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Sinnkrise oder was?

Februar 26, 2012

Gestern, als wir in großer Freundesrunde die silberne Hochzeit zweier Paare feierten, stellten wir fest, dass es außer dem einen Paar, dass schon 30 Jahre mit Trauschein lebt, wohl niemand von uns mehr bis zum 25. schaffen wird. Zwar waren da zwei dabei, die erst warteten, bis das Kind erwachsen und fertig ausgebildet ist, ehe sie sich nach 27 jähriger Probezeit amtlich bestätigen ließen, dass sie zusammen gehören. Der Rest aber, und das war die erdrückende Mehrheit, ist geschieden, seit zwei bis sieben Jahren wieder verheiratet, frisch verliebt oder eben Single.

Ich fragte mich, während wir aus unserer Stammkneipe heraus beobachteten, wie sich die Schlange der zur Disko in der Nachbarhalle Eintritt Begehrenden  so ab kurz vor Mitternacht aufbaute, zu gewaltigen Ausmaßen anwuchs und auch gegen 3.00 Uhr nicht wesentlich geschrumpft war, ob das jetzt eine spezifische, meinen Freundeskreis betreffende Eigenart ist. Oder ob sich dieses Phänomen bei allen Altersgenossen im Osten, wo die Heirats- wie auch die Scheidungsrate bis 1989 ja bekanntermaßen hoch war, beobachten lässt. Und wie sähe das bei einem gleichaltrigen, etwa gleich großem Freundeskreis aus dem Westen aus? Hinge das da auch von der Lebensform ab, die die Freunde gewählt hätten?

Überhaupt Lebensform. Was ist denn davon geblieben, außer dass wir zu Konzerten rennen, uns in der Stammkneipe treffen, wilde Partys feiern, viel verreisen und uns bei Demos unters Jungvolk mischen? Die meisten von uns haben einen gut bezahlten Job, so dass wir die zwei drei, denen es nicht so gut geht, hie und da „sponsern“ können, am Stammtisch  und manchmal auch auf Gemeinschaftsreisen. Wir haben unsere Wohnungen bis Häuser, Sparkonten, erwachsene Kinder, manche auch Enkel. Wir sind angekommen.

Manchmal schauen wir uns verwundert um, betrachten unsere Freunde und uns selbst und fragen uns: Sind wir jetzt Spießer? Was unterscheidet uns von denen, die wir früher nie sein wollten?

Ist es die Freundschaft? Der Umgang untereinander? Die Rastlosigkeit, die uns nach Feierabend befällt?

Oder sind diese Fragen Zeichen einer etwas spät einsetzenden (wir im Osten waren ja schon immer etwas hinterher) Midlife Crisis?

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9 Kommentare leave one →
  1. Februar 26, 2012 8:37 pm

    Ich glaube, was dich, deine Freunde/innen, und vielleicht auch mich von den sogenannten Spießern unterscheidet, ist die kritische Selbstreflexion. Spießer sind in der Regel dazu nicht mehr in der Lage, bzw. verdrängen diese Kunst…

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  2. Februar 26, 2012 8:47 pm

    Ichsachma lieber so: irgendwann werden alle bürgerlich.
    Im Westen ist es übrigens nicht anders mit der Bindekraft der Beziehungen, Scheidungsraten sind auch recht hoch.

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  3. Februar 26, 2012 10:34 pm

    Was du über den Osten schreibst, ist „im Westen nichts neues“. Und die tragischste Erfindung vor dem Kapitalismus war das „Bürgertum“ als Gesellschaftsform. Dieser bürgerlichen Gesellschaft entrinnt niemand so schnell. Und wenn wir früher als junge Heisssporne gegen die Bourgeoisie die Faust in die Höhe streckten, realisierten wir nicht, dass wir ja selbst Teil davon waren.
    Mit zunehmendem Alter wird das klar im Bewusstsein, deshalb sehe ich darin eher Klarsicht statt Sinnkrise.
    Ein gutes Zeichen also 🙂

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  4. Februar 27, 2012 12:00 am

    *taschenrechner-zück* nein die 30ig Jahre mit Trauschein schaffen wir aucht nicht. Das liegt aber nicht unbedingt an der hohen Scheidungsrate, viele lassen sich halt Zeit und der Karriere erst mal Vortritt. Wenn sich dann die Nebelfelder der Jugend klären, sieht man halt alles realistischer. Manche sind auch ewig lange verheiratet aber leben wie Bruder und Schwester zusammen. Dann lieber ohne offizielles Papier aber dafür glücklich 😀

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  5. Februar 27, 2012 7:23 am

    Warum Rastlosigkeit? Wonach rennt ihr?

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    • Februar 27, 2012 7:50 am

      Na habe ich doch geschrieben: „…zu Konzerten rennen, uns in der Stammkneipe treffen, wilde Partys feiern, viel verreisen und uns bei Demos unters Jungvolk …“ könnte ich antworten. Ich könnte mit Rastlosigkeit aber auch die Gedanken meinen, dass ständige Hinterfragen des eigenen Tuns. der wache Blick, mit dem wir unsere Umgebung betrachten… Eben das Gegenteil von jeder Art von „auf der Couch vorm Fernseher gestrandet sein“

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  6. Brigitte permalink
    Februar 27, 2012 1:29 pm

    Ich glaube nicht, dass Ost und West sich großartig unterscheiden. Ich kenne viele Leute, die geschieden sind, aber auch viele, bei denen die Ehe gehalten hat., i.d.R. inzwischen so 25 Jahre plus x. Ich habe nächstes Jahr auch Silberhochzeit *verschämt lächel*
    Allerdings habe ich immer noch das Gefühl, dass wir vom Kopf her anders drauf sind, als unsere Eltern. Auch wenn ich mich nicht mehr um Mitternacht vor der Disko anstellen würde. Eher gemütlich irgendwo sitzen (auch in der Kneipe!) und lecker Weinchen trinken und schwätzen. So mehr. Und bitte keinen Lambrusco aus der 2-Liter-Flasche. Und ich denke nicht, dass das schon elitär ist? Nee, die Denke ist wirklich eine andere!

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  7. Februar 28, 2012 10:53 am

    Wenn es fünf bis zehn Jahre überstanden hat, geht es bis zum Ende gut. So ungefähr. Ich kenne nur ganz wenige Leute, die nach über 20 Jahren noch das Handtuch geworfen haben – und da war der Schaden meist schlimmer als damals, als die Kinder klein waren…
    Große Klöpper: „nein, ich komm jetzt nicht mit euch Weihnachten feiern, ich geh zu meiner Freundin.“ und „ich zieh aus. Ich sags meiner Tochter aber erst nach ihrer Hochzeit.“
    Aber das allererste Paar, das ich als Pastor im Hinblick auf seine Trauung getroffen hab, das ist jetzt auch im Scheidungskrieg. Aber so richtig, foll vett oder wie sie im Pott sagen. Kann ich ja grad noch mal froh sein, daß die damals aus einem spontanen Einfall heraus die kirchliche Trauung abgesagt haben.

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