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Möbel statt Messe

Oktober 24, 2011

Wer in Leipzig Möbel kaufen will, also ganz normale Möbel, die man sich in die Wohnung stellen und auch bezahlen kann, muss mindestens in die Außenbezirke fahren oder gar über die Stadtgrenzen hinaus. Deshalb fassten die Stadtväter den nicht ganz unklugen Beschluss, dass ein Einrichtungshaus her müsse. Das den Zuschlag nun ausgerechnet ein Anbieter erhielt, der auch bisher ganz gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar und dazu noch in einem sich nicht durch Leerstand auszeichnenden Wohngebiet innerhalb der Stadtgrenzen liegt, mag für Verwunderung sorgen. Andererseits sitzen auch in Leipzigs Stadtverwaltung Politiker. Und wer wundert sich heutzutage schon über die Entscheidungsfindungen von Politikern?

So ein Möbelhaus braucht natürlich Platz. Möglichst zentral sollte es auch liegen, denn sonst hätte es ja in Paunsdorf (mit der Straßenbahn in 30 min vom Stadtzentrum aus zu erreichen) bleiben können, wenn schon nicht Steuern, die dem Umland bisher zugute kamen, herein geholt werden sollen.

Nun hat eine Stadt, die zu den ältesten Messestandorten der Welt zählt, tatsächlich solche günstig liegenden Flächen anzubieten. Nämlich das alte Messegelände.

Messehalle 1 und Doppel-M

Messehalle 1 und Doppel-M

3 km vom Stadtzentrum entfernt, 50 ha groß, dümpelt es, seit es ganz im Norden ein neues, größeres Messegelände gibt, nun schon im 2. Jahrzehnt vor sich hin. Zwar gibt es seit 1996 einen Umnutzungsplan, trotzdem stehen noch viele Flächen und Gebäude leer bzw. werden nur sporadisch genutzt.

Nachdem 1913 und 1914 auf dem Gelände  schon Internationale Ausstellungen statt gefunden hatten, wurde das Areal von 1920 bis 1991 für die Technischen Ausstellungen im Rahmen der Leipziger Messe genutzt. Dafür wurde in den 1920er und 1930er Jahren ordentlich gebaut, es entstanden so an die zwei Dutzend Messehallen, dazu zahlreiche kleinere Gebäude.

Messebetrieb 1984

Nach der Zerstörung während eines Bombenangriffs folgten nach 1945 Reparatur, Wieder- Um-, Aus- und Neubauten.

Seit 1996 kümmert sich die Leipziger Entwicklungs- und Vermarktungsgesellschaft um die Zukunft des alten Standortes. Dafür wurde abgerissen, neu gebaut und um genutzt.

Messehalle 7 z.B. wird als Fußballhalle genutzt, in der zum Eisstadion umgebauten Halle 6 spielt das lokale Eishockey Team und in Halle 11 geht man jetzt, gleich neben dem Sowjetischen Pavillon, zu Hit einkaufen. Die Bundesbank hat sich gar einen Neubau geleistet.

Sowjetischer Pavillon

Und nun also ein Möbelhaus. Dafür muss wieder mal kräftig abgerissen werden. Denn Einrichtungsketten wie diese bauen standardisierte Filialen, das passt einfach nicht zu den Maßen alter denkmalgeschützter Häuser.

Wozu nun die Aufregung, fragt sich der Leser, wurde doch in den letzten Jahren offensichtlich schon fröhlich abgerissen. Und schön sieht ein vor sich hinsiechendes Bauwerk nun wirklich nicht aus, und wenn es deren gleich mehrere sind, schon gar nicht .

Die Messehallen 2 und 3

Nun, die Hallen 1-3, die den Möbeln zum Opfer fallen sollen, bilden zusammen mit dem Doppel-M am Nordeingang eines der Wahrzeichen der Stadt. Zudem sind die Bauten des Architekten Curt Schiemischen historisch gesehen nicht ganz uninteressant, sind die großen Glasflächen von Halle 3 doch dem Neuen Bauen, einem architektonischen Stil der 1920er Jahre, zuzuordnen, während die strenge Steinverkleidung von  Halle1 und der Mittelteil NS-Architektur repräsentieren.  Das verleiht dem Haus einen ganz eigenen Charakter. Das Gesicht der Technischen Messe, wie es sich dem Besucher bietet, wenn er vom Südosten ins Zentrum fährt, geht mit dem Abriss der Bauten verloren.

