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Als ich noch nach Rumänien fuhr

Februar 1, 2012

oder Reisen bildet

Wie hier schon mehrmals anklang, bin ich früher oft nach Rumänien gefahren. Es war eine Zeitlang, bis zur Wende, als sich plötzlich ganz andere Reiseziele auftaten, sogar mein Lieblingsurlaubsland. Und das, obwohl es mir vorher noch als das Übelste galt. Aber da bin ich jeweils nur durchgefahren, und zwar so schnell als möglich. Trotzdem ließ es sich schon damals nicht vermeiden, dass ich irgendwann mit Menschen ins Gespräch kam, was an meiner Art zu reisen lag, und einige Dinge gerade gerückt wurden.

Ab in den Süden, so weit es geht

Später, als ich in Rumänien Freunde hatte und jeden Sommer hinfuhr, empfand ich die herrschenden Verhältnisse als immer übler, lernte aber die Menschen zu mögen und zu unterscheiden. Das ist ja irgendwie auch der Sinn des Reisens, dass man durch persönliche Kontakte seine, so vorhandenen Vorurteile abbaut. Und hat man erst genügend solche Erfahrungen gemacht, bei dem einem mag da eine reichen, bei anderen wird es wohl länger dauern, weiß man, dass die Menschen von der bestehenden Ordnung getrennt zu betrachten sind, auch wenn sie das natürlich nicht von einer gewissen Mitschuld an der Existenz genau dieses Systems befreit, und Vorurteile genau das sind, was ihr Name sagt. VOR-UR-teile.

Die erste Begegnung mit dem Land meiner späteren Urlaubsträume hatte ich mit 17, als ich mit Freunden mit dem Zug nach Bulgarien fuhr. Als wie die ungarische Grenze überquert hatten und uns auf Oradea, dem ersten Haltepunkt in Rumänien zu bewegten, standen auf den Gleisen Kinder und bettelten. Der Zug fuhr dort ziemlich langsam und die Kinder, Hunderte Kinder, sprangen zwischen den an die 30 Gleisen rum und schrien nach Gumm (Kaugummi), Blutsch (Jeans) und Zigarett.

Ich war entsetzt. Wir waren entsetzt. Zwar machten wir uns unsere eigenen kritischen Gedanken zum Sozialismus, waren aber noch stark geprägt von unserer systemkonformen  Erziehung. So hatten wir zwar davon gehört, dass es in Kiew, wohin jährlich Freundschaftszüge fuhren, Bettler geben soll, gesehen hatten wir sowas aber noch nie. Unser aller Auslandserfahrung beschränkte sich damals auf Polen und Tschechien und da hatten wir so etwas nie gesehen. Und Bettler. Bettler gab es nach unserem Verständnis nur im Westen. Wer hier im Osten bettelte, war selbst Schuld.

Und wir kamen ja aus Leipzig, wo es durchaus Kinder gab, die Messebesucher um Kaugummis anbettelten. Aber so massiv und lebensgefährlich (die Gleise waren ja nicht „tot“) wie das hier geschah…

Später bin ich nach Bulgarien getrampt und sah jedesmal zu, dass ich Rumänien so schnell als möglich durchquerte. Eigentlich versuchten wir ab Mosonmagyaróvár, einem Nest an der ungarisch- tschechischen Grenze, wo die Fernlaster aus dem Osten und Westen lang mussten, einen Lift bis Bulgarien zu kriegen bzw. gingen wir bei der Heimfahrt direkt zum Hof einer Bulgarischen Spedition, um wenigstens bis Ungarn zu kommen.

Einmal trampten wir zu Sechst, jeweils in Zweierpärchen und wir hämmerten den anderen, mit denen wir uns in der 2. Höhle rechts hinter der letzen Taverne in Melnik treffen wollten, ein, ja zuzusehen, dass sie so einen „Durchgänger“ erwischen.

Reisen mit leichtem Gepäck, hier auf dem Weg nach Polen

Aber das klappte nicht immer. So saßen wir z.B. einst ausgerechnet am Rande von Oradea und aßen. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass wir damals mit „leichtem Gepäck“ trampten: ein Jägerrucksack mit etwas Wechselwäsche, einem Messer, einer Blechtasse, ein paar Konserven und Brot, eine Trinkflasche, ein Schlafsack und zwei drei Mülltüten als Unterlage, falls der Boden feucht war. Isomatten gab‘s noch nicht und bei Regen galt es, irgendwie ein Dach überm Kopf zu finden.

Wir saßen also am Straßenrand und machten uns über eine Konserve her, als Kinder kamen und bettelten. Ziemlich aufdringlich. Als eins nach dem Brot griff, rasteten wir aus und verjagten es. Die Kinderschar verschwand kreischend in einem der Höfe. Als sich kurze Zeit später das Tor erneut öffnete, ihm ein Mütterchen entschlüpfte und auf uns zukam, erwarteten wir eine Entschuldigung für die Enkel. Stattdessen bettelte uns das Mütterchen an! Wir waren entsetzt, entrüstet, erbost. Schnappten unsern Krempel und zogen schimpfend weiter. Auf die Idee, wie verzweifelt diese Menschen sein müssen, kamen wir überhaupt nicht. Stattdessen bestärkten uns solche Erlebnisse, von denen wir unzählige hatten, immer wieder in unserer Überzeugung, dass die „Rumänen“ übel seien.

Wir waren ziemlich überheblich.

Das Land und seine  Menschen machten uns aber auch Angst. So warf sich mein Bruder verzweifelt vor den letzten Truck, der in Lom die letzte Fähre des Tages verließ, um Richtung Ungarn zu fahren. Denn Lom, das war der Übelste aller Orte. Dort durfte nichts draußen am Rucksack hängen. Wenn doch, wie einmal bei mir, schnappten die Kinder danach und rissen es ab.

So hatte ich ziemlich schlechte Erfahrungen mit dem Land und den Leuten gemacht, als uns auf dem Weg nach Timesoara  mal ein Geschichtsprofessor mit nahm. Er war Rumäne und erzählte uns viel zur Geschichte des Landes. Er rückte mein Bild von den „Rumänen“ ins rechte Licht, mein völlig falsches im Geschichtsunterricht angeeignetes Bild der Deutschrumänen auch,  und dass es auch eine ungarische Minderheit im Land gab, lernte ich erst von ihm so richtig.

Als er aber die Deutschen und Ungarn ob ihrer Tüchtigkeit lobte, rief das meinen Protest hervor. So übel ich die Rumänen fand, niemand konnte mir erzählen, dass ein ganzes Volk faul sei. Das sei es auch nicht, klärte er mich auf. Aber, während die Deutschen  größtenteils zurück nach Deutschland gegangen wären, die Ungarn die Unterstützung des „Mutterlandes“ hätten, hätten die Rumänen gar keine Perspektive. Auf welche Zukunft sollten sie hoffen? Auf wessen Hilfe vertrauen? Ceausescu hatte nicht nur das Land ruiniert, sondern offenbar auch den Willen seines Volkes gebrochen. Und es seiner Würde beraubt. Und niemanden, niemanden schien das zu interessieren.  Die sozialistischen Bruderstaaten sowieso nicht. Und der Westen? Der mischte sich damals nicht sonderlich in die Angelegenheiten der Länder hinter dem sogenannten eisernen Vorhang.

Ich schaute hinaus auf die eingezäunten Obstplantagen, auf die LKWs, auf denen Menschen zur zwangsweisen Arbeit auf diesen gebracht wurden, auf die Pferdekarren, die plötzlich alle Romantik verloren hatten. Ich gebe zu, ich  war geschockt von dem in den letzten drei Stunden Gelernten. Der Professor hatte nicht nur meine Sicht auf die Rumänen umgekrempelt sondern auch mein Geschichtsbewusstsein von der deutschen Minderheit, die sich mir, so hatte es sich bei mir im Unterricht manifestiert, immer als eine Art nicht integrationswillige Besatzer darstellten. Davon, wie sie tatsächlich ins Land gekommen waren und wieso sie größtenteils in der Wehrmacht dienen mussten, davon, wie mit ihnen nach dem Krieg verfahren worden war, davon hatte mir kein Geschichtslehrer etwas erzählt. Auch nichts von der Angst der Minderheiten, und schon gar nichts von der Hoffnungslosigkeit der Rumänen.

Das war der letzte Sommer, in dem ich nach Bulgarien trampte. Als ich das nächste Mal meinen Fuß auf Rumänischen Boden setzte, tat ich das, um dort, genau dort, Urlaub zu machen.

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12 Kommentare leave one →
  1. Februar 1, 2012 10:14 am

    Ergreifend – ich find kein anderes Wort. Aber im Moment bin ich von fast allem ergriffen, was Leben (insbesondere auch mein Leben in der DDR) betrifft.

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  2. Brigitte permalink
    Februar 1, 2012 1:19 pm

    Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, sind die grausamen Bilder aus rumänischen Kinderheimen. Man fragt sich immer, wie es soweit kommen konnte. Aber das frage ich mich im Moment auch bei N.ordk.orea.
    Liebe Grüsse an einem frostigen Mittwoch!

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    • Februar 1, 2012 7:30 pm

      Die Bilder aus den Kinderheimen bekam man ja erst nach der Wende zu sehen. Ich war in den 90ern in einem Krankenhaus, das voll funktionsfähig war aber kein Dach hatte (!!!) und in einer Psychiatrie. Da war aus einem Urlaub unvermittelt eine Bestandsaufnahme für die Gründung eines Hilfsvereins geworden. Ich werde darüber mal bei Gelegenheit berichten.

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  3. Februar 1, 2012 3:16 pm

    An ähnliche Begebenheiten kann ich mich auch erinnern. Ich war auch in Rumänien und ich hatte auch die Waffen an der Grenze zu Bulgarien gesehen. Dinge, über die niemand sprach, damals.
    Es ist gut, dass du über das Land geschrieben hast, liebe Inch. Ich hatte es einwenig vergessen.

