdürftig gegen den drohenden Einsturz sichern, bemühte sich um die Komplettsanierung.

Zu spät.

Die Zwangsversteigerung Anfang Februar konnte nicht mehr verhindert werden. Ein Zahnarztehepaar aus Nordrhein- Westfalen erhielt den Zuschlag, inkl. Abrissgenehmigung. Für 35000 € heißt es.

Ob die an den Plänen der Bürgerinitiative interessiert sind, ist fraglich.

Ist mir persönlich auch Schnuppe. Denn das Haus, mit oder ohne Amerikanischem Soldaten, hätte es verdient, saniert zu werden. Ob sich das nach 20 Jahren Leerstand allerdings noch rechnet, möchte ich bezweifeln.

Wieder eine Chance vertan. Und ich frag mich langsam: Haben wir zu viele schöne alte Häuser hier, dass wir ihrem Verfall zusehen, ohne wirklich zu sehen? Muss erst ein berühmtes Foto her, dass wir wach werden? Und wie viele Häuser verfallen, während wir verstört der Zukunft das Capa-Hauses entgegen sehen, unbemerkt? Wie viele Eigentümer, die sich die aufwendige Sanierung nicht leisten können oder wollen, hoffen, dass ihr Eigentum unserer Aufmerksamkeit entgeht, solange, bis nur noch ein Abriss sinnvoll scheint, dem der wesentlich billigere Neubau eines gläsernen Monstrums auf dem frei gewordenen Gelände folgt?

Was ist uns unsere Stadt wert?

update: Wie mir gerade in einer Email mitgeteilt wurde, von dem, der den Kontakt zu dem Zeitzeugen aus den USA hergestellt hat, hieß der gefallenen Soldat nicht Robert, sondern Raymond Bowman. Außerdem sollen im Inneren des Hauses Arbeiten begonnen haben, die nicht auf einen Abriss hindeuten. Auch wenn das noch nicht sicher ist, so bestehen für dieses eine Haus doch Hoffnungen.

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14 Kommentare leave one →
  1. März 7, 2012 7:14 am

    Ich finde es auch schade, wenn ältere, erhaltenswerte Häuser den Abriß zum Opfer fallen. Erzählen sie doch manchmal Geschichten aus anderen Tagen…

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  2. März 7, 2012 8:19 am

    *seufz*
    In Polen kann man viele solche Altbauten für billig Geld unter der Bedingung kaufen, dass man sie saniert. Mich wundert nur, dass das Haus nicht besetzt worden ist, wenn es so lange leer stand.

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    • März 7, 2012 6:25 pm

      Naja, die Besetzerszene ist eher im Süden der Stadt unterwegs gewesen, hat sich dann nach Plagwitz verlegt und ist erst vor vielleicht 2 Jahren in Lindenau angekommen. Das Haus liegt auch an einem ziemlich stark frequentierten Platz. Nix für Besetzer also

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  3. März 7, 2012 9:02 am

    Als die Grenze offen war, bin ich oft in die untergegangene DDR gefahren, nur alleine schon um die zu jener Zeit heruntergekommene aber immerhin noch vorhandene Bausubstanz zu sehen.
    Im Westen waren fast alle Innenstädte ab den 50ern „modernisiert“ worden, d.h., das meiste was alt aussah aber duchaus noch reparabel war, wurde mit den Ruinen gleich weggerissen für breitere Strassen und leuchtende Ampeln. Und natürlich für die nichtsnutzigen Spekulanten, die ihre goldenen Nasen endlich wieder auf Hochglanz bringen wollten.

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  4. März 7, 2012 9:37 am

    Es ist schade, wenn ehemals so prachtvolle alte Häuser vor sich hingammeln und verfallen, denn mal ganz ehrlich: Zu viele dieser schönen Gebäude kann eine Stadt doch gar nicht besitzen, oder?

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    • März 7, 2012 6:27 pm

      Das denke ich auch! Und, um Herrn Ärmels Gedanken aufzugreifen, man könnte ja aus den Fehlern, die in den 50ern gemacht wurden, lernen. Aber zu oft geht’s um den schnöden Mammon

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  5. März 7, 2012 9:41 am

    Das Haus heute auf mein Blog, meine Hornzsche, steht nicht weit davon, auch in Lindenau, in der Georg-Schwarz-Straße. Zu Beginn meiner Lehrertätigkeit an der Päd. HS bin ich diese Straße immer entlang gelaufen, nach dem Unterricht. Es hat mir geholfen herunter zu fahren und schön war es auch. Es gab Leben in der Straße, viele kleine Geschäfte, eine Bibliothek mit Garten, einen Fleischer, wo die Kinder, wenn Mutti einkaufte, noch ein Rädchen Wurst bekamen…
    Wenn ich „mein“ Haus genauer betrachte von Gegenüber, dann sieht man so manche verfallene Schönheit an der Fassade. Zu retten ist da wahrscheinlich auch nichts mehr. Scheint die Sonne, dann kann man in lichtdurchflutete Wohnzimmer sehen. In der Ecke steht noch ein Kachelofen. Die Eingangstüren hat man jetzt zugemauert, weil im Haus sich öfter Wohnungslose aufhielten. Abends roch man, dass sie versucht hatten, den Ofen anzuheizen. …
    Die Stadt versucht mit vielen Projekten wieder Leben in die Georg-Schwarz-Straße zu bringen. Gegen den Verfall der scheinbar herrenlosen Häuser kann sie einfach nichts tun. Und so ist diese „Ecke“ ein Treffpunkt derer, die glauben, genau so wenig Chancen zu haben wie die Häuser. Schade.

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  6. März 7, 2012 1:49 pm

    In Halle geht es vielen alten Häusern auch so – und die Kommunen bekommen für immer mehr vom Staat an sie übertragene Aufgaben immer weniger Geld ..

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  7. März 7, 2012 2:58 pm

    bei uns wird auch alles schöne Abgerissen und mit was hyper modernem in Lego-Block System ersetzt, schrecklich. Alte Häuser haben keine Lobby, mit oder ohne berühmte Historie 😦

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  8. März 7, 2012 8:04 pm

    Mir tut jedesmal das Herz weh, wenn ich mitansehen muss, wie ein so schönes Bauwerk dem Verfall bzw. Abriss preis gegeben wird…

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  9. März 8, 2012 1:59 am

    Ich bin ja ziemlich neugierig, deshalb bin ich schon mehrfach durch Leipzig gefahren, mit dem Finger auf der Landkarte sozusagen (Streetview halte ich immer noch mehr für einen Gewinn als für eine Gefahr) und find das ziemlich großartig, was da an alter Bausubstanz vorhanden ist, viele schöne Ecken. Sehr vieles, was man unbedingt erhalten muss, hier wird so etwas auch seltener und liegt entweder in unbezahlbaren, oder stark von der Gentrifizierung bedrohten Ecken.
    Es gibt zu wenig Hausbesetzer.

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    • März 9, 2012 11:25 pm

      Na dann wirds aber Zeit, dass Du mal in echt herkommst. Ich biete mich als Stadtführer an

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  10. April 5, 2012 1:10 pm

    Wenn ihr dabei sein wollt?
    Am 14. April ab 13:00 Uhr im RevueTheater Palmengarten (gegenüber vom’Capa-Haus‘)
    https://www.facebook.com/groups/capa.haus/

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  11. Kat permalink
    April 23, 2012 12:19 am

    Ich liebe Leipzigs alte Häuser.. Insbesondere das Bülowviertel hat es mir angetan.. Aber in der ganzen Stadt verteilt sind diese schönen, maroden Geschichtenerzähler..

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