Messehalle 1

Messehalle 2

Messehalle 3

Versuch einer Gesamtansicht der Hallen 2 und 3

Natürlich ist es wichtig, dass Nutzer für die Gebäude gefunden werden. Und Investoren. Viel zu viele Messehäuser, auch an anderen Standorten der Stadt, sind dem Verfall preisgegeben, dazu die ehemaligen Druckereibetriebe, und noch genug Industriebauten im Westen der Stadt. Nur würde ich mir wünschen, dass die Verantwortlichen etwas sorgsamer mit unserem Erbe umgehen.

Und was passiert eigentlich mit dem Leipziger Eishockeyteam in Halle 6? Denn die Leipziger Entwicklungs- und Vermarktungsgesellschaft hat deren Spielstätte und die Hallen 4 und 5 gleich mit verkauft. Da baut der Möbelriese sein Warenlager hin.

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7 Kommentare leave one →
  1. Oktober 24, 2011 8:43 pm

    Den, äh, sorglosen Umgang mit dem architektonischen Erbe der Vergangenheit übte man in Leipzig leider schon öfter. Seinerzeit aus ideologischen Gründen, heute aus purem Mammon – aber ist das nicht auch eine Ideologie, eine pseudo-Religion?

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    • Oktober 25, 2011 9:15 pm

      Ach! Jetzt wollte ich mich auf Deinem Blog umsehen und musste feststellen, ich hab das schon mal versucht und festgestellt, dass es nicht geht.

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      • Oktober 25, 2011 10:22 pm

        du siehst doch meine Mail, oder? Schreib mir eine Mail, und ich schreib dir.
        Oder laß einen Kommentar auf locojustloco.wordpress.com.

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  2. Oktober 24, 2011 11:58 pm

    Naja, es gibt architektonisches Erbe, auf das man gut verzichten kann. In Hamburg werden gerade reihenweise schreckliche Bauten aus den 70ern abgerissen oder neu verkleidet, damit man dann in 40 Jahren die schrecklichen Bausünden der 2010er abreißen kann. Alles austauschbare Stahl + Glas Architektur in Klötzchenbauweise.
    Gibt es tatsächlich Erhaltenswertes, ist das zu teuer, kein Geld da, inzwischen schon eine nicht zu rettende Ruine oder die Abrissbirne war schneller als das Denkmalschutzamt.
    Möbelhäuser in der Stadt sind dafür scheinbar gerade schwer angesagt, der blaugelbe Schwede macht sich hier mitten in Altona breit, und alles wartet gespannt auf den Verkehrskollaps.
    Leipzig, Hamburg, wo man auch hinguckt, überall der gleiche Mist.

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    • Oktober 25, 2011 10:21 am

      Ja, da hast Du schon Recht. Nur in Leipzig verfallen die alten Messehäuser, die nicht im Zentrum stehen, gerade reihenweise. Es scheint kein vernünftiges Konzept zu geben, wenigsten einige der wichtigsten so zu erhalten, dass sie vernünftig genutzt werden können und ihre denkmalgeschützte Substanz erhalten bleibt. Auf der alten Messe gab es so um die 27 Messehäuser, zwei davon in den 60ern gebaut. Da kann man schon ein paar abreißen. Aber gerade die drei, die ich oben beschreibe, gehören, da sie an einer stark befahrenen Straße liegen, zum Stadtbild.
      Dazu kommt, dass sich die Leipziger vor allem zu DDR-Zeiten sehr stark mit der Messe identifiziert haben, brachte sie doch zwei Mal im Jahr etwas frischen Wind und das Gefühl von Welt in die Stadt.
      Jetzt ist von den Messen kaum noch etwas zu spüren, finden sie doch weit draußen am Stadtrand statt. Leipzig befindet sich im Umbruch. Die Druckereien sind weg, die großen Spinnereien, die Messen unsichtbar. Alles Dinge, worauf die Bürger hier eigentlich stolz sind. Umbruch und Neuorientierung ist ja ok, aber man sollte einer Stadt auch ihre Geschichte ansehen können. Das Völkerschlachtdenkmal reißt ja auch niemand ab.
      Und das neue Möbelhaus, für dessen Bau extra ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben wurde, das sieht eigentlich aus wie andere Möbelhäuser auch.

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