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  4. Februar 1, 2012 4:00 pm

    Vielen Dank für die eindrückliche Beschreibung. Kannst du dir vorstellen, dass es mir ähnlich gegangen ist, wenn ich vor über 30 Jahren am U-Bahnhof Friedrichsstrasse ausgestiegen und zum Alex gelaufen bin. Zwei Welten trafen da aufeinander, wenn man nach Jeans etc. gefragt worden ist. Richtig kapieren kann man das erst, wenn man sich die Mühe macht, genau hinzusehen und – wie du nach Rumänien – hinzugehen.

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    • Februar 1, 2012 7:35 pm

      Ja, in etwa schon. Aber nicht ganz. Ich nehme an, es gab in Deinem Umkreis genügend Negativberichte über den Osten. Für mich stürzte ein weiteres Teil eines Kartenhauses zusammen (im selben Jahr war ich ja Pfingsten festgenommen worden, –> https://inchtomania.wordpress.com/2011/06/21/tatortbesichtigung/), die ich aus einem Pro-sozialistischen Elternhaus kam. Und wir alle waren ja so erzogen, dass wir das, was wir in Rumänien sahen, gar nicht für möglich gehalten hatten. Nicht im Osten! Wo es doch Arbeit etc für alle gab!!!

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      • Februar 1, 2012 8:18 pm

        …als die Haare gegen Ende der 60er länger und wir Buben aufmüpfiger wurden, hörten wir es gebetsmühlenartig: „…wenns dir hier nicht passt, geh doch nach drüben, da wirste schon sehen…“. Ausserdem wurde von den CDU Regierungen keine Gelegenheit ausgelassen, den Osten des Landes zu diskreditieren nach dem Motto: Unzuzlänglickeiten an die grosse Propagandaglocke hängen und das Positive geflissentlich zu verschweigen.

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  5. Februar 1, 2012 8:22 pm

    Liebe Inch, danke für diese eindrucksvollen und beklemmenden Geschichten. So weit bin ich früher nie gekommen, gerade bis nach Ungarn. Mein Bruder, etwas älter, trampte auch zum Wandern und Klettern nach Rumänien und Bulgarien, mein Cousin verunglückte dabei.
    Vielen Dank für die Geschichtslektionen. Von einer ungarischen Minderheit in Siebenbürgen wusste ich bisher nichts.

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  6. Februar 2, 2012 12:00 am

    Für Rumänien habe ich mich erst näher interessiert, nachdem ich einen Bericht über die Gruppe Fanfare Ciocărlia gesehen hatte, die Herzlichkeit der Menschen dort hat mich schwer an meine Urlaube in Jugoslawien erinnert.
    Der Ostblock war in der westlichen Wahrnehmung überwiegend grau und völlig verarmt, dass auch in Rumänien Gras und die Bäume grün, das Wasser blau und der Schnee weiß ist, hätte niemand für möglich gehalten.
    Folglich will da auch niemand hin und sich über den Rest ein eigenes Bild machen, schön dass Du es gemacht hast.

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  7. Februar 4, 2012 11:50 am

    Da ich dich in verschiedenen von mir geschätzten Blogs schon immer mal als Kommentar gelesen habe, bin ich nun endlich mal zum Original gegangen und habe neben einigen anderen Posts auch diese ergreifende Geschichte von Rumänien gelesen. Ich habe ja die gleichen Wurzeln wie du und so manche andere deiner Kommentatoren hier und sogar viele ähnliche Erfahrungen gemacht wie du, denn wir waren eine sehr reiselustige Familie, die mit ihrem Wartburg Tourist alle erlaubten Länder besuchte. Rumänien fand ich immer sehr beklemmend und auch beängstigend, weil dort der „Negativ-Sozialismus“ mit seinem Personenkult um Ceaucescu (wird der so geschrieben?) noch 100mal weiter war als in der DDR.
    Gerade mit Oradea hat sich mir jedoch eine lustige Erinnerung eingeprägt. Wir hatten uns verfahren und fragten genau nach dem Weg in diese Stadt – und sprachen es so aus, wie man es spricht. Kein Mensch verstand uns. Erst als wir auf der Karte den Namen der Stadt zeigten, wurde uns geantwortet: Ach, nach Oradshia, gerade aus und …. so kann es gehen, wenn man nichts von der Landessprache spricht.
    Nachdenkliche Grüße schickt dir
    Clara H.

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    • Februar 9, 2012 8:09 am

      Hallo Clara!
      Etwas verspätet (ich war ein paar Tage in Paris, wo ich zwar postete, aber kaum selber las) heiße ich Dich willkommen auf meinem Blog.
      Ja, das mit der Aussprache ist so eine Sache. Ich hatte so ein ähnliches Erlebniss mal an der polnisch-slowakischen Grenze, wo niemand verstand, wo ich hinwollte. Als ich den Slowaken dann den Zettel mit dem Ortsnamen zeigte, lachten die sich schlapp…

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