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Ein Weihnachtslied

Dezember 19, 2011

Bei allen Interpretationen, die Charles Dickens‘ „Ein Weihnachtslied in Prosa“ bisher erfahren hat, fehlte bis heute noch eine. Die Jazzige.

So der so ähnlich sagt Frau Neufeldt  das Konzert an. Verstehe ich nicht. Was passt besser zu einer Geistergeschichte als Free Jazz? Wo gibt es mehr Möglichkeiten der akustischen Interpretation? Noch, wenn sie so meisterhaft vorgetragen werden wie an diesem Samstag Abend von den Herren Bauer, Keller, Dix und Brückner?

Gebannt sitze ich im Schillersaal des mediencampus und sehe den Musikern auf die Finger. Ich liebe Posaunen, da ist der Conny Bauer Schuld, der hat mich damit infiziert und dafür gesorgt, dass die Posaune mein Lieblingsjazzinstrument ist.

Mein zweitliebstes Instrument ist das Schlagzeug. Fasziniert  sehe ich Wolfram Dix zu, wie er mit dem Instrument spielt, ihm noch ein paar andere Percussionelemente zufügt und Klänge und Geräusche erzeugt, die jeden „normalen“ Schlagzeuger wie einen sich der Ignoranz der Klangvielfalt seines Instrumentes straffällig gemachten Amateur dastehen lassen.

Was ich im Jazz gar nicht leiden kann, sind Gitarren. Aber davor muss ich mich heute nicht fürchten. Eine Gitarre bleibt mir erspart.

Piano hingegen. Hm, da bin ich misstrauisch. Ich habe einen großartigen Vince Weber erlebt, erst im Konzert und dann in der Stö, wo er die ganze Nacht auf Bernds Walzenklavier rumhämmerte. Ich habe aber auch schon grauenerregende Dinge im Alten Rathaus erlebt. Der Name des Künstlers ist mir entfallen (Ich verdränge solcherart schlechte Erinnerungen gern und konsequent)

Hermann Keller aber, der war großartig. Ich recke den Hals, um nichts von dem zu verpassen, was er mit dem Flügel anstellt und herauszufinden, wie (und wo!) er ihm solche Klänge entlockt.

Sie merken schon: drei Musiker, denen ich auf die Finger guckte, das konnte ja nicht gut gehen. So verlor ich manchmal einfach den Faden der Geschichte um Ebenezer Scrooge, die von Thomas Brückner so wunderbar vorgetragen wurde. Ich entschuldige mich dafür, aber im 5. Lebensjahrzehnt ist frau auch nicht mehr so multitaskingfähig.

Übrigens, ich habe doch geholfen, den Altersdurchschnitt im Mittel zu halten. Das Publikum, reichlich in die Jahre gekommene Intellektuelle, ich wette zu einem Großteil Ingenieure, Physiker, Mathematiker, die üblichen Verdächtigen eben, schienen doch wesentlich älter als ich. Die Herren würde ich als distinguiert bezeichnen. Die kamen mit ihren Gattinnen, nicht mit den Ehefrauen. Es war auch eine Familie da. Mit Kind! Und jemand hatte seinen Enkel mitgebracht.

Es gab auch ein paar wenige Jüngere, mindestens zwei waren höchstens Mitte 20. Denen verdanke ich überhaupt ein bisschen, dass ich mich in die Villa Ida getraut habe. Ein in den 90ern so im Stil Stadthaus gebautes imposantes Ding. Das stinkt nach Geld. So wie das Viertel, wo es steht. Nobelpobel. Hätten die zwei 20jährigne nicht vor mir ihre Räder angeschlossen, hätte mich das vor dem Eingang geparkte Coupé (natürlich mit geschlossenem Deck) fast ein bisschen verschreckt. Die Bürgersteige sind peinlich sauber. Da steht nirgends ein Punk im Weg oder sogar Hundescheiße.

Aber das sind Äußerlichkeiten. Die Eintrittspreise sind absolut moderat! 15€ habe ich als Vollzahlerin hingelegt! Im Foyer flackerte auf einem Display ein Kaminfeuer.  Die Getränke, stilvoll gereicht aber zu ebenfalls moderaten Preisen, durfte man mit in den Saal nehmen. Und dann habe ich wirklich ein paar alte Bekannte getroffen. Ingenieure, Jazzfans und Programmkinogucker. Die von der Sorte, die nie was anderes hören als Jazz, und wenn, dann höchstens Frank Zappa. Oder Captain Beefheart. Ok, die sind auch in die Jahre gekommen und hören jetzt vielleicht sogar mal Klassik. Hab sie aber nicht gefragt. *schmunzel*

Nach zwei Stunden großartiger Musik und einem ganzen Haufen Erinnerungen schwinge ich mich aufs Rad und fahre durch menschenleere Straßen nach Hause. Auch im Waldstraßenviertel bin ich, abends 22:00 Uhr, quasi allein unterwegs! Die Bürgersteige sind hier übrigens schon länger „verjüngt“ worden. Ich glaube, die Radwege und Parkbuchten gab‘s sogar schon zu DDR –Zeiten. Sieht gar nicht so gruselig eng aus, wie ich mir das in der Karli vorgestellt habe.

Allerdings: Hier stehen vor den wenigen Kneipen keine Freisitze. Und Clubs, vor denen Menschtrauben stehen könnten, gibt es gar nicht. Das ist eben nicht Connewitz. Und auch nicht die Südvorstadt.

Ich werde trotzdem wieder herkommen, wenn ich nach Gohlis zur Villa Ida fahre.

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2 Kommentare leave one →
  1. Februar 28, 2012 8:52 am

    Hallo und guten Morgen!
    Habe gerade noch einmal den netten Bericht über das Weihnachtskonzert gelesen und will nur darauf hinweisen, dass es kommenden Samstag wieder einen Grund gibt, sich aufs Rad zu schwingen und gen Gohlis zu fahren, denn es gibt ein großes Fest im Campus. Der Anlass: Der Ausnahmegitarrist und unser langjähriger Freund UWE KROPINSKI ist 60 geworden und hat eine neue Solo-CD eingespielt, die er im ersten Teil vorstellen wird. Nach der Pause wollen wir ihn überraschen und haben seine Musikerfreunde und Wegbegleiter eingeladen: Joe Sachse, Michael Heupel, Baby Sommer, Conny und Johannes Bauer … – es wird gejamt …
    Also, Kommen und Weitersagen. Der Eintritt ist genauso moderat wie bei allen anderen Konzerten: 15 Euro, Studenten und Schüler 5 Euro, Arbeitslose und Rentner 10 Euro.
    Cathrin Neufeldt

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    • Februar 28, 2012 9:05 am

      Habe ich schon weitergesagt und komme am Samstag zu viert! 😀 Und wir freuen uns alle wir Bolle aufs Konzert, vor allem aber aufs jammen

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