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Jedes Jahr dasselbe #1

Dezember 29, 2011

Jedes Jahr dasselbe.

Kaum hat man mehr oder weniger erfolgreich versucht,  Weihnachten  so entspannt und besinnlich es nur geht zu überstehen, droht Silvester. Mit großem Getöse.

Seit Jahren fahre ich um den Jahreswechsel weg. Weg aus der Stadt. Weg vom Getöse. Ich hasse Knallkörper nicht nur, ich fürchte mich sogar ein bissl davor. Einmal, als ich schwanger war mit dem großen Kind, steckte mir ein Idiot einen Böller in die Manteltasche. Seitdem versuche ich die Nacht der Nächte an zumindest böllerarmen Orten zu verbringen. In meiner Wohnung, als die Kinder noch klein waren, oder irgendwo auf dem Land.

Nur einmal noch habe ich mich ins Getümmel gestürzt.

Das war zur Jahrtausendwende.

Da hatten wir die glorreiche Idee, nach Mailand zu fahren. Eine in jeder Hinsicht denkwürdige Reise. 5 Erwachsen und 3 Kinder im Teenager-Alter, so fuhren wir zwei Tage vor der großen Sause zu Freunden, die irgendwo in der Nähe der Metropole wohnten. Als wir irgendwann kurz vor Mitternacht an einem Grenzübergang standen, war dieser geschlossen. Und als C einen der zwei überlebenswichtigen Sätze, die ich ihr auf der Fahrt bis dahin eingetrichtert hatte, rief, lüpfte einer der Italienischen Beamten zwar neugierig das Rollo, wohl um zu schauen, wer um dieses Zeit an diesem Ort telefonieren müsse, die Grenze aber öffnete sich nicht.

Am nächsten Tag unternahmen wir einen Ausflug. In die nahe gelegene Schweiz, nach Lugano und den dazugehörigen See. Als wir zurück und über die Grenze fuhren, saßen zwei Teenager in meinem Auto. Und meine Schwägerin. Ich reichte dem Italienischen Beamten unsere Pässe und beantwortete in bestem Italienisch all seine Fragen nach dem Woher und Wohin. Besonders interessiert erkundigte er sich immer wieder, ob wir tatsächlich alle vier, tutti quattro, daher kämen und dahin wollten. Er fand das so spannend, dass er noch einen Kollegen holte, der nun auch ins Autoinnere lächelte und die Frage nach allen vieren wiederholte. Die Schwägerin wurde derweil blasser und blasser. Die Beamten entließen uns mit einem Seufzer und einem Buon Viaggio in den Capodanno nach Milano.

Die Schwägerin erholte sich etwas und bewunderte meine stoische Gelassenheit, den Grenzern drei Pässe hinhaltend immer wieder zu bestätigen, dass wir tutti quattro seien.

Drei. Pässe?????

Teenager Nr.2?

Äh. Ja. meinen. Pass. hat. meine. Mutti.

Und die, die Mutti, saß im anderen Auto.

Am letzten Tag des alten Jahrtausends fuhren wir dann nach Mailand. Mit dem Zug. Weil wir ja alle trinken wollten. Mit dabei übrigens auch unsere Italienischen Gastgeber und Freunde, denen man ja durchaus etwas Ortskundigkeit hätte zutrauen können.

Der Jahrtausendwechsel in Milano war eine Verschwendung. Der Platz vorm Dom hoffnungslos überfüllt. Irgendwo ganz vorne sang Zucchero, was wohl nur den Einheimischen gefiel. Es gab kein großes pompöses Feuerwerk. Nicht mal ein ganz kleines. Dafür schossen ein paar Spaßvögel mit Böllern und Raketen auf die Menschen. Besonders gern auf die, die unter irgendwelchen Vordächern standen, so wie wir. Ein Auto war da auch geparkt, weswegen es dort einen größeren menschenleeren Platz gab…

3:00 Uhr schlossen die Bars und Kneipen und damit alle verfügbaren Toiletten. Die Straßenreinigung fegte um die erschöpft auf das Ende der Nacht Wartenden. Bei dem Versuch, in den Mc Donalds in einer Passage zu gelangen, es war das einzige geöffnete Lokal nach 3:00 Uhr, hatten die Drängelnden die Scheibe zerdrückt.

Es gab keine Dixies. Nirgends. Nur Menschen, Straßenfeger und geschlossene Bahnhöfe.

Erst gegen 7:00Uhr öffneten diese ihre Türen. Erst danach gab es Züge, die ein erschöpftes, durchfrorenes Volk ins Umland verstreute.

Was für ein Desaster!

