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Sprache

Februar 8, 2012

„Sprache ist Macht,“ schrieb Victor Klemperer vor mehr als 70 Jahren. Wie Recht er damit auch heute noch hat, merkt man, lauscht man auf einer längeren Zugreise den Gesprächen der Deutschen Mitreisenden. Erkennt man sie nicht gleich am Dialekt, so fällt eine gewisse Einteilung doch spätestens, wenn sie über die Zeit zwischen 1945 und 1990 sprechen, leicht. Die einen werden von DDR-Zeiten reden. Das sind die, die in selber geboren oder zumindest aufgewachsen sind. Die anderen sprechen bestenfalls vom Osten. So ist die DDR, immerhin Geburtsort und Heimat jedes 6. Deutschen, 1990 nicht einfach nur von der Landkarte gestrichen worden; in den Köpfen von 5/6 der heutigen „Landsleute“ existiert sie nicht einmal dem Namen nach. Wie würden sich diese wohl fühlen, gäbe es von heute auf morgen kein Deutschland mehr? Entwurzelt? Dem Gefühl nach einer geringen oder nicht vorhandenen Wertschätzung ausgesetzt? Wissen die um die Respektlosigkeit, mit der sie ihren ostdeutschen Landsleuten begegnen? Einfach durch Sprache? Ich denke nicht. Bei den meisten ist es wohl Gedankenlosigkeit, Erziehung, Gewohnheit.

Und wie verfährt man mit den Erfahrungen, die Menschen in einem Land gemacht haben, dass bei 5 von 6 Deutschen der Sprache nach nie existiert hat? Sind diese erwünscht? Gebraucht? In den Köpfen überhaupt als Erbe vorhanden?

Übrigens, wenn diese 5 von 6 Deutschen von der Zeit ihrer Heimat zwischen 1945 und 1990 sprechen, dann nicht etwa von der BRD, dem Westen oder der Bundesrepublik. Sie sprechen dann einfach von früher. Ist doch klar, dass sie nicht den Osten meinen, oder?

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9 Kommentare leave one →
  1. Februar 8, 2012 1:44 pm

    Gut beobachtet.

    Aber wir Ossis müssen endlich aufhören usw. usf.

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    • Februar 9, 2012 9:28 am

      Ich wollte mich ja auch gar nicht beschweren. 😉 Hab das nur so festgestellt. Und mir so meine Gedanken gemacht. Und Fragen gestellt.

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  2. Februar 8, 2012 3:09 pm

    Mir waren und sind Erfahrungen aus dem Osten wichtig. Einfach um den aus ganz verschiedenen Gründen trüben Blick klar zu kriegen und verstehen zu können.
    Da helfen aber nur Gespräche, die Fragen und Antworten ermöglichen. Daraus können dann Brücken werden, auf denen man Gräben überschreiten kann.

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  3. Februar 9, 2012 2:54 pm

    ich durfte sieben jahre lang im osten leben, bis uns nun die arbeit in die berge geschickt hat. diese zeit – sie ist mir, aus dem westen stammend, ein heiliger schatz.
    sprechen wir darüber, irgendwann wieder nach deutschland zurückzukehren, fallen nie die namen westdeutscher städte. wir landen gedanklich immer im osten. mir gefällt das.
    …ich spüre, ich kann es nicht in worte fassen. verzeihung.

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  4. Februar 9, 2012 6:35 pm

    Ja, für mich wäre es auch gut, endlich anzukommen.
    Wie sagte jemand: Sprechen wir darüber. Ich denke, das ist genau das Richtige.
    Tja und ansonsten werde ich meinen zuküftigen Enkeln eben auch die Abenteuer der Ameise Ferdy von Ondrej Sekora vorlesen und so. 😀

    Liebe Grüße von der Gudrun

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  5. Februar 9, 2012 7:40 pm

    für uns war es nicht „normal“, daß es zwei deutschland gab, ddr war nicht unser land, obwohl wir dort brüder und schwestern hatten. unsere armen verwandten und freunde durften nicht reden, wie sie wollten, hatten keinen kaffee und vieles mehr, alles war grau und trostlos, und ihr ward zu bedauern. darum fällt es uns schwer, von der ddr zu sprechen, es gab sie, aber glücklicherweise gibt es sie nicht mehr! ich glaube nicht, daß es gedankenlosigkeit ist, nur einfach der wunsch, die besetzte hälfte wieder frei zu wissen.
    und wir wissen immer noch viel zu wenig voneinander, das merke ich immer wieder in blogs und gesprächen mit „euch von drüben“. daß die ddr heimat für jeden 5. deutschen ist, wird in deinem beitrag klar, danke!

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  6. Februar 10, 2012 1:51 am

    Wer die „Gnade der späten Geburt“ für sich in Anspruch nehmen kann, also etwa so ab 1990, für den ist die DDR sicher keine Erinnerung mehr, sondern eine Fußnote der Geschichte. War das nicht geplant? Wir sind ein Volk und so?
    Ich mein, ich bin Wessi, ich hab echt keine Ahnung. Null Beziehungen, wir hatten keine Verwandten in der DDR, keine Kontakte, nicht einmal jemanden, der einen „da drüben“ kannte. Für mich war das immer ein recht obskurer deutscher Staat, der sich in Sozialismus versucht hat, aber leider an einer üblen Clique von Diktatoren gescheitert ist. Was mich, als Menschen mit eher sozialistischer Grundhaltung, sehr genervt hat. Weil man gerne über Vollpfosten wie Gerhard Löwenthal gemeckert hat, aber leider immer zähneknirschend zugeben musste, dass der sozialistische deutsche Staat mit Ede Schnitzler und Konsorten locker dreimal so viele Idioten aufbieten konnte. Abgesehen von den fehlenden Bananen, den fehlenden Mallorcareisen und der Stasi, von der man nicht mal im Ansatz ahnte, wie sehr die das Land da drüben unter Kontrolle hatte, denn der hiesigen Propaganda konnte man als Linker ja auch nicht trauen.
    Ehrlich gesagt kann ich mit Heimatgedanken ohnehin recht wenig anfangen, wenn Deutschland morgen aufhört zu existieren und in einem vereinigten Europa aufgeht, dann solls so sein, das seh ich vollständig gelassen. Meine Heimat ist Hamburg, der Rest ist die Ergänzung, egal wie es grad heißt. Gerne auch ohne Grenzen und Schranken.
    Menschen verändern sich, Länder verändern sich, alles verändert sich.

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  7. Februar 10, 2012 7:15 am

    Wahrscheinlich wird die DDR öfter benamst, weil sie nicht mehr existiert. Für mich übrigens normalerweise nur mit doppelten Anführungszeichen, weil sie weder demokratisch war noch Republik, sondern eine Kasten-Oligarchie.
    Zumindest die Republik-Kritik trifft allerdings auf Frankreich auch zu.

    Nichtsdestotrotz: Menschen, mit denen ich meine Geschichte gelebt habe, brauche ich nicht ständig zu betonen, daß das in Südwestfalen war. Anderen schon, speziell auch den Franzosen um mich herum, die von Deutschland oft nicht viel mehr wissen als viele Amis, nur daß sie zum Urlaub statt zum Militärdienst mal nach Deutschland gefahren sind.

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  8. Februar 12, 2012 3:13 am

    Das ist sehr wohl klar. Aus den Zeiten, wo ich noch Kontakt mit meiner lieben Westverwandtschaft hatte, ist mir erst so Vieles klar geworden. Schon die Ansage: „Bei uns in Deutschland war das anders.“ A là: „Wir Herren – ihr Knechte“

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