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Kennen Sie Korond?

Januar 27, 2012

Jeder, der wie ich im östlichen Teil unseres Landes groß geworden ist und auch schon vor 1989 gern Richtung Süden verreiste, kennt sie: Die netten folkloristischen tönernen Mitbringsel aus Ungarn, Rumänien und Bulgarien.

In wohl jedem Haushalt fanden sich töpferne Becher und Flaschen oder Krüge, wahlweise in „schlichtem“ Braun oder bunt bemalt. Die meisten dieser Dinge dürften irgendwann nach 1989 den Weg in die Mülltonne gefunden haben. Bei mir jedenfalls war es so. Außer!

Außer.

Das Geschirr aus Korond.

Korond ist ein kleines Dorf in Siebenbürgen und galt und gilt als größtes Töpferzentrum im ungarischen Sprachkreis. Das Handwerk selber aber existiert, begünstigt durch die örtlichen Tonfunde,  schon mindestens seit dem Mittelalter. Die Abgeschnittenheit des Ostblocks ermöglichte nach dem Krieg die Erhaltung der Szekler Farbmuster in reinster Kultur.

Heute sollen 750 Familien in Korond vom Töpferhandwerk leben. Allerdings stellen die auch viel „Touristenware“ her, Waren ohne Funktionalität und Authentizität.

Als ich 1995 zum ersten und einzigen Mal den Ort besuchte, war das zum Glück noch nicht so.

Doch ich besaß ja schon vor 1989 Einzelstücke. Also der Reihe nach.

In den 80er Jahren fuhr ich viel zum Bergsteigen nach Rumänien. In Miercurea Ciuc hatte ich Freunde, die zur ungarischen Minderheit gehörten,  und jedesmal, wenn ich sie besuchte, um anschließend mit ihnen irgendwo rum zu klettern oder zu bergsteigen, begleitete mich zusätzlich zu meinem Rucksack eine riesige Reisetasche mit Geschenken. Das waren zum einen vor allem Medikamente. Aber auch Süßigkeiten für die Kids, Milchpulver und Konserven fanden ihren Weg in das Land, in dem die Bevölkerung damals nur über Bezugsscheine an Lebensmittel kam, und zwar nur solange, wie welche vorrätig waren. War der Bäcker leer, gab’s auch kein Brot mehr. Bezugsschein hin, Bezugsschein her.

Kaffee für die nach den Bergtouren obligatorischen Besuche bei den Verwandten meiner Freunde und Zigaretten, die halfen, so manche Tür zu öffnen, komplettierten den Inhalt der Reisetasche.

Fuhr ich nach drei oder vier Wochen wieder nach Hause, blieben jedesmal meine Isomatte und diverses Equipment im Land.

Natürlich wollten meine Freunde mich nicht mit leerer Reisetasche nach Hause fahren lassen. Sie komplett zu füllen, haben sie zwar nie geschafft, ein paar Geschenke wanderten aber immer wieder mit zurück nach L.E.

Kuscheltiere fürs große Kind, ein Zelt, das die Wende um 7 Jahre überlebte, so gut war es, und sie nähten mir einen wirklich tauglichen Kletterrucksack, den ich heute noch benutze!

Und dann sah ich in einem Schaufenster dieses Geschirr! Der Versuch, es selber käuflich zu erwerben, scheiterte an meinen Freunden, die es mir sofort schenkten. Von da an fanden jedes Jahr auch ein paar dieser wunderschönen handbemalten Teller den Weg in meine Küche. Nicht die mit den rot braun gelben Naturfarben bemalten, sondern die mit schlichten blauen Ornamenten oder Vögeln verzierten Stücke.

Dann kam die Wende und mein erster Jahresurlaub führte mich 1990 nach Finnland.

Plötzlich gab es so viel zu sehen, besonders in Frankreich und Italien, die für ein paar Jahre Rumänien als mein liebstes Reiseziel ablösten.

Gleichzeitig wuchs das schlechte Gewissen. Und dann beschlossen wir, da noch mal hinzufahren. Nur für eine Woche. Im Twingo ging es Richtung Südosten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Als es jedenfalls wieder Richtung Norden ging, stand fest, wir müssen nach Korond! Den Ort, wo diese wunderbare Keramik in Handarbeit hergestellt wird, mit eigenen Augen sehen.

Es war Oktober und wir trafen ziemlich zeitig in dem damals noch verschlafenen Ort ein. So zeitig, dass es noch duster war und alle Höfe fest verschlossen.

Trotzdem fielen wir natürlich auf. Das erste Mütterchen öffnete die Tore zu ihrem in einer Garage eingerichteten Verkaufsraum. Es war ein Paradies. Teller, Tassen, Untertassen, Müslischalen, Kompottschälchen, Eierbecher, eine riesige Bodenvase. Alles wanderte auf den Tisch an der Kasse. Das war zu einer Zeit, da kosteten in Rumänien 40l Benzin umgerechnet 5 DM. Ein Teller, handgetöpfert und bemalt, umgerechnet 30 Pfennige. Das war fast ein bisschen peinlich, begünstigte aber unser beider Kaufrausch.

Doch!

Als wir die Garage verließen, war unsere Anwesenheit nicht unbemerkt geblieben. Die, damals schätzungsweise, 20 Töpfer an der Hauptstraße standen vor ihren mittlerweile geöffneten Verkaufsräumen und schauten uns erwartungsvoll an.

Mist.

Kein Käufer außer uns weit und breit.

Also bequemten wir uns in jeden Laden und kauften überall, wirklich überall etwas. Eine große Schüssel, noch mehr Tassen, noch mehr Teller, große Tassen, eine Zuckerdose, eine Butterdose und dieses Schmuckstück hier:

Dann mussten wir die Rucksäcke aus dem Kofferraum auf die Rückbänke legen; wir brauchten den Platz für die Keramik.

Und nun stellen Sie sich vor: Zwei Frauen kommen mit dem Twingo an die erste Grenze. Damals war das nicht gerade das beliebteste Urlaubsreiseland und dann auch noch zwei Frauen, allein, und hast DU eigentlich schon mal so einen Renault gesehen? Nein? Gucken wir mal rein.

Papiere zeigen, Autochen auf machen. Kofferraum bitte.

VORSICHT!!!!

Zerstöre nie die Jagdbeute zweier Frauen!

Behutsam schließen die Rumänischen Beamten den Kofferraum.

100m weiter das nächste Spiel. Zwar hatten die Ungarn nicht dieses Defizit hinsichtlich französischer Automarken, aber zwei Frauen? Allein? Mit denen kann man sich etwas länger beschäftigen.

Papiere. Autochen auf. Ja, auch den Kofferraum.

Wir schauen den Beamten streng zu, übernehmen gegebenenfalls lieber selber das Ein-und Auspacken. Frau weiß ja, wie grobmotorisch Männer sein können.

Ein paar Stunden später die nächste Grenze.

Was suchen die eigentlich alle im Kofferraum? Wir hätten hier vorn locker 4 schnuckelige Rumänische Rugbyspieler verstecken und durch schmuggeln können, wenn das Autochen nur groß genug wäre.

Und Lust, den Jungs beim Bewundern unserer Keramik zuzugucken, haben wir auch keine mehr.

Also sitzen wir beide vorn, als es hinten klimpert!!!

Zwei spitze Aufschreie wie aus einem Mund!

Unsere Köpfe drehen sich blitzschnell nach hinten und wir fixieren den Beamten wie Schlangen ein Kaninchen. Der erstarrt. Alles gut!, presst er hervor. Nichts kaputt! Und schließt behutsam den Kofferraum.

Als wir am Tschechischen Zoll sind, gucken wir dermaßen finster, entnervt und hysterisch, dass sich niemand traut, in den Kofferraum zu gucken. Und an der Deutschen Grenze glaubt eh niemand, dass es irgendetwas gäbe, was man aus Rumänien ins Land schmuggeln könnte.

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Ps.: Heute habe ich vom damaligen Einkauf noch ein paar Dinge wie den Herrn weiter oben, die Bodenvase und die große Salatschüssel, ein paar Teller und Tassen unterschiedlicher Größe, die Zuckerdose und zwei Eierbecher. Da wär’s fast an der Zeit, mal wieder nach Korond zu fahren. Im Internet aber lese ich mit Schrecken von den 750 Familien, die heute davon leben. Sei’s ihnen gegönnt. Schade ist nur, dass sie sich auf nutzlose Dinge, die der Tourist gern mitbringselt, spezialisiert haben. Etwas über 20 Jahre scheinen zu reichen, um lang Erhaltenes zu zerstören. Vielleicht sollte ich in diesem Sommer doch noch schnell in jene urwüchsige Gegend in Rumänien fahren, von der ich seit 30 Jahren träume.

Obwohl, wenn ich dann darüber berichte, bin ich dann nicht Teil der Zerstörung?

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16 Kommentare leave one →
  1. Januar 27, 2012 12:14 pm

    Töpferkram an Touristen zu verkaufen ist in vielen Ländern ein beliebter Broterwerb, Dänemark, Spanien, Norwegen, überall findet man am Straßenrand irgendwelche Vasenverkäufer. Ich hab mich immer schon gefragt, wer so viele Vasen braucht. Man sieht auch selten jemanden etwas kaufen.
    Scheinbar müssen nur die richtigen Kunden kommen, die warten alle auf Dich 😀

    Die Teller find ich allerdings sehr schick, damit kann man ja auch etwas anfangen.

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    • Januar 27, 2012 1:35 pm

      Vasen sind Staubfänger. Tassen, Teller und Eierbecher Gebracuhsgüter. Und die Vasenverkäufer in Dänemark und sonst wo hätten wohl kaum Freude an mir, weil ich eh nur Zeugs aus Korond, und zwar das Blaue, nehme und das aus Pulsnitz, und zwar das mit ohne Kreisen.
      Püh

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  2. Brigitte permalink
    Januar 27, 2012 1:12 pm

    Konrod habe ich noch nie gehört. Ich war auch noch nicht in Rumänien. Der ganze Osten ist bei mir noch weiße Landkarten, ehrlich gesagt. Das kommt davon, wenn man einen Frankophilen zum Mann hat. Aber ich bin auch gerne bei den Nachbarn!
    Übrigens hätten wir auch noch ein komplettes Kaffeeservice „Ro.sen.thal 2000“ zu bieten. Benutzen will es keiner, da in die Eieruhr-fömigen Tassen ungefähr zwei Schluck Kaffee hineingehen und man als Gastgeberin besser Rollschuhe anzieht, damit keiner durstig vom Tisch aufsteht. Und dann noch das Essservice „Bo.nn“, allerdings ohne Schüsseln, die haben den Absturz der Besteckschublade leider nicht überlebt.
    Liebe Grüsse und ein schönes Wochenende wünsch ich Dir!

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  3. Januar 27, 2012 2:20 pm

    Das war sehr interessant :-). Ich erinnere mich auch dunkel, solches Geschirr schonmal gesehen zu haben. Keine Ahnung bei wem… Meine Familie hat es nie bis Bulgarien geschafft und ich bin zu jung. Meine weiteste Reise gen Osten ging an den Balaton (nach der Wende).

    Bist du das auf dem einem Bild? Süß, vor allem die Frisur 😉

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  4. Januar 27, 2012 3:08 pm

    Oh, da würde ich gerne mit kommen. Ich war schon einmal in Rumänien und mir hat es dort gefallen. Ich ahne bloß, dass die Armut noch mehr zugenommen hat, besonders abseits der Touristenhochburgen.

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    • Januar 27, 2012 8:27 pm

      Das hatte ich 1995 auch vermutet. Den Leuten ging es aber besser. Zum Beispiel gab es da nicht mehr dieses massive Betteln. Ich war allerdings auch hauptsächlich in Kleinstädten und auf dem Land… Bukarest bot und bietet sicher ein ganz anderes Bild

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  5. Januar 29, 2012 12:59 pm

    Ich kenne aus jenen Gegenden lediglich das Porzellan aus Herend in Ungarn. Mal sehen, was Montenegro in dieser Hinsicht an landestypischem zu bieten hat. In Podgorica habe ich jetzt nach einer Woche einen ersten groben Überblick und soviele Klamottenläden habe ich in noch keiner Stadt gesehen.

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    • Januar 29, 2012 1:22 pm

      Na wenn es landestypische bzw im Land genähte Klamotten sind, beneide ich Dich. Schlimm ist es, wenn man wohin kommt und findet H&M. Pimky, Orsey usw.

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      • Januar 29, 2012 1:47 pm

        Auf den ersten Blick habe ich die allgegenwärtigen Markenläden, die man mittlerweile in jeder grösseren Stadt weltweit findet, noch nicht gesehen, die Markennamen allerdings leider schon

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  6. Januar 30, 2012 11:48 pm

    Die Teller sehen aus wie seltene Einzelstücke! Schade, wenn heute alles touri-kommerzialisiert (Ramsch) wird, es geht so viel Tradition dabei verloren!

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    • Januar 31, 2012 7:39 am

      Das sind sie prinzipiell auch. Da wurde nichts maschinell hergestellt. Alles Stück für Stück getöpfert und handbemalt.
      Was den Touriramsch angeht, so verstehe ich die Menschen, die sich offenbar in Korond angesiedelt haben, schon. Rumänien ist so ein armes Land, da steht es jedem zu, an dem reichen Touristen zu verdienen. Und die wollen ja größtenteils billig kaufen. (Gut, das war es vor 17 Jahren auch, aber ich hätte da auch mehr bezahlt, bin ja extra des Geschirrs wegen hingefahren) Auf Authentizität kommt es den meisten nicht an. Es soll nach Rumänien aussehen, basta. Und wie Rumänien aussieht, bestimmen letztendlich die Touristen.
      Schade ist eben nur, dass sich die traditionelle, authentische Kultur nicht parallel dazu halten kann. Heute soll es in Korond noch eine Familie geben, EINE, die nach alt hergebrachter Weise töpfert, färbt und malt. DAS ist erschreckend.

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      • Januar 31, 2012 2:40 pm

        Zitat: …Und wie Rumänien aussieht, bestimmen letztendlich die Touristen….Schade ist eben nur, dass sich die traditionelle, authentische Kultur nicht parallel dazu halten kann

        Genau hier liegt das Problem. Natürlich geht es (nicht nur in Rumänien, auch z.B. in Mexiko) um’s wirtschaftliche Überleben. Somit wird billige, lieblose Massenware hergestellt, adapiert an den jeweiligen „Zeitgeist“ der Touris, die ja auch nur wenig für Souvenirs ausgeben wollen, und irgendwann kauft man dann z.B. einen Sombrero „Made in Corea“. Warum? Weil die Familienbetriebe sich nicht mehr getragen haben und ein Grossimporteur übernimmt den Markt.

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