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Verschwundene Literaten und Männer, die im Stehen pinkeln

Februar 4, 2012

Es ist unglaublich, wie sich manche junge Frauen zurechtmachen. Strümpfhöschen, hochhackige Stiefel und Minirock. Und so wollen die ein paar Stunden durch Paris wackeln? Bei der Kälte?

Ich zieh schön meine Skihose an (es ist eine Jethose, sieht also nicht ganz wie Wald aus) und den dicksten Pullover unter die Jacke. Lieber hässlich in Paris als schön tot, denken ich mir und stiefele los.

Auf dem Friedhof ist es in der Sonne dann fast ein bisschen zu warm.

Ich habe mich für den Montmartre entschieden. Der liegt nämlich um die Ecke und Heine liegt da auch, und Stendhal, Zola, Offenbach und(!) Francois Truffaud.

Ich studiere eingehend die Tafel am Haupteingang und fange an, zu suchen. Es ist ziemlich aussichtslos. Stendhal ist ja schon lange tot und sein Grab vielleicht schon etwas verwittert? Ich gebe auf, begebe mich in Section 21 und suche Heine. Ich suche ihn ziemlich intensiv und drehe fast noch die Grabplatten um. Nix. Dafür finde ich Zola. Der ist schön blank poliert (also ich meine jetzt das Grab) und nicht zu übersehen. Truffaud’s letzte Ruhestätte entzieht sich mir  natürlich auch.

Inzwischen ist es Mittag und Zeit, Richtung Stade de France zu fahren.

Wie die Londoner haben sich auch die Pariser ihr Rugbystadion an den Rand der Stadt gebaut, nach St. Denis. St. Denis ist ein schäbiger Vorort, die Bewohner größtenteils mit Migrationshintergrund. Hier gibt es natürlich auch keine Supermärkte, aber auch keine Boulangerien und Boucherien. Nur eine Handvoll Kneipen und in den Lebensmittelgeschäften nur Brot in Großpackungen für Großfamilien. Das Stadion steht auf der anderen Seite der Autobahn. Am Fluss sind viele Neubauten entstanden und den Kränen nach zu urteilen, sollen da noch ein paar hinzukommen.

Weil das mit dem Brot nicht geklappt hat, leiste ich mir ein Frankfurter Würstchen für schlappe 6 € und zum Runterspülen einen halben Liter Heinecken für 7! Dabei bin ich noch nicht mal IM Stadion. Aber die Beköstigung scheint eh außerhalb stattzufinden. Die berühmten französischen Blaskapellen, die man ja auch vom Fußball kennt, ich glaube die kommen alle aus Südfrankreich, bespaßen die Fans. Die Sonne scheint und die Wurst liegt jetzt auch nicht mehr so schwer im Magen. Als zwei berittene Polizisten des Wegs kommen, bläst der Trompeter einer der Kapellen zur Attacke und schwupps scheut eins der Pferde. Na, Messieurs, das müssen wir aber noch üben. Ein scheuendes Pferd in einer Menschenmenge, das kann böse ausgehen.

Bei den Franzosen lohnt sich auch Fangucken. Zwar gibt es hier keine Männer mit Röcken, aber dafür mit Hut. Beliebtestes Motiv: ein Huhn. Ich weiß, das soll ein Gockel sein, sieht aber aus wie ein Hunh.

Ich schaue den Herren auch beim Pinkeln zu. In Frankreich darf der Mann nämlich ganz Mann sein und man kommt seinem Bedürfnis, an Bäume zu pinkeln, mit Pissoirs nach. Dabei könne sich je vier Herren anschauen und unterhalten, während die Damen die Handschuhe halten und zugucken.

Ich habe einen recht guten Platz, ziemlich weit oben, aber das ist beim Rugby, um alles mitzukriegen, gar nicht so schlecht.

Es ist spannend. Die erste Halbzeit spielt sich zu 90% in der Französischen Spielfeldhälfte ab, aber die Italiener beißen sich an der Französischen Abwehr die Zähne aus. Die wiederum nutzen ein paar Konter für ein paar sehenswerte Versuche. Mist.

