Skip to content

Zwischen Anspruch und Realität

November 26, 2011

Oder Leipziger Kaspertheater im Fußballstadion

Wenn es nicht ausgerechnet in Leipzig stattfinden würde, würde ich ja drüber lachen. Es ist wirklich beschämend.

Da gibt es in dieser Stadt zwei „Traditions“fussballvereine.

Der eine fühlte sich als Nachfolger des 1. Deutschen Fußballmeisters, des VfB.

Der andere fühlte sich in der DDR ständig gemobbt. Gut, den Ausdruck gab‘s damals noch nicht, trotzdem schlüpften Fans und auch manche Spieler und Funktionäre bereitwillig in die Rolle des Opfers.

Der eine schnupperte Internationales Flair in diversen UEFA-Cup-Spielen, der andere beklagte, dass er nie zu solchen Ehren kommen könne, weil ihm ja a) ständig die guten Spieler geklaut wurden vom anderen Verein und er b) als BSG soundso benachteiligt wäre.

Die Fans mochten sich schon damals nicht. Aber das soll in anderen Städten mit zwei gleichwertigen Fußballvereinen ja nicht anders sein.

Nach der Wende verschwanden beide Mannschaften in der Bedeutungslosigkeit. Zum Glück auch irgendwann in verschiedenen Ligen, so dass es nur noch selten zu Ortsderbies kam, die in Leipzig seit jeher zu einer Art Kriegszustand führten.

Sponsoren sahen sich nicht in der Lage, einen der Vereine finanziell so zu unterstützen, dass es einer aus der Bedeutungslosigkeit heraus geschafft hätte. An eine Zusammenlegung und Bündelung der Kräfte war wohl auch nicht zu denken.

Stattdessen wurde, als das für die Fußball-WM teuer sanierte Zentralstadion zu vereinsamen drohte, eine neuer Verein gehypt. Zu diesem gehen nun nur Kinder oder Zugezogene. Leute, die sich nicht schon als Kind für einen der beiden „Traditionsvereine“ entschieden hatten. Die Fans der etablierten Mannschaften lehnten den neuen künstlich geschaffenen schon aus Prinzip ab und sind sich darin ausnahmsweise mal einig.

Jahre vorher hatte sich der vom früheren Ruhm zehrende Verein wieder in Vfb umbenannt, war Pleite gegangen und von Fans unter seinem DDR Namen zu neuem Leben erweckt worden. Beginnend in der untersten Liga legte die Mannschaft eine beispiellose erste Saison vor, mit Gastspielern aus UEFA-Cup-Zeiten oder einem Lothar Matthäus. Diese Politik sicherte große Zuschauerzahlen und damit einhergehende nicht zu verachtenden Einnahmen. So konnte das Stadion, das als eines der letzten in Deutschland über eine Holztribüne verfügt, zumindest soweit erhalten werden, dass es noch bespielbar ist. Und die Nachwuchsarbeit war auch gewährleistet.

Der alte Hass zwischen den Fans blieb, zudem wurden sie nun pauschal in links und rechts eingeteilt.

Auch der andere Verein benannte sich um. Und ging pleite.

Doch statt dem Beispiel des alten Rivalen aus dem Süden der Stadt zu folgen, spaltete sich dieser in zwei neue Vereine. Der eine nahm den alten DDR-Namen an, den man aber schon einige Jahre vorher gesichert hatte, vielleicht tat er sich auch mit einer anderen unter dem DDR-Namen gegründeten Spielvereinigung zusammen, wer blickt da schon noch durch, der andere benannte sich nach dem allerallerersten, dem Vorkriegsnamen. Und es scheint so, als hassen sich zumindest Teile der Fans der neuen Mannschaften mehr als den alten Rivalen aus der Südstadt. Beide sehen sich als legitimer Nachfolger des untergegangenen Vereins. Beide spielen im gleichen Stadion und beide spielen in derselben Liga.

Diesselbe Liga?

D.H., es kommt zum Ortsderby, nein, zum Stadionderby? Wie nennt man das?

Mir fällt dazu nur ein Wort ein: lächerlich.

Der Leipziger Fußball dümpelt seit Jahren bedeutungslos vor sich hin. Und so, wie sich die Leutzscher grad benehmen, wird es wohl nicht besser werden.

Da hätten sich die Fußballer und Fans aus dem Westen der Stadt wirklich ein Beispiel an ihren Feinden aus dem Süden nehmen können. Und aus deren Fehlern lernen. Z.B indem man per Statut den braunen Mob gleich versucht, aus dem Stadion fernzuhalten.

Nun gibt es also einen Traditionsverein in Leipzig, zwei Vereine, die beide einen alleinigen Anspruch auf den anderen Traditionsverein erheben, einen seelenlosen, dabei finanziell um so besser dastehenden „Verein“ (das Wort geht mir in dem Zusammenhang nur schwer über die Lippen), aber keinen Verein in der Bundesliga.

Stattdessen gibt es am Sonntag ein Spiel mit erhöhten Sicherheitsauflagen, was dazu führt, dass die Eintrittspreise mal kurzfristig um 2€ erhöht werden müssen (Sicherheitskräfte wollen schließlich auch bezahlt werden)

Und wieder mal zeigt der Fußball, der doch in erster Linie Spaß machen sollte, dass er  letztendlich ein Spiegel unserer Gesellschaft ist. Statt die Dinge selbst bestimmt in die Hand zu nehmen, zanken sich Leute um Namen, Spielstätten und Logos, während andere das große Geld machen.

Advertisements
4 Kommentare leave one →
  1. November 26, 2011 1:37 pm

    Zwei gleichwertige Vereine in einer Stadt kann es aus Sicht eines Fußballfans natürlich niemals geben 🙂
    Leider ist es wohl so, dass der Leipziger „Verein“ auf lange Sicht die größeren Chancen hat, in der Bundesliga zu spielen. Fußball ist ein hochkommerzielles Geschäft geworden, Vereine werden geführt wie marktwirtschaftliche Unternehmen, für Amateure ist da kein Platz, leider auch nicht mehr für so manchen Traditionsverein. Im Eishockey ist das noch viel schlimmer, da werden ganze Vereine aufgekauft, umgesiedelt, umbenannt und installiert, wie in den USA.

    Gefällt mir

    • November 26, 2011 4:43 pm

      Frag nicht nach Eishockey! Da spielen sich hier ganz merkwürdige Dinge ab.
      Und das Fußball (leider) ein Geschäft geworden ist, ist mir schon klar. Nur das es soo krass läuft wie hier mit dem RB, ist erschreckend. Vor der Fußballmannschaft versuchte man übrigens das ganz große Geschäft mit einem Frauenhandballteam (!!! in L.E. gibt es mit dem HCL eine der besten Mannschaften Deutschlands) zu machen. Meine Nichte spielte da als „Studentische Hilfskraft“. Als sie nach einer(!) Saison nicht den Aufstieg schafften, wurden alle entlassen und der RB gegründet…

      Gefällt mir

  2. November 27, 2011 12:16 am

    Hier gibt es inzwischen zwei echte Retortenvereine, den HSV Handball, ehemals HSV Lübeck, ausgestattet mit der Bundesligalizenz des VfL Bad Schwartau und im Eishockey die Hamburg Freezers, Nachfolger der München Barons, die einfach mal umgesiedelt wurden, weil man die neu gebaute Color Line Arena nicht mit jährlich maximal 10 Konzerten irgendwelcher Superstars refinanzieren konnte, also hat man Sportvereine „installiert“, die für volle Hütte sorgen sollen.
    Natürlich mit dem nötigen finanziellen Hintergrund, ohne Erfolg kommt ja keiner, was bei den Handballern inzwischen einmal für die deutsche Meisterschaft gereicht hat, während die Kufenrowdies wegen anhaltendem Misserfolg kurz vor der Auflösung standen. Nach einer dicken weiteren Finanzspritze sind die inzwischen in der Spur und spielen oben mit, jetzt hoffen sie auf mehr Zuschauer, und die vorhandenen Fans kündigen in der Zeitung mehr Stimmung auf den Rängen an.
    Auch wenn ich Handball und Eishockey grundsätzlich für spannende Sportarten halte, solche Vereine interessieren mich null. Das ist 100% Kommerz, mit der Sportabteilung einer amerikanischen Vermarktungsfirma kann ich mich nicht identifizieren, das hat mit meiner Stadt nichts zu tun, das hat mit meiner sportlichen Sozialisation nichts zu tun. Handball war Großwallstadt und Gummersbach, Eishockey war Füssen und Landshut, in Hamburg ging man zu St.Pauli oder zu dem anderen Verein, aber man ging zum Fußball.
    Ich bin nicht mal sicher, ob ich eine geschenkte Karte ausnutzen würde. Naja, wahrscheinlich doch, immerhin könnte man drüber bloggen und in dieser komischen Halle war ich noch nie. 😀

    Gefällt mir

  3. Dezember 4, 2011 6:36 am

    Hab mal die Blau-Gelben als auch die Weiß-Grünen einmal in ihren Stadien besucht. Was sich da mit den Traditionsvereinen abspielt ist schade, aber auf Dauer wird sich RB dann durchsetzen und die Leute ins Stadion locken und die Funktionäre der „alten“ Vereine stacheln ihre Fans, welche von Jahr zu Jahr weniger werden, immer noch gegeneinander auf…

    Gefällt mir

Meinungen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: