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My busy social life (aber eigentlich gehts hier um Jazz)

Dezember 15, 2011

Da mach ich mal weiter mit der Kultur…

Gestern also habe ich mir eine Karte reservieren lassen für „Ein Weihnachtslied.“

Jazz!

Ich war seit Ewigkeiten nicht mehr bei dieser Art Event.

Dabei bin ich früher regelmäßig, häufig, und eigentlich fast größtenteils zu solchen Konzerten gegangen.

Das erste Mal 1976 oder 1977. Zu den Leipziger Jazztagen. Die fanden in der Hochschule für Fernmeldetechnik statt. Irgendwo in Connewitz.

In Leipzig kam damals nur Free Jazz in die Clubs und Konzertsäle. Da war man sehr konsequent. In den 80ern erlebte ich mal, wie der halbe Vorstand des Jazzclubs unter Protest die Kongresshalle verließ, weil die Musiker, die zum Abschlusskonzert aufspielten, so eine Art Rhythmus erkennen ließen. Ein Drittel des Saales folget ihnen…

Die Kongresshalle, das war lange Jahre der Spielort der Hauptkonzerte des regelmäßig im September ausgetragenen Festivals.

Ich ging ja erst mal für ein paar wenige Jahre in die Pampa, die sich Altmark nannte, wo ich erfolglos versuchte, die quadratisch praktische Kuh zu züchten.

Da war natürlich nix mit Jazz. Da war ja eigentlich gar nix mit Kultur.

Als damals das erste Soloalbum des genialen Conny Bauer erschien, setzte ich mich aufs Moped und fuhr 40km in die Kreisstadt, um in der Musikalienhandlung das Vinyl zu erstehen. Der Verkäufer ließ sich trotz eindringlicher Warnung meinerseits nicht davon abbringen, mich in die Scheibe „reinhören“ zu lassen. Entsetzt riss er nach den ersten Klängen die Nadel aus der Rille und wollte eine andere, „ganze“ Scheibe auflegen. Ich beruhigte ihn, dass alles in Ordnung sei und genaus so klingen müsse, wie es klang und kaufte alle Platten. Perfekte Weihnachtsgeschenke für ein paar Freunde in der Großstadt, wo  das begehrte Stück innerhalb weniger Minuten ausverkauft war.

Free Jazz ist ein bißchen wie Klettern. Man geht mit Freunden mit und wird entweder von einem unstillbaren Fieber nach immer mehr gepackt, oder man wendet sich grauselig ab und will diese Erfahrung ums Verrecken nicht ein zweites Mal machen.

So war meine Rückkehr nach Leipzig auch eine Rückkehr zu den Free Jazz Puritanern.

Ich wurde selbst aktives Jazzclubmitglied und half bei den Festivals und übers Jahr verteilten Konzerten mit.

Der Vorteil lag auf der Hand: Ich brauchte für kein Konzert mehr Eintritt zu bezahlen und da ich auch anderen zu freiem Eintritt verhelfen konnte, öffneten sich mir die Türen zu anderen Clubs, nicht nur in Leipzig.

Der Nachteil: gerade während der Jazztage bekam ich viele Konzerte nicht mit, weil ich irgendwo zu tun hatte. Andereseits sprachen wir uns im Vorfeld immer ab, so dass jeder zu seinen mindestens fünf ausgewählten Acts kam. Und! In der DDR wurde man für gesellschaftliches Engagement freigestellt, also auch für die Jazztage. Und weil die bis Sonntag abend gingen, bekam man auch den Montag frei. Das war auch nötig, denn nach vier Tagen jeweil 5 Stunden Hauptkonzerten, Zusatzkonzerten in Kuppelhallen und Galerien und bis morgens 5/6.00Uhr gehende Jam Sessions in Grafik und MB waren wir eigentlich alle schon am Sonntag Vormittag zur Kindermatinee am Ende unserer Kräfte und Nerven.

Dann schloss die Kongresshalle und wir zogen für ein Festival unter das Kuppelzelt eines großen renommierten Zirkusses. Neben manchen Jamsessions und Begegnungen waren das die Tage, die mir am einprägsamsten in Erinnerung geblieben sind.

Und die zwei folgenden Jahre in der Oper. Die dortigen Mitarbeiter waren völlig überfordert von Zuschauern, die auf Treppen hockten, statt sich ordentlich in ihre Sessel zu verfügen. Die Brandschutzverantwortlichen hätten die Veranstaltung fast platzen lassen. Das Chaos gipfelte

darin, dass die Mitarbeiter der Oper die Türen schlossen, so dass Besucher mit gültigen Dauerkarten, die später kamen oder essensversorgungstechnisch das Haus verlassen hatten, nicht mehr in den Saal kamen.

Als auch im folgenden Jahr keine Entspannung seitens der Opernmitarbeiter zu verzeichnen war, war das für mich der Punkt, aus dem Geschäft auszusteigen.

Inzwischen hat sich viel geändert.

Das Festival findet, inzwischen auf den Oktober verlegt, immer noch in der Oper statt. Free Jazz als Stilrichtung ist nicht mehr zwingend. Vielmehr definiert der Jazzclub diesen jetzt als zeitgenössisch, was immer man darunter verstehen mag. Das Festival hat nach wie vor einen hervorragenden Ruf. Jedes Jahr schaue ich mir das Programm an, gewillt, mir eine Karte zu kaufen. Indes, ich habe nie mehr etwas gefunden, womit ich die inzwischen hohen Preise für mich rechtfertigen könnte.

Wahrscheinlich ist meine Zeit einfach vorbei. Auch mit dem Klettern hören manche ja irgendwann auf.

Zu einzelnen Konzerten dagegen war ich, wenn auch selten, doch hie und da. Vor allem im „Protzendorf“, gleich hier um die Ecke.

Das Protzendorf gibt es nicht mehr.

Und nun also „Ein Weihnachtslied“ nach Charles Dickens.

Mit dem kleinen Bruder von Conny, Hannes Bauer, mit Wolfram Dix und anderen Kempen des improvisierten Jazz. Als eine Bekannte die Veranstaltung beim Gesichtsbuch postete, habe ich mir sofort eine Karte reserviert und mich gefreut.

Und dann, keine vier Stunden später, eine sms. Eine Einladung zur Feuerzangenbowle bei einer guten Freundin.

Argghh!

Wie nannte eine couchsurferein mal mein soziales Leben? „busy social life.“

Ja, manchmal können viele Freunde und viele Interessen echt eine Herausforderung sein. Vor allem dann, wenn sich alles auf einen Termin konzentriert.

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7 Kommentare leave one →
  1. Dezember 15, 2011 6:34 pm

    Mein Sohn ging mit Kumpels in Leipzig zu Jazzkonzerten, bevor er sich nach Berlin aufmachte. Ich war nicht mehr, seit Usch Brüning nicht mehr in der Moritzbastei auftrat. Ich glaube, es wird mal wieder Zeit. Hohe Eintrittspreise bremsen mich aber immer wieder aus. Aber, wenn ich reich geworden bin, …dann…

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    • Dezember 15, 2011 8:35 pm

      Ja, ist schon verdammt teuer geworden. Aber am Samstag, da kostet’s nur 15€

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    • Dezember 16, 2011 12:03 pm

      Schade, dass unsere „campus inter|national“-Reihe mit Jazzkonzerten (morgen Nr. 60!) noch nicht allen Jazzbegeisterten Leipzigern bekannt ist. Aber solche Texte wie oben tragen auch dazu bei – Danke! Die ganze „alte“Garde – angeführt von Baby Sommer – war schon da und wird auch wiederkommen. Denn: Die Musiker lieben uns 😉 und unseren Schillersaal im Mediencampus. Geben uns ja auch große Mühe: Persönliche Betreuung, bei Neufeldt/Brückner Frühstück, von jedem Konzert einen Tonmitschnitt … Und die Zuhörer sollten die moderaten Eintrittspreise nun wirklich nicht schrecken: Hergehört junges Publikum: Schüler und Studenten zahlen nur 5 Euro für jedes Konzert; die in Lohn und Brot können sich 15 Euro sicher auch leisten und Arbeitslose und Rentner zahlen nur 10! Weitersagen wäre schön … und einfach mal in unsere Konzertvorschau 2012 schauen: http://www.mediencampus-villa-ida.de/?page_id=980
      Vom KAPITAL bis zur Jam mit und für Uwe Kropinski, ein tschechisch/briti. Und wer es auch noch klassisch mag: Jeden zweiten Monat spielen junge internationale Pianisten bei unseren „Blüthner Classics“.

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      • Dezember 16, 2011 12:51 pm

        Ja, das ist ja exakt das, wo ich morgen hin will. 😀
        Die Werbung kommt dann nach dem Samstag Abend 😉

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  2. Brigitte permalink
    Dezember 16, 2011 10:40 am

    Nee, sorry, free jazz ist nicht so mein Ding, Jazz schon.
    Glücklicherweise findet mein social life dieses Wochenende zu Hause statt. Auf’m Sofa. Nach drei social event-reichen Wochenenden davor. Ich könnte zwar auch diesen Samstag zu einer Weihnachtsfeier gehen, habe mich aber mit Schnupfen entschuldigt. Oh nee, stimmt ja garnicht. Ich gehe ja heute nachmittag noch aus. Da freu ich mich auch drauf: Treffen mit gaaaaaaanz alten Freundinnen.
    Ein schönes Wochenende. Werkelst du noch oder ist jetzt wirklich alles fertisch?

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  3. Dezember 17, 2011 7:33 am

    Was ist eigentlich eine quadratisch praktische Kuh ?

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    • Dezember 17, 2011 10:47 am

      Eine Kuh, die alles kann: Viel Milch geben und nach drei bis vier Laktationen (also drei bis vier Kälbern zuzüglich den der Geburt folgenden Milchabgaben) auch noch viel Fleisch.
      Da in den 70ern alles auf Massentierhaltung konzentriert war, wo exakt 1990 Kühe in einer Anlage gehalten wurden, verglichen wir sie gern mit der Quadratischen Schokolade.
      Das Projekt war natürlich, wie Du Dir denken kannst, zum Scheitern verurteilt und statt Gewinne zu machen im Sinne von der Bevölkerung kostengünstig viel Milch und viel Fleisch zur Verfügung zu stellen, war die Produktion eines Liters Milch an manchen Orten teurer als der Verkauf! (Was ich auch mal in einer Untersuchung herausfand. Die durfte aber nicht veröffentlicht werden, abgesehen von dem anderen Ärger, den sie mir noch einbrachte.) Mit dem Fleisch dürfte es sich ähnlich verhalten haben, da die Tiere nach dem Gulag in Nachrüstungsställe mussten, wo sie erst mal aufgepäppelt werden mussten, damit der Schlachter überhaupt Fleisch findet…

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