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Alter schützt vor Klasse nicht

März 4, 2012

Jazz-Gitarristen mag ich nicht. Das erwähnte ich hier schon einmal. Deswegen hätte mir das Konzert von Uwe Kropinski gestern eigentlich am A.. vorbei gehen können. Schließlich lockte auch Bimbotown. Das ich trotzdem raus zum Mediencampus bin, lag an den Herren, die dem Gitarristen zum 60. Gratulieren wollen. Mit Hermann Keller (Piano), Joe Sachse (ok, das ist auch ein Gitarrist), Baby Sommer (drums) und den Bauer-Brüdern (Posaune) stand da  das beste, was das Land an Jazzern hervorgebracht hat,  versammelt auf der Bühne. Bei so einem Fest darf man nicht fehlen, und Bimbotown rückt in ganz weite Ferne.

Und dann hat mich Uwe Kropinski, der im ersten Teil des Abends  seine neue CD Sowieso vorstellte, überrascht. Positiv überrascht. So überrascht, dass ich nicht umhin konnte, am Ende des Abends das neue Album käuflich zu erwerben. Und so läuft es nun, während ich hier versuche, das Kulturerlebnis zu beschreiben, im Hintergrund.  Das klang nämlich (fast) alles recht melodisch. Funky Train, Paco, Grüne Insel und Almdudler heißen nicht nur so, man kann die entsprechenden Einflüsse auch klar erhören. Trotzdem bleibt es Jazz und  wird von einem Meister seines Fachs (daran hab ich ja nie gezweifelt, das hat ja nichts mit meinen subjektiven Vorlieben zu tun) auf der Akustikgitarre vorgetragen.

Da, wo es dann „freejazziger“ wird, stelle ich wieder fest, dass ich Gitarristen eigentlich nicht mag. Es wird aber nie so schlimm, dass ich den Saal verlassen will. Und he, ich hab mir das Album gekauft!

Eigentlich wollte der Herr Kropinski ja wohl alle Titel vorstellen, aber er schafft nur 5,  denn nach der Pause stehen dann die angekündigten Herren auf der Bühne. Dazu ein Flötist, den ich noch nie im Leben gesehen habe, und auch meine drei mit geschleppten Kumpel kennen den nicht, eine genau so unbekannte Flötistin und ein junger Bassist namens  Hagen Schießmichtot, ich habe  den Namen nie richtig verstanden. 7 Herren also und eine Dame. Die machen zum Auftakt ordentlich Krach und dann geht’s los. Anfangs übernimmt die Dame des Hauses noch die Regie und sagt an, wer mit wem. Dann jammen die Herren und die Dame vergnügt ohne Ansage durch den Abend. Herausragend das Duo Kropinski/ Keller. Und als das Geburtstagskind mit dem jungen Bassisten, laut Ansage zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne steht, merkt man anfangs, dass die sich nicht kennen bzw der junge Mann doch recht nervös ist. Aber dann finden sie zueinander und aus einer  anfangs etwas holprigen Suche entsteht ein fulminantes miteinander. Höhepunkt, für mich, natürlich Conny Bauer. Als er mit ein paar anderen Musikern, darunter auch Johannes,  zusammenspielt, merkt man wieder mal, der jüngere ist gut. Aber der ältere ist einfach genial. Und eher zurückhaltend. Während Johannes eher laut und dominant sein Recht einfordert, steuert Conny ein paar verhaltene Töne bei oder wartet einfach auf seinen Moment, in einem kurzen Solo alle anderen an die Wand zu spielen. Danach sitze ich nur noch da und warte, dass er endlich wieder auf die Bühne kommt. Obwohl es auch ohne ihn ordentlich abgeht da oben. Zum Beispiel als Joe Sachse und Uwe Kropinski, also E-Gitarre und Akustik-Gitarre, zusammen spielen. Zwei Gitarren! Und mir gefällt’s!

