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Das ist kein Tampon

Januar 20, 2012

Vierachtel rannte letztens mit Kopfschuss rum und befürchtete die Blicke der Passanten. Das hat mich an eine weit zurückreichende Zahn-OP erinnert.

Die Geschichte trug sich zu, als ich schon erwachsen, ja sogar schon Mutter des großen Kindes war, aber lange vor der Zeit, da ich begann, regelmäßig zum Zahnarzt zu gehen. Das tue ich nämlich erst, seitdem ich mit einem im selben Haus wohne.

Wie Sie sich vorstellen können, vielleicht sogar aus eigener Erfahrung wissen, kommt es, lässt man sich das Gebiss nicht regelmäßig durch checken, zwangsläufig zu im Schnitt aller 5-7 Jahren auftretenden Katastrophen an den Beißerchen.

So auch  bei mir. Weihnachten und langsam einsetzende Zahnschmerzen. Das ist die Horrorversion. Zumal wir ja damals noch in der DDR lebten und es um die Zeit rum all die das Jahr über gesammelten Leckereien gab. Aber nicht nur deshalb, also aus Verfressenheit, habe ich mir mit Schmerzmitteln über die Feiertage geholfen. Ich hegte damals auch eine gewisse Abneigung gegen diese Art Arztbesuche.

Als die Schmerzmittel nicht mehr halfen, das Problem zu verdrängen und meine linke Wange auch zu bedrohlichen Ausmaßen angeschwollen war, musste ich einsehen, dass der Gang zum Zahnarzt unumgänglich war.

Ich erspare Ihnen Details der OP, habe ich das meiste doch selbst erfolgreich verdrängt. Nur soviel: sie dauerte 1,5 Stunden und der mit dem Meißel hantierende durchaus attraktive junge Mann hatte am Vorabend ordentlich Knoblauch gefuttert.

Als ich die Praxis verließ, hatte ich einen Zahn weniger , an der Stelle, wo er über die Feiertage für Ärger gesorgt hatte, saß ein Inlett, welches, damit ich es nicht ausversehen verschlucke, mittels Faden, der aus dem Mund zur linken Wange führte, an dieser festgeklebt, sozusagen verankert, war.

Damals besaß noch nicht jeder DDR-Bürger ein Auto. Zwar hatte ich sofort, als ich geschieden war, eine Fahrzeug beantragt (der Lada war im Besitz des Ex-Gatten verblieben), aber die Scheidung lag eben erst 6 Jahre zurück.

Ich fuhr also mit der Straßenbahn. Täglich zweimal. Einmal hin zur Praxis, einmal zurück nach Hause.

Kennen Sie den Witz mit dem Tampon? Ich musste jedesmal, wenn ich das Haus verließ, daran denken. In den stets überfüllten Straßenbahnen drängelten die Passagiere regelrecht, um ja einen genauen Blick auf mich und den Faden zu erhaschen. Sie bauten sich vor mir auf und starrten mich fasziniert, fragend und belustigt an. Eine Frau nahm sich gar die Zeit, mich auch von links und rechts zu betrachten, entschuldigte sich aber immerhin für ihre Neugier und ließ nicht unerwähnt, dass sie so was ja wohl noch nie gesehen hätte.

2 Wochen bin ich mit dem Faden im Mund  rum gerannt. Die Einladung zur Silvesterparty habe ich ausgeschlagen. Regelmäßig zum Zahnarzt bin ich wegen dieses Erlebnisses in den folgenden Jahren aber nicht gegangen. Das mache ich, wie oben erwähnt, erst, seit dieser im selben Haus wohnt.

Aber heute würde mir auch keiner mehr einen Faden aus dem Mund gucken lassen. Oder doch?

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6 Kommentare leave one →
  1. Januar 20, 2012 9:52 am

    Liebe Inch,
    ich sitze jetzt hier vor meinem Rechner und muss lachen, nicht über den Faden, aber ich kann mir ganz genau deinen Gesichtsausdruck vorstellen, den du in der Straßenbahn deinen Gutachtern gegenüber hattest.
    Liebe Grüße von der Gudrun

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  2. Januar 20, 2012 11:30 am

    🙂
    Ich glaube, so was machen die heute nicht mehr. Fäden aus dem Mund baumeln…Wenn es nur kurz nach der oP wäre, hätte man Taxi fahren können. Die gabs ja ooch nich im Osten, ich weiß.
    Am Ende hat’s dich stärker gemacht, bestimmt 🙂
    (Lass sie reden…)

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  3. Januar 20, 2012 11:47 am

    An der Wange festgeklebt? Man hätte den Faden vielleicht auch ans Ohr binden können, so als natürliche Halterung. Wäre ähnlich unauffällig gewesen, aber noch lustiger (für das Publikum natürlich nur). 😀
    Erinnert mich leider daran, dass es mit meiner Zahnrenovierung langsam mal weitergehen sollte, bevor es wieder zu den leidigen Auswirkungen kommt die sonst nur alle 5-7 Jahre auftreten. Aber von Zahnärzten bin ich halt ebenso begeistert wie Du, nur hab ich keinen im Haus.

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  4. Brigitte permalink
    Januar 20, 2012 2:01 pm

    Und ich bin sogar mit meine Zahnarzt BEFREUNDET, was dazu führt, dass er während der Behandlung munter auf mich einredet und ich mit offenem Mund zustimmende oder ablehnende Grunzlaute von mir gebe. Und dieses Jahr musste meine altehrwürdige Brücke erneuert werden und darum habe ich mit meinem Mann leider keine eine oder zwei schicke Wochenendtrips in benachbarte europäische Großstädte unternommen oder war in keinem Spa an irgendeinem einheimischen See.
    Aber ich schreibsel so herum und eigentlich sitze ich hier mit einem breiten Grinsen (auch wenn ich mir schäbig dabei vorkomme), weil mit dem Faden aus dem Mund….ich hätte auch geguckt. Vielleicht hättest du eine Schlupfmütze (kannte man die in der Ehemaligen?) tragen sollen.
    Liebe Grüsse, ich habe fertig für diese Woche mit Arbeiten.

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  5. Januar 20, 2012 3:25 pm

    So ein festgeklebter Faden ist mir noch nie begegnet, Ich hätte da allerdings auch interessiert geguckt, schon allein, weil man ja nie weiß, ob man sowas auch einmal verpasst bekommt könnte. 😥

    Ein richtig schönes Wochenende

    Grüßle

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  6. Januar 20, 2012 8:37 pm

    Jaja, schon damals galt: Wer den Schaden hat…
    Schlupfmütze wäre eine gute Idee gewesen. Aber wie das so war damals: Genau als ich sie gebraucht hätte, hätte es sie wahrscheinlich nicht gegeben, oder nur in Kindergrößen. Das ist wie mit den Taxen. Da wusste wir ja auch, dass es die gibt. Theoretisch…
    Und an den Ohren festmachen??? Ich wette, wenn der Zahnarzt DAS gemacht hätte, hätte sich auch jemand gefunden, der dran zieht. So festgeklebt sah das schon gefährlicher aus.
    Und das mit der Unterhaltung beim Zahnarzt kenne ich. Geht mir, seit ich den im Hause habe, auch ständig so.
    Was mich bei Euren Kommentaren ein bißchen verblüfft, ist, dass den Witz vom Tampon offensichtlich jeder kennt. Die in der Straßenbahn damals auch. Und deshalb wars besonders peinlich

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