Als wir zurück fuhren, nach Deutschland, hatte der Winter dieses fest im Griff. Die Staus begannen ca 30km hinter der Grenze. Noch vor München verließen wir die Autobahn und irrten über Nebenstraßen, denn die B6 war genauso verstopft, Richtung Sachsen. Ich kam in Bayern durch Orte, von deren Existenz ich bis dato nichts wusste, sah Autos in Straßengräben rutschen.. und irgendwo verloren wir die Kumpels im anderen Wagen. Es war eine Katastrophe. 24h brauchten wir für die Fahrt von der Grenze in die Tieflandbucht. Zu Hause erwarteten mich Freunde, die, gemeinsam mit ihrem 6 Monate alten Sohn und meinem damals 8jährigen kleinen Kind, Millennium in meiner Wohnung erlebt hatten. Schön soll es gewesen sein. Mit einem großartigen Feuerwerk auf dem Markt.

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9 Kommentare leave one →
  1. Brigitte permalink
    Dezember 29, 2011 10:30 am

    Psssst – ich mach mir auch nix aus Silvester. Aber mein Mitbewohner – darum sind schon drei „Batterien“ bei uns eingezogen. Die knallen aber wenigstens nur leise.
    Die Jahrtausendwende allerdings war nett: da haben wir gegrillt. Der Aufbau einer Schneebar scheiterte allerdings hier im Westen aus Mangel an Schnee.

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  2. Dezember 29, 2011 2:31 pm

    Wenn du an Sylvester mal richtig deine Ruhe haben möchtest, empfehle ich dir z.B. Tunesien. In den Touristenorten gibts zwar ein bisschen Rambo-Zambo und Party aber in unserem Viertel in Tunis wars ein Abend wie viele andere im Jahr auch…

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  3. Dezember 29, 2011 2:56 pm

    Ich überlege auch jedes Jahr, ob ich Sylvester weg fahre oder hier bleibe. Bisher hat immer hier bleiben gewonnen und wenn ich Deinen Reisebericht lese, war das vielleicht auch gut so… 😉

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  4. Dezember 29, 2011 3:28 pm

    auch die Schweiz ist (noch) relativ ruhig an Silvester, denn das Geknalle und Geböller wird sich hier für den Nationalfeiertag (1.August) aufgehoben.

    So langsam kommen aber, zumindest in Grenznähe, die ausländischen Bräuche auch hier über die Grenze geschwappt.

    Und mit Mailand habe ich auch so meine Erfahrungen…..
    Von ca. 4 mal, die wir eigentlich nur geradeaus über die Autobahn und nach Genua fahren wollten, sind wir mindestens 3 mal plötzlich in Mailand gelandet…..
    Und das ohne Navi !!!! Natürlich mitten im Berufsverkehr und tonnenweise Autos. Wir haben uns jedes Mal hoffnungslos verfranst und dann nur knapp noch unsere Fähre erwischt.

    Zum Glück gab’s dann bald die Navis.

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  5. Walter Schmidt permalink
    Dezember 29, 2011 4:16 pm

    Wie spannend!

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  6. Dezember 29, 2011 7:25 pm

    Ja, das ist das einzig Gute an meiner „Kuhbläke“, die Ruhe. Bis jetzt war noch nichts zu hören an Böllerei. Ganz still wird es nicht bleiben, aber ruhiger als in meiner liebsten Lieblingsgroßstadt ist es allemal.

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  7. Dezember 30, 2011 12:07 am

    Habe bisher keinen Platz gefunden, an dem man Sylvester ohne Krachen verbringen kann. Ich bin jedesmal froh, wenn dieses Gedöns wieder vorbei ist. Dann erst lassen wir es krachen: den Korken der Sektflasche nämlich, weil die Nachbarn ihre Böller endlich verschossen haben…
    😉

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  8. Dezember 30, 2011 11:05 am

    Als das Jahr 2000 anfing, war der Sohn ein halbes Jahr alt, und meiner Erinnerung nach waren wir bei den Schwiegereltern. Die Schwägerin hat sich kräftig besoffen und in den Hundekorb zum Schlafen gelegt.
    Als das Jahrtausend anfing (und das Jahr 2000 zuendeging), waren wir wohl auch bei den Schwiegereltern. Danach haben wir gesagt, nächstes Jahr mal nicht…

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  9. Januar 1, 2012 3:13 pm

    So, ich hab Sylvester grad an der Kriebsteintalsperre überlebt. Geböllert wurde nur am gegenseitigen Ufer, wo ein Hotel stand. Natürlich haben wir die Böllerei ringsum gehört. Aber angenehm weit entfernt. Als ich gestern um den See spazierte, warf mir niemand Zeugs zwischen die Füße. Und die drei Hunde, die mit waren, haben die Nacht auch ohne große Angstattacken überlebt.

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