Baby Sommer ist ja auch da. Aber der ist ungünstig aufgebaut. Nämlich scheint‘s vor der Bühne. Also unten. Das ist Kacke. Denn der Mann ist ein Gesamtkunstwerk. Den muss man nicht nur hören, den muss man auch sehen. Weil der allerlei merkwürdige Dinge benutzt, um Klänge zu erzeugen (Drums sind natürlich auch dabei). So sehe ich nur immer mal seine Hände kurz über den Köpfen vor mir hoch zucken. Und die, die Hände, sehen aus, als hätten sie sich Einlegesohlen über gestreift. Waren aber vermutlich keine. Obwohl? Ich hab den schon merkwürdige Sachen machen sehen.

Apropos Köpfe. Allein in meinem Blickfeld zählte ich bei den anwesenden Damen (und die waren in der Unterzahl) im Publikum 12 Pagenköpfe. Also Haarschnitte. Das deutet auf eine gewisse Vorliebe in einem gewissen Alter hin. Ob sich dieses modische Liebhaberei allerdings allein auf Damen, die zum Free Jazz gehen, bezieht, oder eher generell bei Damen gewissen Alters einer gewissen intellektuellen Gruppe  zu beobachten ist, muss ich noch untersuchen.

Dann endlich wird meine Flehen erhört. Conny Bauer. Solo. Nicht nur ich bin hin und weg. Unglaublich, was der Mann mit einer Posaune zu spielen in er Lage ist.

Ich will hier nicht vergessen, dass zu den 7 Herren Musikern, Uwe Kropinski, der Dame an den Flöten und der Hausherrin natürlich auch Thomas Brückner gehörte. Der steuerte am Anfang und am Ende des vergnügten Miteinanders  ein paar freche Texte zum Leben im Allgemeinen und zum Älterwerden im Besonderen bei.

Es war gut, dass ich die Pause genutzt hatte, um alle Bekannten, die ich so erspähte zu begrüßen. Denn nach dem Konzert verschwanden alle recht schnell. Nur wir standen noch trinkend da (war schließlich ne Geburtstagsfeier) und freuten uns über den gelungen Abend.

Video vom gestrigen Abend gibt’s tatsächlich auch schon

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2 Kommentare leave one →
  1. Mühlsteiner permalink
    März 4, 2012 2:55 pm

    Wenn Dir schon das Konzert am A. vorbei gehen könnte, an welchem Buchstaben dann der Gitarrist himself im konditionalen Falle?
    Vermöchtest Du „Bimbotown“ zu erklären? Danke viel&sehr

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  2. März 4, 2012 3:41 pm

    Bimbotown ist ein Projekt des Englischen Künstlers Jim Whiting. Entstand in den 90ern in Leipzigs Süden als ständige Einrichtung und erlangte schnell Kultstatus.
    Dann wurde Jims Pachtvertrag nicht verlängert. Seitdem gibt es Bimbotown als Event alle paar Monate.
    Auf der Homepage wird es so beschrieben: „Bimbotown ist seit über 10 Jahren ein wichtiges Projekt des englischen Aktionskünstlers Jim Whiting. Mit seinem Konzept „Unnatural Bodies“ erlangte er internationale Bedeutung. Seine lebenden Skulpturen, die durch Pressluft oder elektrische Antriebe ständig in Bewegung sind bilden den Kern der Event-Location.
    Ergänzt wir das Ganze durch ein Vielzahl von Party-Gags, die das gesamte Publikum erfassen. Hüpfende Sessel und Stühle, das fressende Sofa, die berühmte Bettfahrt, schwebende Mäntel sind nur eine kleine Auswahl. Alles lebt von und mit dem Publikum. Ein Highlight dieser Interaktion ist das Schaumbad, wo sich erhitzte Gäste erfrischen können.“
    Ich bin auch schon in der Stube durch Industriehallen gefahren, fand mich auf meinem Hocker plötzlich 1 m über der Bar wieder, wurde von schwebenden Mänteln liebkost oder von Peitschen…
    Was Uwe Kropinski betrifft, verstehe ich Deine Frage nicht. Ich schrieb ja, dass ich Jazzgitarristen nicht mag. Also geht mir ein solcher im Normalfall am selben Buchstaben vorbei wie ein Solokonzert. Aber: Gestern hat er mich überzeugt. Joe Sachse übrigens auch 😀

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