In der 2. Hälfte geht es etwas ausgeglichener zu, ich würde mal sagen, 60:40 für die Gäste, was man am Ende auch daran sieht, dass sie ihre Punkte ausschließlich durch Straftritte und einen Dropkick gemacht haben, aber die Franzosen legen die Versuche. So täuscht der hohe Endstand ein bisschen über den Spielverlauf. Die Französischen Fans fangen schon in der 62. Minute an, die Marsailleise zu singen, eigentlich warten die damit immer bis 10 min vor Schluss.

Was in Twickenham der Fuchs, sind im Stade de France 8 Tauben. Nur während der Fuchs seinerzeit verjagt wurde, bleiben die Tauben. Und zwar die ganze Spielzeit lang! Weichen auch erst im letzten Moment aus und manchmal, wenn sie dann im Tiefflug zu entkommen suchen, habe ich Angst um die Spieler. Aber alles geht gut. Die Tauben überleben und bei den Spielern gibt es auch keine schlimmen Verletzungen.

Nach dem Spiel gibt es kein fröhliches Erstürmen der Pubs wie in Edinburgh oder Cardiff, sondern alles fährt wie in London mit Metro oder RER zurück in die große Stadt und… zerstreut sich. Gut! Hierher muss ich also auch nicht mehr zum Rugby kommen. Außerdem ist es schweinekalt. So kalt, dass ich in St. Denis in den Baumarkt neben dem Stadion geflüchtet bin. Zum Aufwärmen! Ich glaube, so wie hier habe ich noch nie nirgends beim Rugby gefroren. Oder bilde ich mir da jedes Jahr ein?

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7 Kommentare leave one →
  1. Anja permalink
    Februar 5, 2012 5:11 am

    Kennst Du schon die Katakomben von Paris? Sind die alten unterirdischen Steinbrueche. Dort wurden nach und nach aus verschiedenen Friedhoefen Gebeine deponiert, als diese keinen Platz fuer Neuzugaenge mehr hatten. Sehr morbide Atmosphaere und nix mit Grabsteinen. Ja, ich habe mir gestern noch unsere alten Fotoalben angesehen 😉 Viel Spass noch in Paris!

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    • Februar 5, 2012 8:25 pm

      Da war ich noch nie. Gehoert habe ich aber davon. Ich war heute wieder oberirdisch unterwegs, obwohl es geschneit hat.

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  2. Februar 6, 2012 1:04 am

    Ha! Die hab ich vorgestern noch bei Edeka gesehen. Microminiröckchen, Jäckchen, Stiefelchen und hauchdünne schwarze Netzstrumpfhosen, den Personalausweis für die drei Flaschen Rotkäppchen schon in der Hand. Bei der Aufmachung hätte ich einen Gang nur zum Auto schon für unzumutbar gehalten bei diesen Temperaturen, aber ich bin ja keine Frau 😀

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  3. Februar 7, 2012 8:11 am

    Pariser Friedhöfe sind extrem unübersichtlich, das hab ich in Montparnasse festgestellt.
    Zum Sport sag ich nix.
    Saint Denis ist aber eigentlich kein schnöder Vorort, sondern die Grablege der französischen Könige seit dem 6. Jahrhundert, ähnlich wie Speyer zur Zeit der Salier. Der Abt von Saint Denis war in Frankreich, was der Abt von Westminster in England war: Abt der wichtigsten Abtei des Landes. (Und der Erzbischof von Sens kommt dem Erzbischof von Canterbury gleich, aber das ist ein anderes Thema. Der Abt von Saint Denis hat seine Kirche ein paar Jahre früher gebaut; dafür war Sens von Anfang an Kathedrale. Saint Denis erst 1966. :D)

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    • Februar 7, 2012 11:47 am

      Dann war ich wohl an der falschen Ecke. Ich bin von der Metro aus Ruchtung Centre Ville gelaufen. Vom Stadion aus habe ich dann in der Ferne eine Art Burg gesehen, wahrscheinlich die BAstille, von der ich im Reiseführer gelesen hatte. Also die vin St. Denis, kann natürlich auch eine überdimensional große Kirche gewesen sein.

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