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Heimweg

November 27, 2011

Nach einem Abend mit Freunden am Connewitzer Kreuz laufe ich durch die Nacht nach Hause.

Der Wind treibt das Laub und leere Plastebecher vor sich her.

Auf den Freisitzen drängeln sich in dicke Decken gehüllte Nachtschwärmer. Das ist viel gemütlicher als die Heizstrahler in der Innenstadt. Man kann zum Beispiel auch gemeinsam unter eine Decke kriechen und sich gegenseitig wärmen. Das mache mir mal einer mit einem mit Wärme um sich schmeißenden Pilz vor!

Aus Clubs und Kneipen dringen die Beats mehr oder weniger gedämpft auf die Straße. Dort, wo es keine Freisitze gibt, stehen Raucher und Nichtraucher in dicken Trauben vor den Türen.

Die Karli an einem Sonntagvormittag im November

Die Geschäfte halten sich mit Weihnachtsdeko in den Auslagen angenehm zurück. Nur das Blumenhaus am Südplatz präsentiert einen leuchtende Weihnachtstanne, natürlich künstlich. Dafür bemerke ich ein gutes Dutzend neuer Fliesen. Ich würde gern am Vormittag herkommen und sie und die neuen Stencils mir noch mal bei Licht ansehen, vielleicht ein paar Fotos machen für meinen stadtstreicher- Blog.

Aber ich werde wohl bis Mittag schlafen und dann, dann muss ich mich weiter dem Ordnen von „wichtigen Unterlagen“ widmen. Zwar habe ich gestern die Steuer-ID-Nummer des Kindes gefunden, aber ich hab die Chance genutzt, gleich mal Ordnung ins Chaos zu bringen, die Kisten, in die „wichtige Unterlagen“ fliegen, durchzusehen und in die entsprechenden Ordner zu sortieren. Viel zu viel Arbeit für einen Samstag.

Als ich die Paul Gruner Straße überquere, denke ich über die neuen Bauvorhaben von Stadt und Verkehrsbetrieben nach, die die Karli ab hier bis Riemann oder noch weiter sanieren wollen. Dazu sollen die 16 m breiten Bürgersteige auf 10m gestutzt werden, um so mehr Platz für Autos zu schaffen. Das Gleisbett der Straßenbahn soll von der Straße separiert werden, so dass es von Autos nicht mehr befahren und -blockiert werden kann.

14000 Autos rollen täglich durch die Karli, 400 Straßenbahnen befördern 30000 Fahrgäste.  Die Fahrradfahrer hat niemand gezählt. Und alle behindern sich gegenseitig, denn trotz Parkverbot sind die Straßenränder von „nur mal kurz“ haltenden Autos blockiert.

Vielleicht sollte die Stadt lieber ein striktes Halteverbot einführen, statt die Bürgersteige zu dritteln. Denn ich bin  mir nicht sicher, dass sich die Verkehrslage, außer für die Straßenbahn mit ihrem separaten Gleisbett, durch diese Baumaßnahmen entspannen wird. Fahrradfahrer werden nicht weniger werden und ziehen neue gut befahrbare Straßen nicht immer auch mehr Verkehr nach sich? Ein Freund, der sich mit Autobahnen und Verkehrsaufkommen beschäftigt, erzählte mir das mal einen ganzen langen Abend lang.

Und wo sollen die Nachtschwärmer hin, wenn der Bürgersteig plötzlich zu schmal wird? Wenn die Freisitze dann bis zum Straßenrand reichen? Oder werden die abgeschafft? Wohin weicht der Fußgänger aus, wenn er nachts durchs Wohnviertel läuft, und dann vor den Clubs und Kneipen stehenden Menschentrauben ausweichen muss? Denn auch wenn die Freisitze mit ihren Kuscheldecken verschwinden, die Karli wird voll bleiben. Tags wie nachts. Auch wenn sie an ihrem nördlichsten Ende ihren Boulevardcharakter verlieren sollte.

Ich biege in die Riemannstraße Richtung Musikerviertel ein. Und in die Stille. Hier haben die Kneipen, die inzwischen alle Restaurants sind, schon seit drei Stunden geschlossen. Nur das Rascheln des Laubs begleitet mich. Ein paar Radfahrer, auf dem Heimweg zu ihren WGs in Schleußig und Plagwitz, überholen mich. Die Straßenlaternen tauchen alles in ein goldenes Licht. Dort wo der Wind die Straßen vom Laub freigefegt hat, bedecken die Hinterlassenschaften des Krähenvolkes die Gehsteigplatten. Es ist viel zu warm für den späten November.

Ich denke an Douglas Adams und den Bau der intergalaktischen Umgehungstraße, als ich mich durch die auf dem Boden gestapelten „wichtigen Unterlagen“ zu meinem Bett hangele und beschließe, am Donnerstag zur Informationsveranstaltung zum geplanten Umbau der Karli zu gehen.

Denn „Kommune und LVB wollen die Anregungen der Anwohner berücksichtigen, bevor ein endgültiger Entwurf vorgelegt und politisch entschieden wird“.

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8 Kommentare leave one →
  1. November 27, 2011 5:26 pm

    Ich will wieder in die Stadt *jaul*. Ich vermisse das Nachts-Heimlaufen. Laute und leise Menschen. Kneipen. Breite Straßen und ja, sogar den Sadtverkehr kann ich ab und an mal vermissen.

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  2. November 27, 2011 8:50 pm

    Du hast ja literarische Talent, liebe Gertje. Es war die erste Kurzgeschichte, die ich gerade von Dir las und ich fühlte mich sofort sehr wohl auf „meinem“ schönen Heimweg! Liebe Grüße! Beatrice

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    • November 27, 2011 9:58 pm

      Hallo Beatrice!!! Was für eine Freude, von Dir zu hören! Und willkommen auf meinem Blog. Es ist schön, wenn Du Dich hier wohlfühlst 😀
      Übrigens, im Werk II, wo ich mit Freunden an diesem Samstag Abend war, spielte in einer der Hallen Blutengel. Die Gäste waren zwar nicht ganz so weit gereist wie Pfingsten, trotzdem fühlte ich mich ein bißchen wie beim WGT

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  3. November 28, 2011 8:11 pm

    Sehr stimmungsvoll, dieser Bericht. Auch wenn ich nie in Leipzig war, kommt mir zumindest das beschriebene Stadtviertel etwas bekannt vor.
    LG

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  4. November 29, 2011 11:45 pm

    Wenn die Straßenbahn zweispurig ins eigene Gleisbett soll, dann braucht sie schon allein fast die ganzen 12 Meter, die von den Bürgersteigen abgeschnitten werden sollen. Eine Fahrspur für Autos müßte 3,50 Meter breit sein, in der Geraden wohlgemerkt, wie der lichte Raum für die Tram genau aussieht, weiß ich nicht, aber sie braucht dann ja auch eine gewisse Pufferzone zum Gummirad-Verkehr. Vielleicht gibts auch noch Radwege, aber für zusätzliche Autospuren neben der Tram wirds nicht reichen. Insofern auch wenig Verbesserung für die Autofahrer, außer daß sie sich mit der Tram nicht mehr ins Gehege kommen.

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    • November 30, 2011 7:27 am

      Oh, das ist gut zu wissen. Habs mir gleich notiert und weiß heute Abend eon bisschen besser Bescheid und habe vielleicht ein Argument.

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