Skip to content

Weihnachtsgansessen

Dezember 4, 2011

Einmal im Jahr, immer zur Adventszeit, treffe ich mich mit meinen ältesten Freunden, mit denen, die ich schon kannte als ich 16 war, zum Weihnachtsessen. Gestern waren zu wir  16 Leute. 10 davon gehören zu meinen engsten Freunde, die anderen sehe ich nur zum Gänseschmaus und manchmal auch zur Silvesterfahrt. Aber wir kennen uns eben schon so lange. Das verbindet.

Gestern waren wir in Wallendorf an der Luppe, wo man im Weinkeller ganz vorzüglich speist. Und dazu mussten wir, gehört doch zu so einem Weihnachtsessen Wein für die Damen und Bier für die Herren, mit dem Bus fahren. Und außerdem ist so eine Busfahrt ja lustig.

Und außerdem fuhren wir durch Günthersdorf  und drückten uns die Nasen platt, um das alte Gasthaus zu sehen, in das wir früher immer zur Disko gefahren sind. Mit dem Bus. Freunde, die es schon vor 1989 in die Leipziger Enklave nach Kreuzberg verschlagen hatte, und die nun extra zum Festmahl in die alte Heimat gekommen waren, fragten irgendwann verblüfft „War hier nicht mal alles Feld?“ Ja, war es. Jetzt aber steht hier ein Autohaus am andern. Dazu größere und kleinere Einkaufszentren. Und die alte Pilgerstätte ist jetzt eine Spielothek. Ich weiß nicht wer hier raus kommt, um zu spielotheken, denn Wohnhäuser gibt es ja nicht.

Als wir in Wallendorf aus dem Bus stolperten, sah es dagegen aus wir früher: Feld. Die übrigen Passagiere schauten uns verblüfft hinterher. Einige ältere mögen ein Dejà Vu gehabt haben. Denn vor 35 Jahren  gehörten diese Art Invasionen zu den Samstagen wie der Tannenbaum zum Heiligen Fest. Nur waren wir damals mehr als 16 Leute, die Haare waren länger und, vor allem bei den Jungs, dichter, die Klamotten andere (statt schwarz trug man damals Jeans und Parka) und es hätte uns auch niemand zugetraut, dass aus uns mal Ärzte,  Grafiker, Sekretärinnen, Musikmanager, Altenpfleger, Unternehmer, Mediengestalter, Fotografen, Müllfahrer, Buchhändler, Pflegedienstleiter und Ingenieure werden. (Allerdings, ich gebe es zu, einige wenige der damaligen Freunde sind genau den Weg gegangen, den man ihnen damals prognostiziert hat und natürlich sind noch ganz viele andere samstags nach Günthersdorf gefahren; ich kannte davon vielleicht so 50, 70)

Als wir später, mit vollen Bäuchen zurück zur Bushaltestelle tappelten, dachten wir daran, wie oft der Busfahrer früher nicht angehalten hat. Weil er die ganzen Chaoten nicht mitnehmen wollte. 15 km sind es bis in die Stadt. Und die sind wir mehr als einmal gelaufen. Das mochte sich heute keiner mehr vorstellen.

Glücklicherweise kann man ja davon ausgehen, dass die Busfahrer von damals heute alle in Rente sind, und keiner, wenn er die Haltestelle anfährt, sich erschrickt und denkt „Nein! Nicht DIE schon wieder“ und in einem Rückfall der übelsten Art aufs Gas tritt.  Schließlich ist nun doch November geworden. Es regnet und ein unangenehm kalter Wind fährt uns in die Sachen. Der Bus hält. Wir zahlen alle ordentlich und als wir eine halbe Stunde später am Hauptbahnhof ankommen, klatschen wir  und wünschen dem Fahrer ein Frohes Fest. Wir haben ja schließlich was gut zu machen.

Advertisements
4 Kommentare leave one →
  1. Dezember 4, 2011 10:39 am

    Schön beschrieben hast du diesen Abend. Ich finde am Älterwerden gerade diese wachsende Fähigkeit zum leicht distanzierten Erinnern sehr schön. Nicht gefühlsduselig – „früher war alles besser“ oder „auch where have all the good times gone“ – und auch nicht mit kühlem Kopf abwertend.
    Interessiert hätten mich allerdings noch einige nähere Informationen zur Gans 😉

    Gefällt mir

  2. Dezember 4, 2011 4:54 pm

    Schön. Busfahrer sind ja sowas wie Flugkapitäne 🙂

    Gefällt mir

  3. Dezember 4, 2011 11:07 pm

    Früher war sicher vieles anders – nur der Gänsebraten nicht! Oh dear, so etwas hätte ich auch gerne mal wieder….

    Gefällt mir

Meinungen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: