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Das Hexenhaus

November 9, 2011

Als ich mich gestern also, teils vom Lärm vor dem Fenster vertrieben, teils vom Sonnenschein gelockt, dem ärztlichen Rat folgend in den Park begab, verschlug es mich, aus mancherlei Gründen in eine Ecke desselben, wo ich einige Jahre nicht mehr hingekommen bin. Es ist nämlich so, dass die Sonne, so lobenswert ihr Engagement, mir die Nebenhöhlen trocken und frei zu scheinen auch ist, im beginnenden November dann doch nicht mehr in der Lage ist, Parkbänke derart aufzuheizen, dass man da länger als 10 min sitzen kann, ohne das die Kälte sich von unterhalb der Hüften in den nach Gesundung heischenden Körper schleicht, so dass ich, meine Nebenhöhlen immer brav der Sonne entgegenhaltend, auf das sie diese frei brutzele, mich von Parkbank zu Parkbank BEWEGTE.

Da aber ein unbedachter Pilzsammler am Sonntag einen Arm irgendwo zwischen Elsterwehr und Zeppelinbrücke gefunden hatte, fühlte sich die Polizei am Montag geradezu verpflichtet, nach weiteren Körperteilen zu suchen. Sie war auch recht erfolgreich und fand alles, bis auf den Kopf, den sie nun, vom Ehrgeiz gepackt, am Dienstag weitersuchte. Und weil sie nicht wollte, dass ihr ein weiterer Pilzsucher den Erfolg etwa streitig machte, hatte sie ausgerechnet den Teil Park, in dem ich meine Nebenhöhlen am liebsten der Sonne entgegen recke, gesperrt.

So kam es, dass ich in Gegenden kam, in die ich sonst nie bis selten komme. Dabei spielte sich gerade in einer dieser Ecken eine Geschichte ab, die schon in meiner frühesten Jugend einen ernsthaften Hinweis auf mein unstetes Wesen hätte geben können, hätte man sie nur (in dieser Hinsicht) Ernst genommen.

Damals lebten wir alle in einer großen Wohnung am westlichen Ende des Parks, an dessen östlichem Ende ich jetzt wohne. Und weil meine Eltern und Tanten und Onkel noch studierten oder zur Schule gingen und meine Großeltern arbeiteten, um den ganzen Haufen zu ernähren, verbrachten wir Kinder die Tage in einem Kindergarten. Der befand sich in einem schönen Wald, den nur eine große Straße von dem Park, um den es hier ständig geht, trennte.

Ich soll ein sehr phantasievolles Kind gewesen sein, was meine Mutter einigermaßen entzückte, meinem Vater dagegen Kopfschmerzen bereitete.

Als ich also eines schönen Nachmittags mit der Kindergartengruppe durch den Wald spazierte, immer schön in Zweierreihen und die Nachbarin an die Hand gefasst, wollte mir eben diese nicht glauben, dass die Bäume hier dick genug wären, dass sich zwei Menschlein wie wir dahinter verstecken könnten und NIEMAND uns sehen würde.

Wir passten den richtigen Moment ab und dann bewies ich ihr meine Theorie.

NIEMAND  sah uns!

Ich weiß nicht, ob wir zunächst versuchten, unsere Kindergartengruppe wiederzufinden oder den Kindergarten selbst. Dass wir das Hexenhaus suchen wollten, darin kann ich mich auch nicht erinnern. Das, behauptet aber meine Mutter, hätte ich wohl später immer als Erklärung für die Ereignisse des Nachmittags vorgebracht.

Ich weiß nur, dass meine Nachbarin mir das mit den Bäumen nicht glauben wollte und dass wir, erstmal allein, irgendwann in jenem Stück Park landeten, in das es mich heute durch Zufall verschlagen hatte. Dazu hatten wir irgendwo die große Straße überqueren müssen, was den damals involvierten Erwachsenen vermutlich noch nachträglich das Blut gefrieren ließ. Auf der großen Wiese stand das Gras so hoch, dass nur mein Kopf herausschaute, das weiß ich genau. Und dass wir eine Weile ausgelassen Verstecken spielten indem wir uns einfach hinhockten.

Dieses Foto enstand natürlich zu anderer Gelegenheit, wie man ja auch am viel zu kurzen Gras sehen kann

Irgendwann als es dunkel wurde oder wir Hunger bekamen, liefen wir nach Hause. Und weil wir ja am Park wohnten, fanden wir das meine auch recht einfach und schnell. Dort empfing uns meine ganze Familie. Mein kleiner, nur 10 Jahre älterer Onkel, hatte zwar das kleine Spiel, das wir immer veranstalten, wenn ich klingelte, heute aus unerfindlichen Gründen nicht mitspielen wollen und war auch sonst seltsam ernst, dafür saßen in der Stube neben alle meinen Tanten und Onkeln, den Eltern, Großeltern und Cousinen, auch zwei echte Polizisten!!! Und das Beste: Die waren nur wegen mir da! (Naja, und wegen meiner ungläubigen Kollegin aus der Kindergartengruppe wohl auch)

Gestern habe ich das Hexenhaus übrigens gefunden, oder so was in der Art…

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6 Kommentare leave one →
  1. November 9, 2011 1:08 pm

    Irgendwie hinterlässt diese Geschichte eine merkwürdige Stimmung.
    Eine ähnliche Erinnerung habe ich auch, zwar komplett anders, aber dort gab es auch ein Hexenhaus, im Wald, in dem ich als noch junges Schulkind mal eine Sense mit etwas Rotem dran fand…:/

    Ich hoffe bis heute, dass es nur Farbe war 😀

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  2. November 9, 2011 1:50 pm

    Herrlich. Diese Weglaufgeschichten sind immer wieder schön, und sie gehören einfach dazu. Weniger schön ist es, wenn die eigenen Kinder weglaufen und das eigene Blut schockgefriert. Deine arme Sippe aber auch 😉
    (Und hoffentlich hat man die fehlenden Körperteile bald zusammen. Das ist ja grauseligst!)

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  3. November 9, 2011 2:06 pm

    Oh Gott! Ich hoffe, deine Eltern können heute drüber lachen 🙂

    Sowas hab ich ja nie, nie gemacht. Allerdings gab es bei uns eine abgelegene Scheune, in der (so der lokale Kindermythos), kleine Kinder gefangengehalten und geschlachtet werden. Frag nicht, wie leise wir um das Ding rumgeschlichen sind 😉

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  4. November 9, 2011 7:11 pm

    Kleine Mädchen auf dem Weg zu Hexenhaus … Irgendsoetwas ähnliches muß es bei mir auch gegeben haben – nur lief ich zu einer Burg mit Folterkeller usw.

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  5. November 9, 2011 11:19 pm

    Ja, zumindest meine Mutter lacht heute herzlich drüber. Mir ist so was, als Mutter, zum Glück erspart geblieben.
    Und was den Fund am Elsterbecken betrifft: Die Polizei hat auch heute gesucht und nichts gefunden. Sie kämmt nach und nach das ganze Kanalgebiet ab. Ich, die ich eigentlich ganz gern am Wasser bin, meide dieses vorläufig. Man weiß ja nie…

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